Rockband Tocotronic "Verweigerung als Prinzip"

Tocotronic gelten als die zornigen jungen Männer des deutschen Indie-Pop. Nächste Woche veröffentlicht die Hamburger Band ihr neues Album "Pure Vernunft darf niemals siegen". Mit SPIEGEL ONLINE sprachen die Diskurs-Rocker über Manierismus, Verweigerungshaltungen und die neue Deutschtümelei.


Rockband Tocotronic (Jan Müller, Dirk von Lowtzow, Rick McPhail, Arne Zank): "Man kann höchstens mit den Schultern zucken"

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SPIEGEL ONLINE:

Das neue, siebte Tocotronic-Album heißt "Pure Vernunft darf niemals siegen". Hatten Sie sich mit der letzten Platte nicht endgültig von den vollmundigen Slogans verabschiedet?

Arne Zank: Das Faible für Slogans ist eigentlich immer gleich geblieben. Man hat sich eher selbst verbeten, so etwas zu machen, weil man andere Dinge in den Vordergrund stellen wollte. Diesmal hatten wir vielleicht wieder Lust und Mut dazu, diese Vorliebe herauszustellen.

Dirk von Lowtzow: Das mit den Slogans hatten wir immer, auch auf den letzten Platten noch: "Das Unglück muss zurückgeschlagen werden" oder "Alles wird in Flammen stehen". Als Stilmittel hat uns das immer interessiert. Das neue Album heißt "Pure Vernunft darf niemals siegen", weil dies das Stück ist, was musikalisch am meisten heraus sticht und auch eine recht zentrale Position auf der Platte einnimmt. Am Anfang hatten wir bei dem Titel noch etwas Bedenken, dass er aufgrund seiner Länge und Ungelenkigkeit doch sehr stark an frühere Album-Titel von uns anknüpfen könnte. Aber nach der immer weiter fortschreitenden Verknappung, von "Es ist egal, aber" zu "K.O.O.K" und zuletzt gar keinem Titel mehr, waren wir doch sehr zufrieden damit.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Song-Texte haben sich im Laufe der Zeit stark verändert. Sie sind zunächst prosaischer, später phantastischer und visionärer, insgesamt viel schwerer greifbar geworden. Manche Kritiker sprechen von Manierismus und werfen Ihnen "Künstlergetue" vor.

Deutsche Erfolgsband Juli: "Man möchte da einfach nicht so eine Kommentatorenrolle inne haben"
Universal Music

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Dirk von Lowtzow: Wenn ich Begriffe wie "Zaubermacht" oder "Antichrist" in meinen Texten verwende, birgt das natürlich eine Gefahr in sich. Man könnte sagen, dass es eskapistisch ist, was für mich aber nicht so relevant ist, weil ich glaube, dass man im Augenblick eher ein Problem der Flucht zur Realität hat, als dass Sachen zu eskapistisch sein könnten. Und der Vorwurf der Manieriertheit - klar, natürlich ist das manieriert. Aber das ist eben die Sprache, in der ich die Sachen am ehesten sagen kann, die ich sagen möchte. Und "Künstlergetue" - das steht doch immerhin im Gegensatz zu dem, was wir immer gewollt haben. Attribute wie "Bodenständigkeit" oder "Volksnähe" haben uns noch nie interessiert. Die früheren Texte haben doch auch schon eine sehr fremde Welt beschrieben. Und wenn man in einem Song wie "Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit" so etwas wie "Stracciatella oder Nuss" unterbringt, ist das auch manieriert. Das sind eben so kleine Fallen und Stolpersteine, die man sich selbst stellt und die man auch lustig findet. Aber Vorwürfen kann man grundsätzlich nicht begegnen. Man kann höchstens mit den Schultern zucken.

SPIEGEL ONLINE: Im letzten Jahr konnte man eine Art Boom deutschsprachiger Popmusik feststellen: Viele Bands, die sich in ganz verschiedene Szenen aufsplittern, feiern Erfolge in den Medien und den Charts. Wie nehmen Sie so einen Trend auf?

Dirk von Lowtzow: Man nimmt das schon wahr, aber es ist eine missliche Sache, darüber Auskunft zu geben, weil man sich selbst nicht als Beobachter einer bestimmten Szene sieht. Das geht dann auch ganz schnell in die Richtung: "Die alten Hasen und ihre Meinung über...." und das ist eine eher unangenehme Position. Man möchte da einfach nicht so eine Kommentatorenrolle innehaben.

Arne Zank: Weil man sich selbst dann in so einer alten, weisen Position wiederfindet, in der man sich überhaupt nicht fühlt, weil man ja immer noch weiter macht und auch weiter machen möchte. Es ist ja auch überhaupt nicht unsere Aufgabe, da irgendwelche Prognosen über die Popkultur zu erstellen.

SPIEGEL ONLINE: Anders gefragt: Seit einiger Zeit gibt es in der Kunst, also auch in der Popmusik, die Sehnsucht nach einem neuen deutschen Selbstbewusstsein. Dadurch scheint zumindest latent eine Art reaktionäre Deutschtümelei zu entstehen. Lässt Sie das kalt?

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Dirk von Lowtzow: Es ist ja nicht nur dieses Deutschsein oder diese Nationalisierung, sondern auch die Suche nach etwas Sinnlichem, etwas Greifbarem und etwas Narrativ-Volkstümlichem. Das ist es, was einen auch schon intellektuell anwidert, weil man noch vor fünf Jahren viel weiter in diesem Diskurs war. Und jetzt feiern wieder lauter reaktionäre Ansichten Triumphe. Tagespolitisch geht das ja sogar so weit, dass gesagt wird: Hurra, jetzt ist der Multikulturalismus am Ende und mit ihm auch die 'Political Correctness' - jetzt können wir endlich wieder unseren Ressentiments und Rassismen freien Lauf lassen. So was merkt man ja allerorten, wenn Sachen gesagt werden wie: "Endlich mal wieder schöne Malerei, endlich mal wieder ein Buch, das man verstehen kann." Das ist natürlich eine Entwicklung, die uns total gegen den Strich geht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich immer ganz besonders vehement dagegen verwehrt, in eine Schublade gesteckt zu werden. Aber wie kann man sich als Band dauerhaft nach allen Seiten verteidigen und verweigern, ohne dass die eigene Kunst dabei beeinträchtigt wird?

Dirk von Lowtzow: Seit es die Band gibt, hat uns eigentlich die Angst umgetrieben, festgelegt, korrumpiert oder benutzt zu werden: Sei es nun als Aushängeschild der Jugend oder als Vertreter irgendeines neuen, deutschen Pop-Selbstbewusstseins. Wir hatten auch Angst vor so einer Konsolidierung, also dass man bis an sein Lebensende dazu verdammt ist, Trainingsjacken zu tragen und über Imbissbuden zu singen. Die Verweigerung und die Angst, eingepfercht zu werden, ist schon ein ganz starkes Prinzip, das bei uns als Band wirkt. All diese Ängste haben uns aber immer auch dazu angetrieben, bestimmte Sachen zu machen oder uns zu verändern.

Das Interview führten Andreas Borcholte und Jan Wigger


Das Album "Pure Vernunft darf niemals siegen" (L'Age d'Or/Rough Trade) wird am 17. Januar veröffentlicht



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