Roland Kaiser im Interview "Meine Mutter hat das Büro von Willy Brandt geputzt"

In seinen Liedern singt er von Liebe und Begehren - Roland Kaiser ist aber nicht nur Schlagerstar, sondern auch SPD-Mitglied, Arbeiterkind und Dresden-Fan. Was treibt ihn an?

Sandra Ludewig

Ein Interview von


Roland Kaiser ist auf Tournee: kommt gerade aus Stuttgart, ist jetzt in Wien, bald geht's auch nach Dresden. Dort stehen gleich mehrere Konzerte auf dem Programm. Dresden, sagt Kaiser, sei "seine" Stadt. Die Tickets für seine alljährliche Open-Air-Show "Kaisermania" waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft, im Internet werden sie zu Höchstpreisen gehandelt. Aber Kaiser engagiert sich auch: In Dresden trat der Sänger, der selbst SPD-Mitglied ist, auch gegen Pegida auf.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kaiser, warum singen Sie als politischer Mensch eigentlich keine politischen Lieder?

Kaiser: Das ist eine bewusste Entscheidung. Mein beruflicher Auftrag lautet: die Menschen zu unterhalten. Ihnen die andere, die schöne Seite des Lebens anbieten. Sie haben ja jeden Tag genug schlechte Nachrichten und Alltagsstress. Ich bin dafür zuständig, dass sie nach zweieinhalb Stunden mit einem guten Gefühl nach Hause gehen können. Wenn ich ein politisches Anliegen habe, sage ich etwas dazu. Wenn mich jemand bittet, mich politisch im Wahlkampf zu engagieren, tue ich das gerne. Das kann ich in einer Rede besser machen als in drei Minuten in Reimform.

Zur Person
  • Sandra Ludewig
    Roland Kaiser, 1952 in Berlin als Ronald Keiler geboren, schaffte 1980 mit "Santa Maria" den Sprung in die Erste Liga des deutschen Schlagers. "Dich zu lieben" oder "Manchmal möchte ich schon mit dir..." waren weitere große Hits, mit rund 90 Millionen verkauften Tonträgern zählt er zu den erfolgreichsten deutschen Sängern seiner Generation. Beim Echo 2016 wurde Kaiser für sein Engagement für sozial benachteiligte Menschen prämiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in der Vergangenheit Gerhard Schröder und Peer Steinbrück in ihren Wahlkämpfen unterstützt. Jetzt auch Martin Schulz?

Kaiser: Es kam noch keine Anfrage an mich. Wenn die Partei meine Unterstützung braucht, dann helfe ich natürlich. In diesem Jahr könnte das aber problematisch werden, denn in der heißen Phase des Wahlkampfs bin ich auf Open-Air-Tour.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind aber für einen Bundeskanzler Martin Schulz, nicht für eine Bundeskanzlerin Angela Merkel?

Kaiser: Das muss der Wähler entscheiden. Aber als Sozialdemokrat würde ich es natürlich begrüßen, wenn Martin Schulz Kanzler wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie eigentlich zur SPD?

Kaiser: Ich bin von Kindesbeinen an schon mit dieser Partei vertraut gewesen. In Berlin bin ich neben dem SPD-Haus aufgewachsen. Meine Mutter war dort Raumpflegerin und hat noch das Büro von Willy Brandt geputzt. Später hat sie erzählt, ich hätte mal auf seinem Schoß gesessen. Ich weiß nicht, ob das stimmt, ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern. Aber sie hat es so erzählt. Jedenfalls bin ich überzeugter Sozialdemokrat. Die soziale Komponente im Miteinander ist für mich von großer Wichtigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal geschrieben, Sie würden, wenn Sie einmal vor Ihrem Schöpfer stehen, gerne antworten können: "Ich habe immer versucht, ein Christ zu sein." Christdemokratie kam für Sie nie infrage?

Kaiser: Ein Sozialdemokrat kann doch Christ sein. Eigentlich muss er sogar einer sein. Das bedingt einander ja, oder?

SPIEGEL ONLINE: Warum sagen Sie nicht einfach, Sie hätten immer versucht, ein guter Mensch zu sein?

Kaiser: Na ja, genau so meine ich es ja: ein guter Mensch zu sein. In meinen Augen ist das gleichbedeutend mit Christsein. Ich sage das so, weil ich christlich aufgewachsen bin. Konkret bedeutet das für mich: nicht nach unten treten, Minderheiten nicht ausgrenzen, Gewaltlosigkeit leben, eine Haltung haben. Danach versuche ich zu leben, und das habe ich auch versucht, meinen Kindern mitzugeben. Ich denke, es ist mir gelungen.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind in einer Pflegefamilie aufgewachsen, weil Ihre leibliche Mutter bei Ihrer Geburt sehr jung war. Hat das Ihr soziales Bewusstsein geprägt?

Kaiser: Ganz bestimmt. Jedenfalls kann ich nachfühlen, was es bedeutet, wenn Menschen sich uneigennützig und großherzig um andere kümmern. Meiner Pflegemutter bin ich dafür auf ewig dankbar. Ich habe gelernt, dass man helfen sollte, wo man helfen kann.

SPIEGEL ONLINE: In Dresden sind Sie besonders erfolgreich. Dort gibt es aber auch so etwas wie Pegida. Was sagen Sie dazu?

Kaiser: Die sächsische Landesregierung hat mich einmal gebeten, bei einer Kundgebung etwas zu Pegida zu sagen. Da habe ich selbstverständlich teilgenommen, zu Toleranz aufgerufen und gesagt, dass ich stolz darauf bin, in einem Land zu leben, in dem Menschen Unterschlupf finden und in Menschenwürde leben können.

SPIEGEL ONLINE: Und haben Sie Hassreaktionen bekommen?

Kaiser: Ein paar haben mir das übelgenommen, aber das war mir egal. Alles in allem verschreckt mein politisches Engagement meine Fans nicht, im Gegenteil. Die Leute mögen es, wenn man Farbe bekennt. Hassmails bekomme ich wohl auch, aber ich lese die nicht. Meine Frau tut das gelegentlich, ich sage ihr: Guck einfach nicht hin. Das geht eh in drei, vier Tagen vorbei, also vergiss es einfach. Diese Leute haben die Möglichkeit, mit Dreck zu werfen, ohne erwischt zu werden. Da muss ich mich nicht auch noch nach denen umdrehen. Und was meine Beliebtheit angeht: Wenn ich meine persönliche Einstellung von merkantilen Interessen abhängig mache, muss ich aufhören. Ich erzähle ja kein dummes Zeug, also muss ich mir auch keine Vorwürfe machen. Übrigens darf man nicht den Fehler machen zu sagen: Dresden gleich Pegida oder Pegida gleich Dresden. Pegida ist eine Minderheit in der Stadt, die aber durch ihre Lautstärke das Bild dieser Stadt in ein falsches Licht gerückt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich dieses Phänomen, dass so viele Menschen so wütend sind?

Kaiser: Das hat sicherlich mit Ungerechtigkeiten zu tun. Es gibt Dinge, die man den Menschen nicht mehr vermitteln kann. Es gibt Menschen, die arbeiten 45 Jahre und müssen dann als Rentner zur Tafel, um Essen und Trinken zu bekommen, damit die Rente dafür ausreicht, dass sie am sozialen Leben teilhaben können. Und der liest dann in der Zeitung, dass irgendein Top-Manager eine gewaltige Summe an Altersversorgung erhält, obwohl der einen milliardenschweren Schaden zu verantworten hat. Der fragt sich dann: Was stimmt hier eigentlich nicht? Viele Dinge sind einfach nicht vermittelbar.

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Interview mit Roland Kaiser: "Die Leute mögen es, wenn man Farbe bekennt"

SPIEGEL ONLINE: Zu Ihren Konzerten in Dresden kommen sogar Teenager, Menschen, die jünger sind als viele Ihre Lieder. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg dort?

Kaiser: Den kann man nicht erklären. Braucht man ja auch nicht. Ich habe mich irgendwann mal in die Stadt Dresden verguckt. Ich war ganz privat mit meiner Frau dort. Offensichtlich mag die Stadt mich auch. Es ist aber kein Dresden-Phänomen mehr, sondern zu den Konzerten dort kommen auch Leute aus Österreich und der Schweiz. Ich habe auch schon Reisegruppen aus Norwegen, Frankreich und Italien im Publikum gesehen. Die verstehen nicht mal die Sprache, in der ich singe, aber sie finden das Event toll. Die Auftritte sind an der Elbe, man sieht die Frauenkirche, die Semper-Oper, das ist ein großartiger Anblick.

SPIEGEL ONLINE: Seit Jahren spekulieren die Boulevardmedien über Ihr Karriereende, vor allem, als bei Ihnen 2000 eine Lungenkrankheit festgestellt wurde, aber auch, als Ihnen 2010 eine Lunge transplantiert wurde. Tatsächlich treten Sie jetzt mehr denn je auf. Dieses Jahr werden sie 65 Jahre alt. Denken Sie manchmal an so etwas wie Ruhestand?

Kaiser: Noch nie in meinem Leben habe ich so viel Freude an der Bühnen- und Studioarbeit gehabt wie jetzt. Alles, was seit der Transplantation geschieht, ist ja im Prinzip ein Geschenk. Das ist wie ein zweites Leben, so empfinde ich das wirklich. Ich genieße dieses Leben und auch meine Arbeit intensiver und anders als früher.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern anders?

Kaiser: Ich lebe viel bewusster. Und während ich in meinem ersten Leben jedes Mal, wenn ich rausging auf die Bühne, Angst hatte, ob alles gut geht, ist jetzt nur noch Freude da, keine Angst. Ich habe einfach Spaß daran, auf der Bühne zu stehen. Ich glaube, das merkt mein Publikum.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eigentlich ein humorvoller Mensch?

Kaiser: Sicher. In meinem Privatleben ist Humor von großer Bedeutung. Wenn Sie mir Ihrer Frau nicht gemeinsam lachen können, bleiben Sie nicht lange zusammen. Ich liebe Loriot, das ist die Form von Humor, die mir liegt.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Lieder sind aber völlig humorfrei.

Kaiser: (lacht) Na, ich bin ja nicht Mike Krüger.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie nachvollziehen, dass Menschen sich über Ihre Musik lustig machen?

Kaiser: Sollen Sie doch machen. Es kann ja jeder machen, was er will.

SPIEGEL ONLINE: Ja, aber können Sie selbst darüber lachen? Oder ärgert Sie das?

Kaiser: Nein, mich ärgert das nicht. Wäre ja furchtbar. Aber ganz ehrlich, ich treffe selten Leute, die sich über mich oder meine Musik lustig machen. Es gibt einige, die sagen, sie mögen nicht, was ich mache, ist nicht meine Welt. Das ist okay. Meine Kinder zum Beispiel. Zu Hause läuft meine Musik gar nicht. Da hängt übrigens auch kein Bild von mir. Meine Kinder hören sich ein neues Album an, dann sagen sie: ist in Ordnung. Und dann war's das. Sie besuchen mich auch mal gelegentlich im Konzert, und das tun sie auch gern.


Konzerttermine: 08.04.2017 Oberhausen, 09.04.2017 Bielefeld, 04.05.- 06.05.2017 Dresden, 03.06.2017 Schwerin

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
isar56 09.04.2017
1. Herr Kaiser?
zu Ihnen ist noch nicht durch gedrungen, dass die Sozialdemokraten 2017 rein gar nichts mehr zu tun haben, mit den Sozialdemokraten aus Ihrer Kindheit und Jugend?
steve72 09.04.2017
2.
Wen interessiert das!?
Stäffelesrutscher 09.04.2017
3.
Zitat von isar56zu Ihnen ist noch nicht durch gedrungen, dass die Sozialdemokraten 2017 rein gar nichts mehr zu tun haben, mit den Sozialdemokraten aus Ihrer Kindheit und Jugend?
Er hält die Ideale hoch. Er nennt sich ja auch Christ - während die Kirchen nichts, aber auch rein gar nichts mehr zu tun haben mit den überlieferten Handlungen des radikalen Kommunisten und Aktivisten aus Nazareth.
Klausinspace 09.04.2017
4. Grossartig
Ich mag seine Musik und seine Songs zwar nicht, menschlich ist er bei mir gerade enorm gewachsen.
Mertrager 09.04.2017
5. Von ihm könnte SPON lernen
wie man mit Pegida, afd usw umgeht. Wie er es macht, hat es Sinn - und Wirkung.
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