Rockband Tocotronic: "Für einen Witz sind wir immer zu haben"

Sie gelten als intellektuellste deutsche Rockband - auf dem neuen Album "Schall & Wahn" ruft Tocotronic zum zivilen Ungehorsam auf. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht die Band über die Probleme von politischem Pop und Schrulligkeit. Und über das Phänomen, viel zu ernst genommen zu werden.

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Tocotronic: Schall, Wahn... und Witz
SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie für Ihre neue CD "Schall & Wahn" denn ausgerechnet einen bunten, recht kitschigen Blumenstrauß als Covermotiv gewählt?

Arne Zank: Dirk hat das Bild durch Zufall entdeckt. Es passt sehr gut zu den Songs der neuen Platte, die ja auch eine große musikalische Vielfalt darstellen. Der Blumenstrauß spiegelt auch eine gewisse Opulenz, die wir uns vorgestellt hatten.

Dirk von Lowtzow: So kitschig und bunt ist er doch gar nicht! Es ging dem Künstlerduo de Riijke/de Rooij auch gar nicht um die Farben. Das eigentliche Kunstwerk ist die Übersetzung der Farben in Grauabstufungen. Moses Schneider, unser Produzent, war gleich ganz angetan von dem Motiv. Der Strauß ist sehr eng zusammengebunden und entfaltet sich fast wie ein Fächer. So hatte sich Moses den Sound dieses Albums gewünscht: Ein strenges Fundament, dass sich nach oben diversifiziert. Es gab auch hier einen Übersetzungsprozess, vom Visuellen ins Klangliche.

SPIEGEL ONLINE: "Schall & Wahn" ist die vielleicht hysterischste und schrulligste Platte, die Sie je gemacht haben. Ist das Teil dieser gewollten Opulenz?

Zank: Die Schrulligkeit hat man ja immer gerne gepflegt. Und wenn das Album auf eine gewisse Weise extrem geworden ist, würde ich das sogar als Lob empfinden. Aber es war nicht unser Plan, jetzt mal besonders schrullig zu werden.

Lowtzow: Hysterie finde ich grundsätzlich schon mal interessant, so als Ansatzpunkt…

SPIEGEL ONLINE: Was soll uns denn zum Beispiel "Bumms und Bi" sagen, ein Zitat des Hamburger Schriftstellers Hubert Fichte, das in dem Song "Bitte oszillieren Sie" vorkommt?

Lowtzow: Naja, prägnanter geht es kaum, oder?

Jan Müller: Für einen Witz sind wir immer zu haben! Es war uns immer wichtig, dass man unsere Musik mit Humor betrachten kann. Das wird oft übersehen. Gerade die letzte Platte, "Kapitulation", wurde sehr ernsthaft rezipiert, es wurde viel über den Überbau und die politische Metaebene geredet. Insofern sind wir alle sehr dankbar, wenn sich irgendwo ein Witz ergibt.

Lowtzow: Aber genau darum geht es: Wenn er sich ergibt! Wenn man darüber grübeln würde, wie man einen Text witzig gestalten kann, dann würde das ganz schnell in Arbeit ausarten, denn man ist ja kein Comedian. Wenn ich diese Leute im Fernsehen sehe, kriege ich immer Depressionen. Ich überlege mir dann, wie lange die da sitzen und sich diese schalen Gags aus den Fingern saugen. In "Bitte oszillieren Sie" kommt der Witz sehr unvermittelt und ist durch die Kontrastierung mit Themen wie Selbstauslöschung auch sehr drastisch. So funktioniert es.

SPIEGEL ONLINE: Bei allem Witz und Wahn ist das Album sehr politisch. Es enthält viele schlagwortartige Aufforderungen zum zivilen Ungehorsam, wie "Im Zweifel für den Zweifel" oder "Stürmt das Schloss", die man mit der momentanen Proteststimmung in Hamburg oder Berlin in Verbindung bringen könnte. Beabsichtigt?

Lowtzow: Ich finde es sehr schwer, bewusst politisch zu texten, und habe ganz große Schwierigkeiten damit, für mich selbst zu diagnostizieren, wann Musik politisch wird.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Lowtzow: Weil ich finde, dass mit dem Begriff sehr viel Schindluder getrieben wird. Viele Dinge, die auch von ihren Urhebern gerne als politisch apostrophiert werden, finde ich im engeren Sinne gar nicht politisch. Das ist ein philosophisches Problem, und es haben sich weitaus weisere Leute darüber den Kopf zerbrochen. Mir reichen agitatorische Begriffe wie in "Stürmt das Schloss" oder Analytisches wie in "Die Folter endet nie" als Stilmittel völlig aus.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist nicht politisch?

Lowtzow: Ob das jetzt politisch im engeren Sinne ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall sind es keine Betrachtungen eines Unpolitischen. Leute, die behaupten, es sei völlig unpolitisch, was sie machen, tendieren immer ein wenig ins Reaktionäre, und das will man natürlich vermeiden. Insofern ist es keine unpolitische Platte, aber ich habe ein großes Problem damit zu sagen: Ich schreibe jetzt politische Texte.

Zank: Man macht mit den Texten ja letztlich nur Angebote, die jeder auf seine Art und in seiner Zeit lesen kann.

Lowtzow: Gerade bei Popmusik hat das vordergründige oder konkret Politische einen sehr opportunistischen Beigeschmack. Das läuft der Intention, politisch zu sein, sogar zuwider. Womit wir wieder beim Covermotiv unserer Platte wären, das ist nämlich eigentlich eine sehr politische Arbeit: In der Zusammensetzung der Blumen wurde versucht, eine möglichst unhierarchische Zusammenstellung zu schaffen. Das ist für mich gelungene politische Kunst, die auf den ersten Blick gar nichts mit Politik zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: So vage bleibt es ja auf dem Album nicht: Bei "Stürmt das Schloss", das im Refrain auch noch den Ausruf "SDS" enthält, also eine Referenz an den Sozialistischen Deutschen Studentenbund der 68er, denkt man natürlich an Revolution, wenn nicht konkret an die aktuelle Debatte über das Berliner Stadtschloss…

Zank: Das ist natürlich ganz gut, dass sich das gerade so ergeben hat! Das ist ja immer das Schönste.

SPIEGEL ONLINE: Wer sitzt denn im Schloss?

Lowtzow: Dazu kann ich jetzt wirklich nichts sagen! Das wäre ja Selbstinterpretation. Wie Susan Sontag würde ich die Interpretation als geeignetes Werkzeug, um Texte zu erfassen, ohnehin in Frage stellen. Und das nun auch noch selber zu machen, das wäre so neurotisierend, da trägt man schwere Schäden davon.

SPIEGEL ONLINE: Manche Kritiker werfen Ihnen diese Verweigerungshaltung gerne vor.

Lowtzow: Aber deswegen ist ja nicht gleich alles doof. Es macht ja vielleicht sogar die Qualität der Sache aus, dass sie ein bisschen gezwiebelt ist.

SPIEGEL ONLINE: Zeilen wie "Lass mich dichten und diesen Staat vernichten" finden wir aber gar nicht so gezwiebelt.

Rick McPhail: Ist aber ein guter Reim!

Lowtzow: Es übersteigt unsere Kompetenz, die Sachen auch noch selbst zu erläutern. Man muss auch gar nicht mit Susan Sontag argumentieren. Ein erklärter Witz ist öde.

SPIEGEL ONLINE: In Hamburg wurde das Gängeviertel besetzt, eine Polizeiwache mit Steinen beworfen, in Berlin brennen Autos. Wie nehmen Sie diese neue Protestbewegung wahr?

Zank: Man ist da schon ganz nah dran. Es gibt ja auch einen offenen Brief von Musikern und Künstlern an den Hamburger Senat, unter dem Motto "Not in Our Name" in dem es um das Gängeviertel und den Protest gegen Ikea im Stadtteil Altona ging, den wir mit unterschrieben haben.

Müller: Aber von einem neuen '68 zu sprechen, finde ich schwierig. Der Gängeviertel-Protest ist eine ganz andere Sache, als wenn Steine auf eine Polizeiwache geworfen werden. Das in einen Topf zu werfen, ist sehr problematisch, wenn nicht gefährlich.

Lowtzow: Es gibt bei unserer neuen Platte schon den Wunsch, diesen Dingen auf die Spur zu kommen. Aber ich glaube nicht, dass es ein abschließendes Ergebnis geben kann. Wir finden nicht, wir suchen. So ist auch ein Stück wie "Im Zweifel für den Zweifel" zu verstehen. Es gab beim Schreiben der Texte den Wunsch, auszuloten, inwiefern und unter welchen Umständen es eine Widerständigkeit gibt, auch in der Kunst.

SPIEGEL ONLINE: Und?

Lowtzow: Es macht Spaß, mit Begriffen wie SDS zu spielen oder in "Die Folter endet nie" das wohl widerständigste Werk der deutschen Literatur zu zitieren, "Die Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiß. Ich fand es interessant, an Dinge bewusst anzuknüpfen, die als abgeschlossen oder bewältigt gelten, unter die gesellschaftlich ein Schlussstrich gezogen wurde, statt sich mit ihnen diskursiv zu beschäftigen. Aber ob es zeitgeistig ein neues '68 gibt, das wissen wir auch nicht. Wir sind ja keine Propheten, sondern Musiker. Also lassen wir diese Frage in unsere Musik einfließen. Antworten haben wir nicht.

Das Interview führten Andreas Borcholte und Jan Wigger

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
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1. Tocotronic?
UbuRoy 22.01.2010
Deutschlands intellektuellste Band? Naja, musikalisch hören sich die Hörbeispiele jedenfalls absolut identisch, phantasie- und farblos an. Von Schrulligkeit oder gar Originalität fällt mir da rein gar nix auf. Aber vielleicht sind die restlichen Stücke ja etwas kreativer? Schon mal was von "Blumfeld" gehört? "Deine Lakaien"? "Ton Steine Scherben"? Zwar alles nicht mehr ganz so hip, aber tausendmal besser...
2. ....
detommy 22.01.2010
Die Band ist inzwischen selbst ein Witz. Es gibt Musiker die heute wie vor 15 Jahren erfolgreich sind, weil sie sich stets neu erfinden und es gibt Musiker wie die Herren von Tocotronic. Des Weiteren ist Tocotronic eine Band, deren Erguss man sich nur in konservierter Form zuführen sollte. Live ist die Stimme von Dirk von Lowtzow kaum zu ertragen.
3. .
unterländer 22.01.2010
Zitat von sysopSie gelten als intellektuellste deutsche Rockband - auf dem neuen Album "Schall & Wahn" ruft Tocotronic zum zivilen Ungehorsam auf. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht die Band über die Probleme von politischem Pop und Schrulligkeit. Und das Phänomen, viel zu ernst genommen zu werden. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,673245,00.html
Geben Sie es zu! Das Interview war Satire. Solche Antworten auf solche Fragen können von geistig gesunden Menschen nicht ernsthaft gegeben, bzw. gestellt werden. Zumindest bei einem großen Teil der Fragen und Antworten nicht.
4. Schall und Rauch
duesenberg 22.01.2010
oder wie man es schaffen kann, durch die Verwendung von Fremdwoertern, das Zitieren von sogenannten intellektuellen Groessen und moeglichst diffuse Nicht-Interpretationen der eigenen Erguesse (was ja ein "neurotisierender Prozess" waere- als ob man selbst nicht wuesste was man da schreibt und warum) denselben Eindruck von sich zu vermitteln wie der legendenhafte alte Mann der von allen fuer besonders weise gehalten wurde, nur weil er nie was sagte. Respekt vor so einer Leistung...naja, wenigstens ist die Musik nicht schlecht.
5. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold...
Sephiroth, 22.01.2010
wenn man keine Ahnung hat. Nach diesem Sprichwort würde Spiegel enorm sein Niveau heben, wenn die musikalische Kultur-Sparte eingestampft wird, denn dort haben die Spiegel-Redakteure schon zu genüge bewiesen: Sie können es einfach nicht. Tocotronic als intellektuellste deutsche Rock-Band ? Das ich nicht lache, haben die werten Musik-Experten der Redaktion schon mal etwas von Kraut Rock gehört ? Ich könnte an dieser Stelle konkretisieren und eine Reihe an Bands nennen, aus deren Schaffen man klar ablesen kann, dass sie Tocotronic intellektuell selbst im Halbschlaf überflügeln würden, aber das tut jetzt nichts zur Sache, denn worauf ich hinaus will ist die Niveaulosigkeit der musikalischen Kultur-Sparte des Spiegels. Der Horizont dieser Sparte reicht nur bis zu pseudo-alternativen Mainstream-Bands der Musikindustrie, und zeitlich für die "CD der Woche", als wenn jede Woche ein Meisterwerk erscheinen würde, dass Erwähnung wert ist. Und selbst wenn dem so wäre, wären die "Musik-Experten" der Spiegel-Redaktion, die letzten die das Potential jener Meisterwerke erkennen würden.
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Zur Person
Tocotronic, bestehend aus Dirk von Lowtzow, Arne Zank, Jan Müller und Rick McPhail, sind eine der wichtigsten deutschen Rockbands. Anfang der neunziger Jahre gegründet, wurde die Gruppe mit ihrem Debüt-Album "Digital ist besser" (1995) und sloganhaften Songs wie "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" zu Mitbegründern der sogenannten Hamburger Schule, zu der auch andere "Diskursrock"-Bands wie Blumfeld und Die Sterne gerechnet wurden. Intellektueller, gesellschaftskritischer Gitarrenrock mit lakonischen, vielfach mit Zitaten aus Kunst und Literatur versehenen Texten, ist bis heute ihr Markenzeichen. Ausgehend vom Punk der ersten Tage hat sich Tocotronic zu einer vielfältigen Rockband entwickelt, die auf ihrem neuen Album "Schall & Wahn" mit neuer klassischer Musik experimentiert. Die Musiker leben in Berlin und Hamburg.