Rocklegende Paul Weller "Amy Winehouse ist phantastisch"

Amy Winehouse könnte seine Tochter sein - biologisch und musikalisch: Paul Weller, 50, ist der "Godfather" der Mod- und Britpop-Kultur. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über das britische Revival des Sixties-Soul und seine zwiespältige Rolle als Rocklegende.


SPIEGEL ONLINE: Herr Weller, ihr Kollege Mick Hucknall hat gerade seine alte Band Simply Red aufgelöst und ein Album mit Coverversionen der Blues-Legende Bobby Blue Bland aufgenommen. Haben Sie ein ähnliches Vorbild als Fixstern für sich gehabt?

Weller: Nein. Ich habe zwar immer den alten Rhythm'n'Blues von Bobby Blue Bland, Junior Parker oder den Chess-Sound aus Chicago geschätzt. Aber den Weg zeigen konnten mir andere Musiker nicht. Vielmehr habe ich meine Entscheidungen stets aus dem Bauch gefällt: Etwa als ich 1982 beschloss, The Jam aufzulösen. Egal wie erfolgreich wir waren: Ich hatte einfach das dringende Bedürfnis, etwas Neues anzufangen - was dann zur Gründung von Style Council mit Mick Talbot geführt hat.

SPIEGEL ONLINE: Einer Band, die mit ihrem gepflegten schwarzen Pop das britische Soul-Revival von heute vorweggenommen hat...

Weller: ... wenn Sie das so sehen wollen! Amy Winehouse jedenfalls ist eine phantastische Musikerin und Songwriterin....

SPIEGEL ONLINE: ... mit der Sie in der Vergangenheit schon auf der Bühne standen. Würden Sie diese Ehre auch anderen Jungstars zuteil kommen lassen?

Weller: Klar, ich würde auch mit Duffy zusammenarbeiten. Meine Tür steht offen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Ihrer Meinung nach zum Comeback des britischen Soul geführt?

Weller: Im Vergleich zum amerikanischen Rhythm'n'Blues wird hier viel mehr Wert auf das Songwriting gelegt. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Ich liebe Mary J. Bliges Stimme, höre mir gerne auch Kelis an. Aber die Amerikaner legen nun mal mehr Wert auf eine fette Produktion denn auf klassische Autorenkünste...

SPIEGEL ONLINE: ... die ja maßgeblich für Ihren Ruhm mitverantwortlich sind. Wie lange feilen Sie denn an einem neuen Song?

Zur Person
Paul Weller, 51 Jahre alt, gilt als einer der großen Helden der englischen Mod-Kultur und als Vorvater des Britpops. Stars wie Amy Winehouse und die Band Oasis zitieren ihn als Vorbild. Weller, 1958 in Woking, Südengland, geboren, gründete 1977 mit The Jam eine der einflussreichen britischen Gitarrenbands. Später pflegte er mit den Soulpoppern The Style Council seinen Ruf als Saville-Row-Sozialist. Seit 1991 spielt Weller solo, dieser Tage erscheint sein neues Album "Waking Up The Nation".
Weller: Ewig und zwei Tage - wenn es sein muss. Wissen Sie, ich bin ein Perfektionist und nur selten zufrieden mit meiner eigenen Leistung. Alles ist ständig in Arbeit. Oft fällt mir nachträglich noch eine ganz neue Variante zu einem Song ein. Ich war noch nie für das Konservieren zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Und das, obwohl Sie als "Godfather of Mod" doch mit einer Kultur assoziiert werden, deren Anhänger heute - Ihrem einstigen Anspruch als "Modernists" zum Trotz - Sechziger-Jahre-Anzüge, alte Motorroller und damals übliche Frisuren fetischisieren.

Weller: Mehr als alles andere hat mich meine Herkunft aus der englischen Arbeiterklasse geprägt. Als ich in Woking aufwuchs, wussten meine Eltern nie, ob das Geld am Ende des Monats reichen würde. Umso wichtiger war es, sich am Samstagabend zum Ausgehen gut anzuziehen, mit Hilfe von Kleidung den Zuschreibungen von außen zu trotzen – und sich für seine eigene Clique selbst Regeln zu geben. Das war Mod. Ein gewisses Stilbewusstsein habe ich mir von damals bis heute hinübergerettet.

SPIEGEL ONLINE: Heute stehen Sie als Rocklegende auf dem Podest – kommt Ihnen das angesichts Ihrer Punk-Anfänge mit The Jam nicht ironisch vor?

Weller: Nun, wir waren nie wirkliche Punks: Ich hatte 1976 die Sex Pistols gesehen, im selben Jahr zum ersten mal Speed genommen und mit zwei Kumpels beschlossen, Musik zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Aber dann haben Sie sich immer mehr für Lyrik statt Krawall interessiert...

Weller: Ich habe mich jedenfalls nie von meinen Beatles-Platten getrennt, die gehörten wie The Who oder die Small Faces für mich immer dazu. Außerdem haben sie mir auch als Texter viel gegeben. Womöglich ist das die Konstante in meinem Musikerleben: die richtigen, einfachen Worte für komplexe Gefühle zu suchen.

SPIEGEL ONLINE: Wobei Sie trotz Ihres gerade vollendeten 50. Lebensjahres immer wieder mal von vorn anfangen. Etwa bei dem mit Elektronik durchsetzten Ambient-Folk Ihres neuen Albums "22 Dreams" .

Weller: Warum sollte ich mir denn Grenzen setzen? Klassik, Jazz, Elektronik: All das gehört zu meinem Musikuniversum. Und ich eigne mir jedes Mal ein paar andere Mosaiksteinchen daraus an. Hören Sie sich die letzten vier Tracks des Albums an! "Sea Spray" oder "Night Lights". Das sind die Nummern mit denen ich wohl auch in Zukunft gut leben kann.

SPIEGEL ONLINE: Haben Ihre fünf Kinder Sie jung gehalten?

Weller: Auf jeden Fall. Mein 20-jähriger Sohn und meine 16-jährige Tochter kommen manchmal mit ihren Lieblingsplatten zu mir, so habe ich eine Menge elektronische Musik entdeckt, aber auch Bands wie The Strokes oder die Kings Of Leon.

SPIEGEL ONLINE: Kommt die Generation Ihrer Kinder auch auf ihre Konzerte?

Weller: Mein Publikum ist so gemischt, wie es nur sein kann. Viele sind mit mir gealtert. Aber dann sehe ich Jugendliche mit Mod-Aufnähern vor der Bühne, die wohl erst gerade The Jam mit mir als 17-jährigem Sänger entdeckt haben. Darüber nachzudenken fühlt sich dann doch sehr merkwürdig an. Ich habe mein Leben nie darauf ausgerichtet, als potentieller Großvater auf der Bühne zu stehen.

Das Interview führte Jonathan Fischer



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