Indierockband Gewalt Sorgfältig verkrampft

Gewalt sind ein lärmender Fremdkörper in der deutschen Indierock-Landschaft: Das Trio um den ehemaligen Surrogat-Sänger Patrick Wagner spielt Musik zur Herstellung von Ausnahmezuständen.

Rockband Gewalt
Edisonga

Rockband Gewalt

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Das Erste, was einem von der Bühne entgegenschlägt: immenser Krach.

Das Trio Gewalt hat es gern laut. Bassistin Yelka Wehmeier und Gitarristin Helen Henfling schichten Noise-Flächen übereinander, den Takt gibt ein entseelt ramenternder Drumcomputer vor. Sänger und Gitarrist Patrick Wagner trägt einen blutbefleckten weißen Anzug und schreit Stichwortballungen ins Mikro: "Arbeit. Krankheit. Tod", heißt es in dem Stück "Pandora", "Verletzung sucht uns heim/ Wie eine Sucht". Ein erkennbar geplätteter Konzertbesucher bedankt sich nach dem Auftritt in Bremen bei der Band: "Ich bin ja kein Borderliner, aber ab und zu tut so was echt gut."

Derart existenzialistisches Pathos würde bei anderen Bands zu Kitsch gerinnen. Hier nicht. Vielleicht liegt es am auffälligen Starrsinn der Musik. Alles wirkt sorgfältig verkrampft und gepresst. Damit stehen Gewalt in der vor allem um Gemütlichkeit bemühten deutschen Indierock-Landschaft zurzeit recht singulär da. Die ersten Fanreaktionen deuten darauf hin, dass diese Band und die von ihr abstrahlende Dringlichkeit bei vielen auf große Resonanz stoßen könnte.

Kann aber auch sein, dass das Ganze nur eine kurze Eruption bleibt. Die Sperrigkeit der Musik findet ihre Entsprechung nämlich in der Verweigerung gängiger Verkaufsstrategien. Erwerben kann man bislang nur eine Vinyl-Single mit zwei auf einem Tapedeck aufgenommenen Songs, erschienen ist sie auf dem Kleinstlabel Slowboy/In a Car. Anhören und digital erwerben kann man die Gewalt-Songs auf ihrer Bandcamp-Seite.

Gewalt-Bassistin Yelka Wehmeier
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Gewalt-Bassistin Yelka Wehmeier

Im März ging das Trio auf Tour durch ein paar Städte, am Dienstag sind sie in Berlin zu Gast. Ob es ein Album geben wird, wisse man noch nicht, aber das sei auch gerade nicht so wichtig. Es herrscht Abgeklärtheit: "Ich kenne viele Musiker, auch erfolgreiche, und deren Leben kommt mir weiß Gott nicht traumhaft vor", sagt Patrick Wagner.

Kommerzielle Ambitionen sind bei Gewalt offensichtlich nicht vorhanden: "Wir lieben einfach diesen Schalldruck und haben irgendwann festgestellt: Interessant, wir sind eine Band. Und wenn wir fünf Lieder nicht spielen können, gehen wir auf die Bühne." Das ist nicht ironisch gemeint, das Nichtüben ist die Voraussetzung, um Sicherheit und Routine gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Risse im Gefüge

Desillusionierung ist ein Leitmotiv dieser Musik, bei Gewalt wie auch bei Wagners 2003 aufgelöster Band Surrogat. Mit ihr spielte er maximal unentspannten Math Rock und proklamierte in konfrontativer Selbstherrlichkeit, was junge Menschen mit Rockstar-Ambitionen gern insgeheim denken, aber nicht so unbescheiden vor sich her tragen: "Wir sind wir/ Wir sind die, die es gibt/ Wir sind die Größten", sang Wagner vor 16 Jahren. Beim erneuten Hören fällt auf, wie gebrochen dieser Welteroberungsgestus damals war. Die Beschwörung des eigenen Höhenflugs erschien auch als Möglichkeit, mit der Angst vor dem Scheitern klarzukommen: "Wir sind immer oben/ Und wenn wir unten sind/ Ist unten oben", hieß es auf der letzten Surrogat-Platte "Hell in Hell".

Sänger Patrick Wagner
Edisonga

Sänger Patrick Wagner

Drei Jahre nach dem Ende der Band ging Wagners eigenes Label Louisville Records pleite. In der Zeit zwischen Surrogat und Gewalt hat er keine Musik gemacht. "Ich hab nach zwölf Jahren meinen Verstärker wieder angemacht, und als ich das Brummen gehört hab, bekam ich Gänsehaut und einen Schweißausbruch. Ich hab mich erinnert, was das für mich einmal war." Kontinuität ist dennoch vorhanden: Damals wie heute artikuliert sich mit Wagner ein Sängersubjekt, das die Dinge nicht souverän regelt, sondern aufgebracht auf Risse im Gefüge hinweist.

Um Risse ging es vor allem in den zahlreichen Liebesliedern Wagners, die in wenigen Zeilen von missglückten Versuchen erzählten, Nähe auszuhalten. Bei Gewalt findet sich dieser unerschrockene Blick auf die - Zitat Surrogat - "emotionale Vergletscherung" wieder. Der Song "Szene einer Ehe" hat nur wenige Textzeilen, die zentrale ist: "Was willst Du denn von mir?", mehrmals wiederholt. Den Rest erledigen die autistisch um sich selbst kreisenden Gitarren. "Ein vertontes Augenrollen", nennt es Wagner - der Moment, in dem man bereits weiß, was der andere gleich sagen wird, und es nicht mehr hören will. Der weiße Anzug, den er auf der Bühne trägt, sei sein Hochzeitsanzug, "Szene einer Ehe" ist seiner Ex-Frau gewidmet. Und die Flecken, korrigiert Wagner im Gespräch, das sei kein Blut, sondern Rost.

Sich selbst den Boden wegziehen

Drei No-Budget-Clips haben Gewalt bislang zu ihren Songs gedreht. Der neueste, "So soll es sein", ist mit einer Szene aus Andrzej Zulawskis Horrorklassiker "Posession" unterlegt. Man sieht der Schauspielerin Isabelle Adjani beim Ausrasten in einer Berliner U-Bahnstation zu. "Wände, Decke, Boden/ Kein Boden unter dir/ Kein Tisch, kein Stuhl/ Der Raum ist leer/ Du kannst nicht mehr." Am Ende läuft Flüssiges aus Adjanis Mund.

Gewalt interessieren sich zuallererst für die Konfrontation mit sich selbst und gehen damit noch einen Schritt weiter als verwandte jüngere Bands wie Die Nerven oder Messer. Vielleicht glaubt man mit Mitte vierzig auch einfach nicht mehr an dir große Auflehnung gegen die Welt: "Es hat uns jemand über Facebook angeschrieben, ob wir nicht in seiner Stadt spielen wollen, um da mal mit der Heuchelei aufzuräumen", sagt Wagner. "Ich hab zurückgeschrieben, dass ich lieber mit meiner eigenen Heuchelei aufräume."

In all dem wirkt die Band wie ein lärmender Fremdkörper. Vielen Männern mit knuffigen Indiegitarren geht es zurzeit wieder verstärkt ums melancholisch verbrämte Einverstandensein. Gewalt dagegen spielen Musik zur Herstellung von Ausnahmezuständen: Wehmeier, Henfling und Wagner arbeiten an dem Versuch, sich selbst den Boden wegzuziehen und zu gucken, wo man dann noch landen kann.

Gewalt live: 17. Mai in Berlin, Urban Spree

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
angst+money 17.05.2016
1. Patrick Wagner Superstar
Das waren noch Zeiten. Surrogat hatten schon was, wurden aber ihre Kopflastigkeit nicht los. Im Zweifelsfall lieber "Mutter".
RevMob 17.05.2016
2. ach naja nee
Rockmusik ersetzt den regelmäßigen Termin beim Psychologen oder was? Surrogat hatten Klasse, irgendwie. Aber da waren wir auch alle noch jünger. Das hier wirkt wie Midlifecrisis nach Konzept. Öde.
elliot_69 17.05.2016
3.
Zitat von RevMobRockmusik ersetzt den regelmäßigen Termin beim Psychologen oder was? Surrogat hatten Klasse, irgendwie. Aber da waren wir auch alle noch jünger. Das hier wirkt wie Midlifecrisis nach Konzept. Öde.
Die Beschreibung der Band durch den Autor lasse ich mal außen vor. Ich habe damals keinen Zugang zu Surrogat gefunden und seitdem bin ich tatsächlich auch älter geworden. Und wissen Sie was? Diese Musik hier gefällt mir! Ob ich nun deshalb in der Midlifecrisis stecke?
freddykrüger, 17.05.2016
4. Daumen runter!
Die erwähnung eines Drumcompters hat das Lesen des restlichen Artikels überflüssig gemacht.
angst+money 17.05.2016
5.
Zitat von freddykrügerDie erwähnung eines Drumcompters hat das Lesen des restlichen Artikels überflüssig gemacht.
wie putzig. Drumcomputer-Diskussionen 2016. Jetzt werd' ich richtig nostalgisch...
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