Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Was soll man zur Musik von Damon Albarn und Rocket Juice & The Moon eigentlich tun? Sex haben? Graham Coxon wird diese Frage jedenfalls nicht beantworten können: Er bringt Geeks zum Tanzen. Die schwer gehypten Alabama Shakes sind da traditioneller, die Bluesrocker mögen Nashville.

Rocket Juice & The Moon - "Rocket Juice & The Moon"
(Honest Jons/ Indigo)

Es ist wohl bekannt, dass ich Damon Albarn beinahe so sehr verehre wie Greta Gerwig (aber nur bis "Greenberg", den Mainstream-Scheiß und die Schminke soll sie lassen!) oder den Salat bei "Trader Joe's", doch mein Problem mit Platten, die auf Percussion, auf Groove, auf Funk, auf Dub, auf Weltmusik und auf überhaupt allem,was man "lebensfroh" nennen könnte, basieren, ist, dass ich nicht weiß, was zu tun ist, während diese Musik läuft. Sex fällt weg (außer man kann gleichzeitig eine Bergziege opfern), Aufräumen und Staubsaugen gehen, wenn man Sandra Maischberger Glauben schenkt, am besten zum Orange Album von Blur, und für die phantastisch-phantastisch-phantastischen The Good, The Bad & The Queen (also known as: Platte des Jahres 2007) hat Albarn, der alles kann und deshalb alles macht, erstmal keine Zeit mehr. Obwohl Damon im tollen "Poison" wenigstens einmal singt, wird der gemeine Blur-Fan mit "Rocket Juice & The Moon" nicht glücklich werden. Aber Erykah Badus "Hey Shooter"? Formidabel! (6) Jan Wigger

Liebe "Abgehört"-Leser, der Musikstreaming-Dienst Spotify ist in Deutschland gestartet - und SPIEGEL ONLINE mit dabei. Alle, die bereits einen Zugang haben, können hier klicken und ab sofort unsere wöchentlich aktualisierte Playlist "Best Of Abgehört" abonnieren.

Graham Coxon - "A + E"
(Parlophone/ EMI)

Man könnte es kurz machen und sagen: Der "Bugman" ist wieder in der Stadt, mitsamt der bis über alle Schmerzgrenzen hinweg verzerrten, völlig kaputten Bohrmaschinen-Gitarre und der leisen Ahnung, dass in einer Welt des Irrsins nur derjenige überleben kann, der das eigene Verrücktsein zum kategorischen Imperativ erklärt. Man könnte aber auch besonders gut auf die Worte in Graham Coxons "Advice" achten: "Don't think of stopping when you see the stop sign/ Just listen to the groovy records til the morning." Ganz genau: Es ist too late to stop now, der Mann mit der sich selbst reproduzierenden Hornbrille hat Nick Drake und The Incredible String Band (siehe: "The Spinning Top") hinter sich gelassen, und versucht nun, lichtscheue geeks zum Tanzen zu bringen. "What'll it take to make you people dance?". Auf "A + E" dreht Coxon mit der Zeit immer freier, er hat Joy Division ("City Hall"), Ian Dury & The Blockheads und die fertigsten Julian-Cope-Platten gehört und also mit dem Leben abgeschlossen - der wichtigste Baustein auf dem Weg ins Licht. Bloß das Cover, das ist schrecklich. (7) Jan Wigger

Graham Coxon - What Il It Take

Mehr Videos von Graham Coxon gibt es hier auf tape.tv!

Alabama Shakes - "Boys & Girls"
(Rough Trade/Beggars Group/Indigo, 6. April)

Ob das nun die Musik ist, auf die alle Welt gewartet hat? Retro-Fanatiker, und wir leben ja im Retro-Zeitalter, dürfen über diese Band aus Athens, Georgia gerne jubeln, denn Alabama Shakes beleben ein Genre neu, das mit Kid Rocks "Sweet Home Alabama"-Schändung, der letzten der vielen mittelmäßigen Black-Crowes-Platten und der Popstar-Werdung der Kings of Leon ausgestorben schien: Den Southern-Bluesrock. Klingt nicht spektakulär, und wie Kollege Wigger zu Recht feststellte, fehlen dem Debüt-Album "Boys & Girls" die Songs. Altgediente Plattenmanager würden sagen: Ich höre keine Single! Dennoch wurden Alabama Shakes auf die Watchlists diverser wichtiger Pop-Medien gesetzt, erste Konzerte waren ausverkauft, und Retro-Rock-Papst Jack White wählte die Band aus, eine Reihe mit Live-Singles auf seinem eigenen Label zu starten. Man muss "Boys & Girls" wohl eher als Album betrachten, nicht als lose Sammlung von Songs. Ähnlich wie beim retroseligen Soul-Sänger Michael Kiwanuka macht erst die Summe und Stimmung des gesamten Albums den Reiz aus. Dann erst begreift man, wie versiert und seelenvoll sich die Band um Sängerin Brittany Howard durch ihren dicken Sirup aus Blues- und Swamprock, Gospel und Country kämpft und dabei wunderbar mühelos wirkt. Howard kann heulen wie Janis Joplin, krähen wie Chris Robinson und rotzfrech raunen wie Jack White; zuerst, im ersten (und besten) Song "Hold On", realisiert man gar nicht, dass eine Frau mit diesem dunklen Donnern singt. Später, im Muscle-Shoals-Soulkracher "I ain't The Same" klingt sie sogar so kernig wie die junge Tina Turner. Dennoch verfügt die Band über einen eigenen Stil, einen Wiedererkennungswert, der sich nicht an einzelnen Hooks oder Hist festmachen lässt. Produziert wurde "Boys & Girls" in Nashville, der Heimat der White Stripes und der Black Keys, das gerade erneut zum Rock'n'Roll-Nabel der USA wird. Wer weiß, vielleicht ist diese erdige, nach "Cheap Thrills" und "Remedy" gleichermaßen duftende Gravy ja doch der Sound der Stunde. Nach der Clubtour und der Festival-Saison sind wir schlauer. (6) Andreas Borcholte

Lightships - "Electric Cables"
(Domino/ Goodtogo)

Wenn ich mich recht erinnere, ist Gerard Love nicht nur für die Binse verantwortlich, Teenage Fanclub seien vor allen Dingen "harmlos", sondern auch für die Großtaten "Ain't That Enough", "Star Sign", "Sparky's Dream", "Radio" und "Hang On". Aus Versehen wurde Love in die heutige Zeit hineingeboren, in der er sich tagtäglich auf Samt bettet, die guten alten Platten von Big Star und den Byrds auf einem Grammophon hört, und die Flöten flöten lässt, als gäbe es kein Morgen. Neben Jackson Browne, Joanna Newsom und Lawrence von Felt gehört Loves zimtweiches Besänftigungsorgan zu den angenehmsten Stimmen, die man noch um sich haben möchte, wenn die Tage langsam länger werden und der Morgenwind sich nicht mehr dreht. "Electric Cables" entstand mit den Freunden Dave McGowan, Brendan O' Hare, Tom Crossley und Bob Kildea, und wer in der Lage ist, einen Song wie "Sweetness In Her Spark" ganz nebenbei zu schreiben, der hat lebenslang Ruhe vor bleichen Müttern und falschen Propheten. Gerard Love hätte seine aktuelle LP durchaus "leiseStärke" nennen können - doch Rolf Zuckowski kam ihm zuvor. (7) Jan Wigger

Lightships - Sweetness In Her Spark

Mehr Videos gibt es hier auf tape.tv!


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. disco 3000
r0camad0ur 03.04.2012
"... doch mein Problem mit Platten, die auf Percussion, auf Groove, auf Funk, auf Dub, auf Weltmusik [sic] [...] basieren, ist, dass ich nicht weiß, was zu tun ist..." Das ist ja eine traurige Aussage, Herr Wigger - allerdings keine verwunderlich angesichts der hier regelmäßig getroffenen Auswahl an Veröffentlichungen.
2. Rocket Juice & The Moon
Markenfetischist 03.04.2012
Tanzen oder zurücklehnen und genießen, dass macht man im Zweifelsfall bei so einer Musik. Tztztztz...
3. Was zum Geier...
sikknikk 03.04.2012
...soll eigentlich Weltmusik sein. Bezeichnet man so amerikanischen Rock n Roll, wenn man in einem südamerikanischen Land und dessen traditioneller Musik aufgewachsen ist? Andersherum scheint´s ja zu funktionieren.
4.
weiseworte 03.04.2012
Zitat von r0camad0urDas ist ja eine traurige Aussage, Herr Wigger - allerdings keine verwunderlich angesichts der hier regelmäßig getroffenen Auswahl an Veröffentlichungen.
ich finde auch, dass die Auswahl, die hier getroffen wird, recht einseitig ist. Wenn sie wenigestens meinem Geschmack entsprechen würde, wäre es ja gut. Doch leider... ;)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS
alles zum Thema Abgehört
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 4 Kommentare
  • Zur Startseite
"Abgehört" und "Amtlich" live
Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.


Jan Wiggers Playlist KW 14
  • SPIEGEL ONLINE
    1. Mittekill: Leb wohl (Track)

    2. Janet Jackson: The Velvet Rope

    3. Adrenalin O.D.: Rock & Roll Gas Station (Track)

    4. Der schwarze Kanal: Der endgültige Abschluss des Erdgasröhrengeschäftes!

    5. Howard Carpendale: Ich geb mir selbst ne Party

    6. Polvo: Exploded Drawing

    7. Aphrodite's Child: 666

    8. Novalis: Vielleicht bist du ein Clown?

    9. Mary J. Blige: What's The 411?

    10. Rondo Veneziano: Rondo Veneziano
Andreas Borcholtes Playlist KW 14
  • SPIEGEL ONLINE
    1. Mike Wexler: Dispossession

    2. Lee Ranaldo: Between The Times and the Tides

    3. The Men: Open Your Heart

    4. Lynyrd Skynyrd: Gimme Back My Bullets

    5. David Arnold, Michael Price: Sherlock O.S.T.

    6. Mystery Jets: Radlands

    7. Electric Guest: Mondo

    8. Django Django: Django Django

    9. Graham Coxon: A+E

    10. The Outlaws: Green Grass And High Tides