US-Rockband Green Day: "Politischen Furor kann man nicht faken"

Vom Spaßpunk zur Rockoper - und zurück: Green Day veröffentlichen gleich drei neue Alben mit Party-Songs. Sänger Billie Joe Armstrong erklärt im Interview, warum er mit 40 noch Punk ist, wie seine Söhne das finden und warum sich Polit-Songs nicht aus dem Ärmel schütteln lassen.

Green Day: Spaßrock statt Politik Fotos
DPA

SPIEGEL ONLINE: Mr. Armstrong, die letzten beiden Alben Ihrer Band Green Day waren politische Statements und zeichneten ein kritisches Bild der amerikanischen Gesellschaft. Jetzt bringen Sie in den kommenden Monaten gleich drei neue Platten heraus, die einfach Spaß machen sollen. Keine Lust mehr auf Politik?

Armstrong: Es war einfach Zeit, zu unseren Wurzeln zurückzukehren, zum klassischen Green-Day-Sound. Mal ehrlich: Eine weitere Rock-Oper herauszubringen, wäre ziemlich langweilig gewesen. Vielleicht ist es Teil unserer Evolution, oder besser: Mit "¡Uno!" schließt sich der Kreis zu frühen Alben wie "Dookie" oder "Kerplunk", und das bildet ab, wo wir uns als Band gerade befinden: bei den klassischen Drei-Minuten-Songs. Wir wollten zurück in die Garage und ein bisschen Freude in unsere Leben bringen.

SPIEGEL ONLINE: Und das führte dann zu dem unerhörten Vorhaben, ein Album-Triple herauszubringen?

Armstrong: Haha, ja, wir waren ganz entspannt ins Studio gegangen, nachdem ich zwei, drei dieser neuen Songs geschrieben hatte und meine Frau meinte: Wow, wie frisch klingt das denn!? Die Ansage, die wir uns selbst machten, war aber: einfach drauflos spielen, bloß kein "Herr der Ringe"-Epos! Am Ende hatten wir dann aber mehr als 30 neue Songs - und mit der irren Idee, drei aufeinander folgende Alben zu veröffentlichen, dann doch wieder eine Art Konzept.

SPIEGEL ONLINE: Hatte die erneute Hinwendung zum Drauflos-Sound vielleicht auch etwas damit zu tun, dass Sie vor kurzem 40 geworden sind?

Armstrong: Mit Sicherheit. Aber eher im positiven Sinne. Ich finde es wichtig und befreiend, in die eigene Vergangenheit zu blicken, um herauszufinden, was das nächste Kapitel im Leben sein könnte. Gleichzeitig beschäftigte ich mich viel mit jüngeren Bands wie The Biters oder Best Coast, die mich an mich selbst vor vielen, vielen Jahren erinnern. Das hat mich wieder in Kontakt mit meiner Leidenschaft für Musik gebracht: Denk einfach nicht zu viel drüber nach! Geh einfach da raus und spiel!

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie diese Leidenschaft über die Jahre verloren?

Armstrong: Verloren nicht, aber "American Idiot" und "21st Century Breakdown" waren schon sehr verkopfte Alben. Ich wollte die Dinge nicht zu politisch werden lassen, auch weil ich mich dann ja die ganze Zeit politisch korrekt verhalten müsste. Ich wollte aber mal wieder übers Partymachen und Sex schreiben. Und über ganz persönliche Erinnerungen.

SPIEGEL ONLINE: Die USA befinden sich mitten in einem hitzigen Wahlkampf, das Land ist politisch gespalten wie lange nicht - und Sie veröffentlichen drei Alben mit Spaß-Rock'n'Roll. Müssen Sie sich als politischer Kopf da nicht selbst ein bisschen wundern?

Armstrong: Naja, so ganz sein lassen konnte ich es dann doch nicht, denn auf dem dritten Album gibt es einen Song, der "99 Revolutions" heißt und von der Occupy-Bewegung handelt. Die ursprüngliche Idee ist genial: Wenn immer mehr Leute, selbst im Mittelstand, ihren Job verlieren oder von Armut bedroht sind, dann muss man die Reichen besteuern, ganz einfach. Die Konservativen, zum Beispiel die Tea-Party-Leute, finden das unpatriotisch. Was die nicht verstehen ist, dass jemand, der seine Arztrechnung nicht bezahlen kann, zum Beispiel nicht in der Lage sein wird, ein Unternehmen zu gründen, um damit wiederum zum Wirtschaftswachstum beizutragen. Amerika ist im Moment ein sehr verwirrendes Land.

SPIEGEL ONLINE: Die Republikaner sprechen sogar von Sozialismus, wenn sie über die Gesundheitspolitik von Präsident Obama reden.

Armstrong: Ach, die wissen doch nicht mal, was Sozialismus überhaupt ist! Alleine der mangelnde Respekt gegenüber dem Präsidenten macht mich wütend: Obama wurde während einer Rede von einer Zwischenruferin unterbrochen, er wird andauernd persönlich beleidigt, ja, es wird sogar daran gezweifelt, ob er wirklich Amerikaner ist. Das gab es so noch nie zuvor, noch nicht einmal als George W. Bush noch Präsident war, und über den habe ich immerhin selbst genügend schlimme Dinge gesagt. Es ist purer Rassismus, der sich da äußert. Wenn Obama weiß wäre, würde er nicht so angegangen, da bin ich sicher.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt klingen Sie aber ganz schön erbost und engagiert. Trotzdem gibt es nur einen politischen Song auf drei Alben?

Armstrong: Es muss echte Inspiration für politische Songs vorhanden sein, und bei "99 Revolutions" hatte ich diesen richtigen Spirit. Aber was sollte ich machen? Ich wollte dieses Mal eben über persönlichere Dinge schreiben. Ich kann ja meinen politischen Furor als Songwriter nicht faken, das würde mir von unseren Fans zu Recht sofort um die Ohren gehauen, nach dem Motto: Jetzt wollt ihr mit politischer Attitüde Kohle machen, oder was? Wir haben unseren Standpunkt mit den letzten beiden Alben hinreichend klar gemacht: Alle wissen, dass wir eine Bande lefties sind. Aber was wir machen, muss immer authentisch bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Man muss es ja nicht gleich Midlife Crisis nennen, aber ist es nicht etwas gewagt, an die wilden Punkrock-Zeiten ihres Erfolgsalbums "Dookie" anknüpfen zu wollen? Das ist immerhin fast 20 Jahre her.

Armstrong: Naja, dass seitdem viel Zeit vergangen ist, kann man kaum leugnen, die Texte sind aber auch um einiges reflektierter als damals. Insofern ist "Uno" eher der ältere Cousin von "Dookie". Es ging uns vorrangig darum zu sehen, ob wir noch einfach in den Übungsraum marschieren können, um gemeinsam loszurocken. Mit demselben Energielevel wie damals. Stellte sich heraus: Wir sind heute mehr denn je eine Einheit als Band. Wir sind beste Freunde, fast wie Brüder. Die Kinder von Mike Dirnt nennen mich seit jeher Onkel Billy. Und dieses Familiengefühl hört man auch auf den neuen Alben, glaube ich.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben selbst zwei Söhne im Teenager-Alter. Finden die es nicht manchmal befremdlich, wenn Daddy in kurzer Lederjacke und Punkfrisur immer noch auf jugendlicher Rockstar macht?

Armstrong: Ach was, in unserem Haus tobt ohnehin die ganze Zeit Teenager-Craziness, da falle ich kaum auf. Joeys und Jacobs Freunde hängen die ganze Zeit bei uns rum und wir machen ganz viele Sachen zusammen. Ich habe zum Beispiel im Garten eine Skateboard-Rampe gebaut, die wir alle gemeinsam benutzen. Beide sind auch Musiker. Joey zum Beispiel hat eine Band, Emily's Army, und die Jungs fragen mich oft um Rat.

SPIEGEL ONLINE: Gar kein Generationenkonflikt im Hause Armstrong?

Armstrong: Bis jetzt noch nicht. Ich finde es großartig, dass die beiden Musik machen, denn das ermöglicht uns eine Kommunikation zwischen Vater und Söhnen, die normalerweise vielleicht schwieriger wäre. Wir schnappen uns einfach ein paar Gitarren und jammen miteinander, das schafft viel Gemeinsamkeit.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem, wie lange ist das noch glaubhaft? Die Rocker-Klamotten, die Punk-Attitüde.

Armstrong: Ach, im Moment geht es mir noch ganz gut… wenn ich nicht zu viel trinke! Ein Problem gibt es doch eigentlich nur, wenn aus dem angry young man ein bitter old bastard wird. Das kommt für mich überhaupt nicht in Frage! Ich will unbedingt versuchen, den Kontakt zu den Jungen zu halten, mitzukriegen, was die nächste Generation macht, und unsere Energie an sie weiterzugeben. Ein bisschen wie ein Mentor, das wäre eine Rolle, die mir gefällt. So lange es da draußen noch Bands gibt, die älter sind als wir, sehe ich keinen Grund, aufzuhören.

Am vergangenen Wochenende ließ sich Billie Joe Armstrong in eine Rehabilitations-Klinik einweisen - angeblich, um sich von seiner Drogen- oder Alkoholsucht heilen zu lassen. Auslöser war sein Wutausbrucham Ende des Konzerts von Green Day beim iHeartRadio-Festival in Las Vegas am 21. September. Das Interview mit Armstrong fand vor diesen Ereignissen statt; der 40-jährige Sänger machte dabei einen sehr aufgeräumten und entspannten Eindruck.

Das Interview führte Andreas Borcholte

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insgesamt 13 Beiträge
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1.
_derhenne 25.09.2012
Green Day, Punk? In etwa so punk wie Tokio Hotel.
2. Na, na...
Pfefferkuchenmann 25.09.2012
Zitat von _derhenneGreen Day, Punk? In etwa so punk wie Tokio Hotel.
... seien sie doch nicht so gemein. Green Day ist keine Punk Band, stimmt schon, aber ein Vergleich mit Tokio Hotel ist doch ungerecht. In den 90ern haben die Drei echt gute Musik gemacht. Das haben Tokio Hotel meinens wissens nie geschafft.
3. @_derhenne
schneemann3 25.09.2012
ja, wenn man nur die letzten beiden Alben kennt, kommt man zu dieser Meinung
4. Furor...
lomexx 26.09.2012
... keine Ahnung, warum mir dieses Wort so auf den Zeiger geht. Vielleicht, weil man es immer wieder in der Zeitung liest, es aber exakt NIE in einer realen Konversation verwendet wird. NIEMAND spricht so - nicht mal der Sänger einer maßlos überschätzten Band. Bitte dringend die Übersetzung überarbeiten!
5. Irgendwann vorhin im TV aufgeschnappt:
odins_krautsalat 26.09.2012
"Green Day - die größte (oder war es "beste"?) Punk-Band der Welt ist zurück!" - gut, Werbung für das neue Album. Werbetechnisch nichts besonderes; musikalisch wohl ein Irrtum (wohlwollend formuliert). :D
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Zur Person
Mit weltweit über 65 Millionen verkauften Platten und fünf Grammys gehören Green Day zu den derzeit populärsten Rockbands. 1987 in East Bay, Kalifornien gegründet, erlebten Billy Joe Armstrong, Mike Dirnt und Tre Cool 1994 ihren Durchbruch mit dem Majorlabel-Debüt "Dookie" und Spaßpunk-Hits wie "Basket Case". Die drei Folge-Alben erreichten nicht die Wucht von "Dookie", so dass sich die Band 2000 zurückzog. 2004 kehrten Green Day mit dem politisch motivierten Konzept-Album "American Idiot" zurück, das sich mit den gesellschaftlichen Verwerfungen der Nach-9/11-Ära und der Präsidentschaft George W. Bushs beschäftigte. 2009 folgte die opulente Rockoper "21st Century Breakdown", mit der sich die Band endgültig von dem Ruch befreite, eine leichtfüßige Funpunk-Combo zu sein. Mit den drei Alben "¡Uno!" (21. September), "¡Dos!" (9. November) und "¡Tré!" (11. Januar 2013) kehren die inzwischen um die 40-jährigen Rocker dennoch zu ihren unbeschwerten Wurzeln zurück.