Rockband The Devil's Blood: Keine Angst vor Satanisten

Von Jan Wigger

Die niederländische Rockband The Devil's Blood gehört zu den musikalisch aufregendsten Newcomern der Metal-Szene. Stilecht bekennt sich die Gruppe zu Satan und suhlt sich auf der Bühne in Schweineblut. Angst haben muss man vor diesen Ritualen nicht, mehr als bloße Pose sind sie jedoch allemal.

Metal-Band "The Devil's Blood": Ein Orden, ein Kult, ein geheimer Zirkel Zur Großansicht
Sure Shot Worx

Metal-Band "The Devil's Blood": Ein Orden, ein Kult, ein geheimer Zirkel

Am Anfang war da nur die schmucklose Single "The Graveyard Shuffle" mit der exzellenten B-Seite "A Waxing Moon Over Babylon" und drei Worten auf der Rückseite: "Produced by Satan." Die wild mäandernde Musik, für die man den passenden Begriff "Horror Soul" erdachte, klang so, als hätte sich hier eine Band aus dem Hardrock- und Psychedelic-Umfeld der Siebziger Jahre stolz in die Jetztzeit hinübergerettet. Das phantastische Mini-Album "Come, Reap", dem nun am 11. September die Debüt-LP "The Time Of No Time Evermore" folgen wird, ließ die Gedanken weiter schweifen: Wie kann etwas, das sich musikalisch so vehement auf okkulten Rock, Black Sabbath, Thin Lizzy, die frühen Iron Maiden und die amerikanische Band Coven bezieht, deren bekannteste Platte nun auch schon 40 Jahre zurückliegt, so neu und aufregend sein?

In einem ausverkauften Club am Hamburger Fischmarkt stehen The Devil's Blood auf der Bühne, in allen fünf Gesichtern Schweineblut, das bald einen sinistren Glanz annimmt. "Das Tierblut ist für uns eine Möglichkeit, den Tod auch auf der Bühne zu tragen und dadurch weniger menschlich zu werden. Ein Weg, um unsere eigenen Identitäten und Persönlichkeiten verschwinden zu lassen und Geister zu werden. Wir haben einen Metzger in der Nähe, dort kaufen wir zehn oder 20 Liter Blut. Die frieren wir ein und verwenden sie später bei unseren Ritualen."

"Wir wollen nicht als Menschen, nicht als Individuen gesehen werden"

Das sagt Songschreiber S.L., dessen ältere Schwester sich "The Mouth Of Satan" nennt und tatsächlich so ähnlich singt wie die legendäre Frontfrau Jinx Dawson von Coven. Dass S.L nicht von einem Auftritt, sondern einem Ritual spricht, ist folgerichtig: Die Band aus dem niederländischen Eindhoven ist weniger eine Rockgruppe als vielmehr ein Orden, ein Kult, ein geheimer Zirkel. "Wir versuchen ganz bewusst, uns nicht als 'Band' zu präsentieren, denn wir wollen nicht als Menschen, nicht als Individuen gesehen werden. Während wir unsere Musik spielen, sind wir von Satan besessen. Das ist mein Leben, mein Schicksal, der Pfad, den ich vor einigen Jahren eingeschlagen habe. The Devil's Blood sind wie ein Vergrößerungsglas für unsere Trauer, unsere Wut, unser Hass und unser Glück. Wenn wir die Bühne nach einem Ritual wieder verlassen, kehren wir wieder in unser ganz persönliches Sein zurück. Dann kann jeder wieder tun und lassen, was er will."

Natürlich muss dies der Punkt sein, an dem es dem peripher interessierten Leser, der hier eine weitere satanisch angehauchte Clownerie als Imagevehikel vermutet, zu bunt wird. Was dabei jedoch außer acht gelassen wird: Wer sich heute noch ernsthaft ein Image als Luzifers Stellvertreter auf Erden stricken lässt, um mehr Platten zu verkaufen, macht sich nicht nur in der gesamten Black-Metal-Szene lächerlich, sondern lockt damit auch keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor.

Selbst Varg Vikernes, dessen Ein-Mann-Projekt Burzum noch heute berüchtigt ist, verbat es sich rasch, von der Regenbogenpresse als "Satanist" bezeichnet zu werden. Lieber saß der Delinquent im Osloer Plattenladen "Helvete" und verblüffte die ultraböse gekleidete, grimmig blickende Anhängerschaft mit Vangelis-Platten oder Gesprächen über den Festigkeitsgrad von Cornflakes. Anders gesagt: Wer The Devil's Blood einmal gesehen und mit S.L über Aleister Crowley, Baudelaire, Roky Erickson, Numerologie, Voodoo, Gnostizismus und den Tempel des Schwarzen Lichts gesprochen hat, sieht keinen Grund, an der Echtheit seiner Aussagen zu zweifeln.

"Der größte Einfluss ist Satan"

"Es fällt mir schwer, mich als Texter von The Devil's Blood zu bezeichnen, denn ich glaube nicht, dass ich selbst allzuviel damit zu tun habe. Die Worte scheinen einfach durch mich durch zu fließen. Ich muss sie so schnell aufschreiben wie möglich, sonst verliere ich sie. Ich kann also auch nicht genau sagen, wer oder was mich beim 'Verfassen' der Texte beeinflusst hat, denn der größte Einfluss ist Satan."

Musikalisch, gibt er zu, gelten natürlich auch andere Einflüsse: "Wishbone Ash, The Pretty Things, Jefferson Airplane, UFO, um nur einige zu nennen. Aber auch 16 Horsepower und Woven Hand, also eher christlich-spirituell orientierte Bands. Ich würde nie auf großartige Musik verzichten wollen, nur weil sie von jemandem gemacht wurde, mit dessen persönlicher Einstellung ich nicht übereinstimme. Der Mensch und die Welt sind voll von Widersprüchen und Paradoxien. Diese sollte man begrüßen und nicht vermeiden."

Mit organisiertem Satanismus, wie er in der von Anton Szandor LaVey gegründeten, kontrovers diskutierten Church Of Satan gepflegt wird, kann S.L wenig anfangen - er hat schon vor langer Zeit seinen eigenen Weg gefunden: "Ich glaube an Dinge, die dir Geheimnisse einflüstern und Weisheit bringen. Die dich verwirren und versuchen, dich zu zerstören. Und daran, dass das nichts ist, wovor man Angst haben müsste, sondern etwas Wünschenswertes. Man kann schon sagen, dass ich mit dieser Quelle, die mich leitet, direkt kommuniziere. Aber ich könnte dir jetzt nicht sein oder ihr Gesicht beschreiben."

In die musikalische und textliche Zwischenwelt des Debüt-Albums wird der Hörer mit einem apokalyptischen Bibelzitat geleitet, das die Ankunft eines, nein, vieler Antichristen ankündigt und schließt: "This is how we know it is the last hour." S.L kümmert das wenig: "Ich glaube nicht an ein Ende. Aber die Welt, wie wir sie kennen, würde ich gern brennen sehen. Das Chaos, das nach dem Tod dieser Welt und des Universums kommt, ist nicht die Hölle. Es ist Freiheit. Es ist all das, was danach strebt, nichts zu werden."

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