Rolling-Stones-Edition: Mogelpackung auf 45

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Oh je, schon wieder eine Luxusedition. Die Rolling Stones, selbsternannte "größte Rockband der Welt", setzt Maßstäbe in der Vermarktung alter Triumphe. Das neueste Produkt ist ein Kasten mit 45 Singles auf CD.

Rolling-Stones-Edition: Mogelpackung auf 45 Fotos
Getty Images

Fan der Rolling Stones zu sein, wird von Jahr zu Jahr teurer, zumindest wenn man zur bemitleidenswerten Kaste der sogenannten "Alleskäufer" gehört. Allein der vergangene Sommer war eine Herausforderung. Da ließen Jagger und seine Gang ihr allseits beliebtes, fast vierzig Jahre altes Album "Exile on Mainstreet" für eine erweiterte Neuauflage entstauben. Normale Sterbliche wählten nur zwischen CDs oder Vinyl oder eben Downloads.

Kniffliger wurde die Entscheidung für den Rolling-Stones-Alleskäufer, den lockte zum Beispiel das "Super Deluxe Band signed Art Licks Set" (Auflage 200!) von "Exile on Mainstreet" mit handsignierten Lithografien, Tourbuch, verchromtem Rolling-Stones-Schlüsselanhänger, einem nachgefertigten "86 Football Jersey", so wie es Mick Jagger während den "Exile on Mainstreet"-Aufnahme-Sessions vollschwitzte und ähnlichem Tinnef, sowie dezent beigepackten Tonträgern für lässige 2199,99 Euro.

Auch keine Kleinigkeit war das "Deluxe Road Case Set" (Auflage 1000) von "Exile on Mainstreet" in einem "Heavy Board Roadcase mit antikem Metallverschluss", nachgedruckten Konzerttickets und Backstage-Pässen und allerlei Schnickschnack mehr für 411,99 Euro. Oder die "Tourbag Dice - 7 Single Case Box" mit raren Vinyl-Singles, T-Shirt und Gürtelschnalle für fast schon bescheidene 92,99 Euro. Die Aufzählung der "Exile on Mainstreet"-Variationen ließe sich lange fortsetzen, denn die selbsternannte "größte Rockband der Welt" setzt in diesem Jahrtausend leider nur noch Maßstäbe im Marketing, genauer gesagt im Recyceln ihrer Triumphe von vorgestern.

Ein schmucker, pinker, kleiner Klotz

Inzwischen türmen sich Tonträger-Kästen mit allerlei Singles, Alben, CDs, SA-CDs, Vinyl und DVDs zu einem Gebirge auf. Der neueste Streich ist die in dieser Woche veröffentlichte Box "The Rolling Stones Singles (1971-2006) - 45 x 45s". Insgesamt 173 "Tracks", von denen achtzig - legal - anderweitig nicht mehr zu haben sind. Ein schmucker, pinker kleiner Klotz für 201,99 Euro, der weniger betuchte Rolling-Stones-Fans mal wieder in Bedrängnis bringen dürfte - und wieder überflüssig ist. Bereits der Name ist eine Mogelpackung, denn wenn man "45 x 45's" wörtlich nimmt, müssten in dem Kasten 45 kleine Vinyl-Scheiben, die auf 45 Umdrehungen abgespielt werden, drinstecken.

Geboten werden leider nur Songs auf CD - ein Format, das dieser Tage zu Recht ausstirbt. Außerdem wird die Sorte Fan, die über diese Anschaffung überhaupt nur nachdenkt, alle diese Lieder ohnehin längst mehrfach besitzen, und für normale Menschen ist der "Bi-Polar's Fat Controller Mix" der mittelprächtigen Rolling-Stones-Single "Out of Control" absolut verzichtbar. Selbstverständlich ist ein großer Teil der Musik dieser Box exzellent - aber eben auch altbekannt. Mit relevanten, unbekannten B-Seiten hätte man dagegen eine exquisite Doppel-CD füllen können, die vermutlich manche Käufer gefunden hätte. Aber das hätte selbstverständlich auch weniger Umsatz gebracht.

Das Prinzip hinter dem Boxen-Terror ist klar: Immer weniger Menschen kaufen normale Tonträger, aber die wenigen, die noch viel kaufen, investieren gern auch in Deluxe-Editionen. Keine Band aber melkt ihre treuesten Fans so dreist wie die Rolling Stones.

Andererseits hat auch der Amazon-Kunde recht, der in einem Kommentar zu einem der Kästen bemerkte: "Wenn irgendwelche Deppen dafür Geld ausgeben, warum nicht?"

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insgesamt 16 Beiträge
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1.
shokaku 08.04.2011
Wo Problem? Da wird der Musikindustrie jahrelang vorgeworfen nix innovatives auf die Beine zu stellen, aber wenn dann was Neues kommt, ist es auch nicht recht. Ältere Gruppen haben halt noch ein paar richtige Fans und nicht blos ein Rudel Kleptomanen als Publikum.
2. Hmmm ...
MikeNaeheHamburg 08.04.2011
Wenn einem als Musiker nichts mehr einfällt und dennoch akuter Geldbedarf besteht - warum nicht? Gibt bestimmt genug Trottel, die glauben ein „wertvolles Sammlerstück“ erstanden zu haben. Selbst schuld.
3. Musik schafft sich selber ab
quoddeus 08.04.2011
bei dem ganzen Stones-Schmuh geben ich dem Autor natürlich recht. Aber seine kleine Volte lasse ich ihm nicht durchgehen: "CD - ein Format, das dieser Tage zu Recht ausstirbt". Hört, hört! Wie hört man denn heute so, wenn man hip ist? Kostenlos bei simfy? Oder kauft man doch ganz brav beim Shop mit dem Apfel? Wenn man da z.B. wissen will, wer auf einem Lied spielt und singt, wer das Lied geschrieben hat, wer produziert hat und wo und wie der Text denn genau geht, der wird hier dumm bleiben. All diese schönen Infos, die man bei der CD meistens noch mit geliefert bekommt, gehen aus Rationalisierungsgründen flöten. Die Musik marginalisiert sich zunehmend immer weiter. Aber Hauptsache, es macht Spaß und kost fast nix.
4. sehr innovativ
angst+money 08.04.2011
Zitat von shokakuWo Problem? Da wird der Musikindustrie jahrelang vorgeworfen nix innovatives auf die Beine zu stellen, aber wenn dann was Neues kommt, ist es auch nicht recht. Ältere Gruppen haben halt noch ein paar richtige Fans und nicht blos ein Rudel Kleptomanen als Publikum.
Ich denke mal, der Vorwurf der mangelnden Innovation bezieht sich auf die Musik. Was das Marketing betrifft hat niemand Einfallslosigkeit bemängelt, im Gegenteil. Und die 'richtigen Fans' sind ein Symptom für die Jasager, mit denen sich Leute ab einem gewissen Alter gerne umgeben - Kritik ist halt anstrengend. Dann lieber auf Nummer Sicher gehen und ein paar alte Lorbeeren nochmal aufkochen. Kein Wunder, dass der Rest der Musikfans zu 'Kleptomanen' wird.
5. So sehe...
sappelkopp 08.04.2011
Zitat von shokakuWo Problem? Da wird der Musikindustrie jahrelang vorgeworfen nix innovatives auf die Beine zu stellen, aber wenn dann was Neues kommt, ist es auch nicht recht. Ältere Gruppen haben halt noch ein paar richtige Fans und nicht blos ein Rudel Kleptomanen als Publikum.
...ich das auch. Wer die Asche dafür hat, warum nicht. @MikeNaeheHamburg Ich glaube nicht, dass die Stones Geldbedarf haben. Das geschätzte Jahreseinkommen der Band liegt je nach Quelle zwischen 70 und 110 Millionen Dollar. Naja, und einige Hundert Milliönchen werden die Bengels ja wohl angelegt haben, reicht also für nette Pflegerinnen, guten Whisky, ein bisschen Dope und sonstige Annehmlichkeiten.
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