VIP-Tickets für Konzerte Schatz, lös den Bausparvertrag auf, die Stones kommen!

Früher sangen, tanzten, schwitzten alle Konzertgänger gleich. Heute zahlt man bei der Europa-Tour der Rolling Stones etwa den Preis eines Sommerurlaubs, um im "ultra exklusiven No Filter Pit" stehen zu dürfen.

DPA

Wie Rock 'n' Roll heute klingt? Nach "Start Me Up", "Brown Sugar", "Jumpin' Jack Flash" und "Gimme Shelter". Und damit nach folgenden Zahlen: 1275, 775, 575 und 475. So viel Euro müssen Fans nämlich hinblättern, um sich bei den Rolling-Stones-Konzerten in Hamburg, München und Düsseldorf von der Masse abzuheben. Oder wie es ein großer Ticketanbieter ausdrückt: um "das Mega-Event in exklusivem Ambiente zu erleben".

Den Käufern muss man jedoch nicht viel Spaß wünschen, sondern herzliches Beileid: Der Leistungskatalog der vier VIP-Ticketkategorien liest sich, gemessen an den Preisen, nämlich wie ein schlechter Witz: Entscheidet man sich zum Preis eines Sommerurlaubs etwa für "Start Me Up", gibt es einen hübschen Kunstdruck "auf säurefreiem Papier", ein Reisepaket und ein "unglaubliches Stehplatzticket im ultra exklusiven No Filter Pit". Schatz, lös den Bausparvertrag auf, die Stones kommen!

Wer also noch einen Beweis brauchte, dass Rock 'n' Roll im Jahr 2017 mausetot ist: bitte sehr. Die ehemalige Jugendrevolte hat sich zum kostspieligen Hobby gediegener Facharbeiter gewandelt, die dazugehörigen Schallplatten zur Briefmarkensammlung der Babyboomer-Generation. Vom musikalischen Aufschrei der Arbeiterklasse ist nichts weiter übrig geblieben als eine gut geölte Verwertungsmaschine.

23.000 Euro für den Handshake zum guten Zweck

Neu ist das nicht. Und die Stones sind natürlich ein Sonderfall, touren sie doch schon seit mindestens 25 Jahren zwischen ausgedehnter Nachlassverwaltung und unternehmerischer Brillanz durch die Welt. Aus purer Freude an der Musik, versteht sich. Aber auch, weil sich eben alles verkauft, was nur annähernd etwas mit den britischen Rockopas zu tun hat.

Das mündet oftmals in Peinlichkeiten: Wenn man etwa auf die grandiose Idee kommt, ein VIP-Paket für 775 Euro "Brown Sugar" zu nennen. Ernsthaft? Nach einem Song also, in dem es prominent um Sklaverei, Heroin, dreckigen Sex und Sadomasochismus geht?

Andererseits muss man den Stones gratulieren, denn sie nutzen konsequent ihre Möglichkeiten. Für sechs Termine ihrer am Samstag in Hamburg startenden Tour brachten sie etwa Konzerttickets samt handshake und Erinnerungsfoto nach der Show an den Mann - für gut 23.000 Euro. Klingt nach dem Gipfel der Kommerzialisierung? Ist aber eine gute Sache: Ein Großteil der erschüttelten Einahmen soll nämlich in gemeinnützige Bildungs- und Umwelteinrichtungen fließen. Für einige Konzerte ist das Angebot bereits ausgebucht. Danke dafür, liebe Stones.

Mit hochpreisigen Sondertickets gegen Schwarzmarktwucher

Man könnte das alles also leicht als Auswuchs des musikalischen Großunternehmens um Mick Jagger abtun. Doch die Preispolitik solcher Großkonzerte offenbart ein Problem, das tiefer geht: Live-Musik droht zum Luxusgut zu werden. Ein Blick auf die Zahlen genügt: Zwischen 1996 und 2015 ist die Zahl der in den USA verkauften Tickets laut "Billboard" um rund 50 Prozent von 40 auf 60 Millionen Einheiten gewachsen. Im gleichen Zeitraum haben sich die daraus generierten Einnahmen jedoch versechsfacht.

Einer der Gründe: Der Markt für hochpreisige Sondertickets boomt. Jeder Anbieter hat mittlerweile eine Vielzahl solcher Angebote im Sortiment. Möchte man im November beispielsweise Shakira sehen, kann man sich zwischen sechs verschiedenen Premiumtickets entscheiden, Spitzenpreis 270 Euro. Harry Styles kostet 300, inklusive der "Möglichkeit zum entspannten Shopping" vor Ort.

Diese Flut hat gute Gründe: Mitte der Neunzigerjahre fiel einigen Konzertveranstaltern auf, dass sich die besten Plätze schon kurz nach Verkaufsstart dreimal so teuer auf dem Schwarzmarkt wiederfanden. Die Lösung: sie gleich selbst teuer anzubieten. Außerdem hälfen, so die gängige Argumentation, die exklusiven Tickets dabei, Großveranstaltungen, wie etwa das US-Festival Coachella, überhaupt zu ermöglichen. Bei genauerem Hinsehen ein Scheinargument: Zwar finden diese Events in immer größerem Rahmen statt, doch auch die regulären Tickets sind weiterhin sündhaft teuer - für normale Fans.

Entwurzelte Gefälligkeitsveranstaltung für Besserwisser und -verdiener

Fakt ist jedoch, dass das Modell ankommt: Die Sondertickets sind oftmals schneller ausverkauft als die normalen. Eine Entwicklung, die für Pop zum Problem wird, widerspricht sie doch seinem Gründungsmythos. Denn waren es nicht gerade die Jungen, die Unterprivilegierten, die Außenseiter, die ihn zur wirkungsreichsten Kunstform der Gegenwart machten? Und Konzerte nicht radikale Gleichmacher angesichts der Musik? Schöpften sie ihre Magie nicht gerade aus dem gemeinsamen Erlebnis?

Mit der Gleichheit sieht man es heute jedoch nicht mehr so eng. Wer heute ein großes Konzert besucht, möchte etwas geboten bekommen, den richtigen Winkel für den Handyschnappschuss finden und dabei möglichst nicht gestört werden. Mit den anderen singen, tanzen und schwitzen? Lieber nicht. Man hat ja schließlich bezahlt.

Verübeln kann man das niemanden. Wer hat sich nicht schon auf einem Konzert vom grölenden Nachbarn gestört gefühlt? Dennoch ist die Entwicklung gefährlich: Durch die entstehende Zweiklassengesellschaft könnte Pop ein ähnliches Schicksal drohen wie einst dem Rock'n'Roll: Die Wandlung hin zur entwurzelten Gefälligkeitsveranstaltung für Besserwisser und -verdiener. Ohne Kanten, ohne Leben, ohne gesellschaftliche Stimme.

Das lässt sich verhindern. Denn als Kunde und Fan bestimmt man gerade in der Popbranche sehr unmittelbar, was geht und was nicht. Man müsste mit der eigenen Kaufentscheidung bloß öfter den Anbietern und Käufern der VIP-Tickets einen anderen Stones-Song in Erinnerung rufen: "You Can't Always Get What You Want."

Korrekturhinweis: Wir haben den Wochentag des Hamburg-Auftritts in Text und Fotostrecke korrigiert.

insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
ogg00 09.09.2017
1. Na und?
Die Klientel hat nun mal das Geld und nicht mehr die Fitness, um sich um die guten Plätze zu schubsen, stundenlang anzustehen und zu drängeln. Meine Metallica Karte kostet wegen garantiertem Innenraum auch 190? ( gab es kurz auch regulär billiger aber in 1 Minute ausverkauft). Was kostet die Welt? Es ist nur ein Hobby. Und "true" Rock'n'Roll waren ausgerechnet die Stones eh nie. Die waren immer schön berechnende Geschäftsleute...
monoman 09.09.2017
2. "... als eine gut geölte Verwertungsmaschine."
"Vom musikalischen Aufschrei der Arbeiterklasse ist nichts weiter übrig geblieben als eine gut geölte Verwertungsmaschine." Das konnte man eigentlich in den 60ern auch schon so sagen. Der einzige Unterschied ist nur, dass damals die Musiker noch machen durften, was sie wollten, solange das Resultat ein zahlendes Publikum fand, bevor man begann, Musik, Bands und "Lebensgefühl" professionell am Reißbrett zu entwerfen.
Blattmann 09.09.2017
3.
Nun ja, etwas überspitzt ist der Beitrag schon. Dies ist aber bestimmt bewusst so gewollt. Es ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite die Supermega Rock Bands zu denen nebst den Rolling Stones auch AC/DC zählt um nur eine weiter zu nennen. Die beiden und ihre super kommerzialisierten Kollegen haben durchaus den Rock'n'Roll getötet wenn man ihn nur auf große bezieht. Der wahre Rock'n'Roll lebt noch, nur nicht in den großen Stadien wie z.B. das Olympiastadion in Berlin. Er lebt in den "kleinen" Clubs wo durch aus sehr viele renommierte und internationale Band spielen. Da lebt er noch und da und da "stört" es eher wenn die Leute nicht mittanzen oder mitgröhlen.
Ostseeland 09.09.2017
4. Überfluß
Es ist zuviel Geld unter den Leuten wenn solche Preise für eine Unterhaltungshow bezahlt wird. Die Preise sind in den letzten 20 Jahren explodiert und der Konzertbesucher ist selber Schuld. Ähnlich die Fußballfans die Stadionpreise zahlen die jenseits von gut und böse sind. Im alten Rom gab es Brot und Spiele vom Cäsar bezahlt heute bezahlt man das auch noch selber. Mein letztes Konzert war mit Brain Adams und hatte 70 DM gekostet was kostet es heute?
Miker 09.09.2017
5.
Die Musik der Rolling Stones mag ich, weil sie eine gute Rhythm and Blues-Kapelle sind. Die Eintrittspreise sind wahrscheinlich auch deshalb so hoch, weil die Band für Konzerte hohen logistischen Aufwand hat. Das VIP-Paket für rund 21000 Euro zeigt m. E., dass die Herren Jagger, Richards, Watts und Wood sehr geschäftstüchtig sind. Insofern bleibt bestimmt genug Geld übrig, um Mick Taylor ausstehende Tantiemen zu zahlen.
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