Rolling Stones in Rio Tanz mit den Devils

Die Stones haben eine besondere Beziehung zu Brasilien: In São Paulo schrieben sie "Honky Tonk Woman", in Rio feierten sie legendäre Orgien, lebender Beweis ist Jaggers Sohn Lucas. Jetzt waren die alten Herren wieder in Rio – und begeisterten mehr als eine Million Menschen an der Copacabana.

Von , Rio de Janeiro


Wie heizt man die Stimmung an, wenn ein Superstar wie Mick Jagger durch eine Barriere von etwa 700 selbstverliebten VIPs vom Volk getrennt wird, die sich vor der Bühne in Szene setzten und mit ihren teuren Mobiltelefonen fotografieren, während sich die Rock'n'Roll-Dinosaurier auf der Bühne abmühen? Ganz einfach: Man befördert den Star mittels einer fahrbaren Bühne mitten unters "Povo" - unters Volk. Etwa hundert Meter weit glitten die "Rolling Stones" auf Schienen über den Sandstrand, bis sie, mit dem Rücken zu den eitlen Promis, mitten unter den Fans spielte. "Miss You", sang Jagger, zum Anfassen nah, und zum ersten Mal in dieser Nacht fing Copacabana Feuer. Bei "Sympathy for the devil" glitt er wieder hinter die Mauer der VIPs zurück, das Publikum verstand die Doppeldeutigkeit und jubelte.



"Stadion-Rock" nennen Kritiker zynisch die perfekt inszenierten Megaspektakel der "Stones". Sicher, die einstigen Prolo-Boys sind heute gesetzte Multimillionäre im Rentenalter, ihre Shows glänzen nicht durch besondere Kreativität, die letzten Hits liegen schon Jahrzehnte zurück. Aber die Bühnenenergie des 62-jährigen Mick Jagger lässt jeden 20-jährigen Nachwuchsrocker alt aussehen.

Wohl nur die Rolling Stones schaffen es, Rio eine Woche vor dem Karneval mit einer anderen Musik als Samba in Stimmung zu bringen. Zehntausende hatten seit dem frühen Morgen in der Hitze ausgeharrt, am Abend war die Menge vor der Monsterbühne - die Konstruktion erreichte die Höhe eines sechsstöckigen Gebäudes - auf rund 1,3 Millionen angewachsen, ein Rekord selbst für die in Superlative verliebten Cariocas, wie sich die Bewohner der Zuckerhut-Stadt nennen.

Die meisten sahen Mick, Keith, Ron und Charlie nur auf einer der riesigen Leinwände, die den Strand säumten, doch das tat der Stimmung keinen Abbruch. Denn wann gibt es das schon: Die berühmteste Rockband der Welt umsonst und draußen am berühmtesten Strand der Welt?

Nur Spielverderber murrten, dass die 750.000 Dollar, die der Bürgermeister aus der Stadtkasse für die Show locker machte, besser in die maroden Krankenhäuser investiert worden wäre. Dabei kamen die Sponsoren, zwei Mobiltelefon-Konzerne, für den Löwenanteil der Kosten auf - und der Imagegewinn für die "Cidade Maravilhosa", die "wunderbare Stadt", an den Tagen vor der Show noch mit einem neuen Drogenkrieg Schlagzeilen gemacht hatte, kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden.

Die Besucher waren mit Bussen aus allen Teilen des Riesenlandes gekommen. Ein Indianerhäuptling mit Federschmuck aus dem fernen Bundesstaat Mato Grosso stolzierte durchs Publikum, und auch ein Mönch grölte "Satisfaction" mit: Bruder Francisco Alves Barbosa, 73, ist "seit über 30 Jahren" Stones-Fan. Am Tag vor dem Spektakel hatte er die Bühne gesegnet, während der Show besänftigte der Mann mit der Soutane einige tätowierte Muskelmänner mit nacktem Oberkörper, die nach reichhaltigem Marihuana-Genuss die umstehenden Zuschauer belästigten.

Schon am Vortag hatten die Fans den Strand in ein riesiges Zeltlager verwandelt. Sie standen vor den Tankstellen Schlange, wo sie sich in Autowaschanlagen den Schweiß abduschten; sie hatten zwölf Stunden lang in einer Astgabel vor dem Luxushotel Copacabana Palace ausgeharrt, wie ein Besucher aus Belo Horizonte, oder ankerten in Yachten und Schonern hundert Meter von der Bühne auf dem Meer, einige Wagemutige waren sogar mit Kajaks herangepaddelt. Selbst Petrus hatte ein Einsehen: Es regnete nicht und das Meer vor Copacabana war so glatt wie selten. "Que noite maravilhosa!", rief Mick Jagger in nur leicht gefärbtem Portugiesisch. "Was für eine wundeschöne Nacht." Als er in der Mitte der Show ein T-Shirt mit der brasilianischen Flagge überstreifte, gab es kein Halten mehr, eine Woge grün-gelben Nationalstolzes rauschte durch das Publikum.

Tatsächlich ist Brasilien für die Stones eine Art Heimspiel: Seit ihrem ersten Besuch Ende der sechziger Jahre haben Mick Jagger und Co. eine besondere Beziehung nach Südamerika. Auf der Farm eines brasilianischen Bankiers bei São Paulo schrieben sie "Honky Tonk Woman", im "Copacabana Palace" in Rio, wo sie jetzt auch wieder abstiegen, feierten sie legendäre Orgien. Sogar einen Samba komponierte Jagger: "Sympathy for the devil" ist von afrobrasilianischen Rhythmen inspiriert und wurde von dem Meister selbst einmal als Samba bezeichnet, "auch wenn das schwer zu hören ist".

Und dann ist da noch der siebenjährige Lucas: Bei ihrer letzten Tournee 1998 hatte Jagger einen folgenreichen One-Night-Stand mit dem brasilianischen Model Luciana Giménez. Die saftigen Alimente für ihren Sohn erstritt sich die clevere Dame vor Gericht, auch einen Karriereschub als TV-Moderatorin hat sie der Affäre mit dem Rockstar zu verdanken. Lucas lebt zwar bei der Mutter, aber er wächst zweisprachig auf und plaudert mit seinem Vater auf Englisch. Im Copacabana Palace ließ Jagger eine eigene Suite für den Kleinen reservieren. Dort konnte er sich von der physischen Ähnlichkeit mit seinem Jüngsten überzeugen: Lucas hat den gleichen großen Mund wie der Vater.



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