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Erinnerung an Roger Cicero: "Er war immer der Anker"

Bevor Roger Cicero ein Star wurde, gehörte er zu den Stammgästen des Band-Projekts Soulounge. Hier erinnert sich deren Gründer Sven Bünger an die Entdeckung des jungen Sängers.

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Roger Cicero

Zur Person
  • privat
    Sven Bünger ist Songwriter, Gitarrist und Produzent. Er arbeitet unter anderem mit dem Singer/Songwriter Johannes Oerding und der Indierock-Band Madsen, aber auch mit Ulrich Tukur, Angela Winkler und Mary Roos.

    2001 rief Bünger zusammen mit Bela Brauckmann die Soulounge ins Leben. Die Band entwickelte sich zu einer der renommiertesten Soulbands Deutschlands, bevor sie sich Ende 2010 auflöste. Junge Künstler wie Ayo, Miss Platnum, Roger Cicero oder Johannes Oerding nutzten ihre Auftritte bei der Soulounge als Karrieresprungbrett.
Soulounge war eine Schnapsidee, die ich 2001 mit Bela Brauckmann, dem Schlagzeuger meiner Band Cultured Pearls, entwickelt hatte. Da unsere Sängerin Astrid North schwanger war und nicht live spielen konnte, bauten wir uns diese Spielwiese, um weiter auf der Bühne stehen zu können. Wir wollten unsere Leidenschaft für Soulmusik aus den Siebzigerjahren ausleben. Es gab eine feste Band, wir wollten aber zu jedem Auftritt immer neue Gesangsgäste einladen.

Daraus entwickelte sich bald eine vielköpfige Familie, die beim Montreux Jazzfestival auftrat und im Vorprogramm von George Benson und James Brown spielte. Unser Highlight war sicher das Konzert mit der Motown-Legende Lamont Dozier. In den zehn Jahren des Bestehens von Soulounge hatten wir sicher bis zu 80 Vokalisten, aber in den Anfangsjahren war Roger Cicero immer dabei. Er war unser einziger ständiger Gast. Ich wusste: Wenn Roger bei dem Prince-Song "How Come You Don't Call Me Anymore?" in die Kopfstimme wechselt, dann haben wir das Publikum auf unserer Seite.

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Roger Cicero: Vom Jazz zum Pop
Roger kam zu unserem allerersten Konzert und wurde mir danach vorgestellt. Er wollte gern mitmachen. Ein Glücksfall war, dass unser damaliger Keyboarder ihn kannte und uns schnell davon überzeugte, Roger unbedingt auftreten zu lassen. Beim nächsten Auftritt sang Roger also einen Song von Stevie Wonder, und ich stand auf der Bühne und hatte Gänsehaut am ganzen Körper. Damit war klar, dass ich Roger nun öfter fragen würde, obwohl unser Konzept wiederkehrende Gäste eigentlich gar nicht vorsah.

Abwechselnd am Steuer nach Montreux

Roger war zuverlässig, immer bestens vorbereitet, ein großartiger Chorleiter - und er sang so gut, dass es schon fast unheimlich war. Aber aufgrund seiner gesunden Lebensweise war er auch nicht so anfällig wie einige andere Partylöwen. Bei uns wurde viel Englisch gesprochen, und ich erinnere mich daran, wie Roger andere Sänger, die rauchten, lächelnd darauf hinwies: "That's not good for your vocal chords". Seine Abstinenz hatte zudem den Vorteil, dass Roger sich auf Tournee des Öfteren mit mir am Steuer unseres Busses abwechselte.

So fuhren wir 2003 auch nach Montreux zum Jazzfestival. Ich weiß noch, wie ich mit Roger dann auf der Terrasse des Chalets des damaligen Festival-Chefs Claude Nobs stand und Roger meinte: "Mensch, Miles Davis hat hier auch schon gestanden!" Seine Scat-Solos waren so mitreißend, dass die Band von George Benson bei unserer gemeinsamen Tour oft am Bühnenrand stand und zuhörte.

Konzert-Ausschnitt mit Roger Cicero als Background-Sänger bei Lamont Dozier beim "Aalen jazzt"-Festival 2005:

Christina Voigt
Wir haben viele Konzerte zusammen gespielt, und Roger war dabei immer der Anker für die Sänger, Solisten wie Chöre. Er hatte allerdings die Angewohnheit, seinen Pullover in die Hose zu stecken, darauf wurde ich oft angesprochen. Als er dann später mit Hut und Anzug auf die Bühne ging, war ich überrascht, mit was für einfachen Mitteln er Star-Appeal entwickelte. War er früher einfach nur ein unglaublicher Sänger, verkörperte er nun auch den lässigen Lebemann mit gutem Geschmack und einem Faible für schöne Autos.

Seine Entscheidung für deutschsprachige Swingmusik war genial, denn nach der Swingplatte von Robbie Williams, die damals auch bei uns die Charts erobert hatte, schien das deutsche Publikum offen dafür. Der große Erfolg, den er mit "Frauen regier'n die Welt" und dann "Männersachen" hatte, überraschte mich trotzdem. Ich habe mich sehr für Roger gefreut, der jahrelang für 50 Euro am Abend bei uns gesungen hatte. Sein Erfolg hat mich damals so motiviert, dass ich bald darauf mit Rogers Nachfolger bei der Soulounge, Johannes Oerding, anfing, deutschsprachige Songs zu schreiben.

Zuletzt mochte ich sein Jazzalbum "The Roger Cicero Jazz Experience", auf dem er zusammen mit seinem Trio seine Lieblingssongs verjazzte. Sein Gesang war immer voller Seele und technischer Brillanz.

Als ich heute die Nachricht von Rogers Tod hörte, habe ich fast alle Aufnahmen mit ihm und der Soulounge noch einmal angehört. Ich bin traurig,dass er gegangen ist, aber sehr glücklich, so oft mit ihm auf der Bühne gestanden zu haben.

Mach's gut, Roger.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Leider ist es
guenther2009 30.03.2016
dass in den Medien diese Musik fast totgeschwiegen wird. Ich habe versucht eine Band , die Swing spielt im Morgenmagazin vorzustellen, aber die Antwort war dermassen deprimierend und ohne Sachkunde, dass ich auf diesen Sender.......
2.
cabriofahrer100 30.03.2016
r.i.p. roger. aber ein toller Beitrag und schön zu sehen, wie roger mit der wunderbaren Astrid north als backing vocal der soulounge auf der bühne stand. auch beeindruckend, wie Sven bünger seit den frühen 90ern mit den fantastischen cultured pearls und später mit soulounge, oerding etc. musik macht. weiter so und bitte, liebe großartige Astrid north, bald wieder ein neues Album!
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