Roskilde-Festival 2014 T-Shirt ausziehen! Wedeln! Im Kreis rennen!

Elektronisches aus Afrika, Rock von den Rolling Stones und Engagement von Pussy Riot: Das Roskilde-Openair bestach durch musikalische und politische Vielfalt. Nur Major Lazer verwandelten das Festival kurzzeitig in einen US-Spring-Break.

DPA

Von Daniel Bax


Die "orange stage" ist das Wahrzeichen von Roskilde. Ihr knalliges Orange dient als Signalfarbe des Festivals, ein Piktogramm des geschwungenen Zeltdachs bildet das Logo. Entworfen wurde die Bühne aber ursprünglich für eine Tournee der Rolling Stones im Jahr 1976. Die dänischen Festivalmacher hatten sie anschließend einfach aufgekauft.

In diesem Jahr kehrten die Stones nach fast 40 Jahren erstmals wieder auf diese Bretter zurück. Die Altmeister präsentierten sich dabei gut gelaunt, mit einem spöttischen Dauergrinsen auf den Lippen, als könnten sie es selbst nicht glauben, dem Rockstar-Schicksal so ein Schnippchen geschlagen zu haben: Mick Jagger, mit 70 Jahren noch immer agil, warf mit dänischen Phrasen um sich, turnte herum und konnte es nicht lassen, sich das Mikrofon in den Hosenbund zu stecken, so als wollte er damit sagen: Hier geht auch noch was.

Seinem Ruf, das profilierte Rockfestival des Kontinents zu sein, ist Roskilde damit einmal mehr gerecht geworden. Mit dem Rock-Boom der Neunzigerjahre ist es einst gewachsen, und wer düsteren Rock skandinavischer Prägung sucht, wird hier immer noch fündig. Doch inzwischen hat es sich stark ausdifferenziert und bietet auch Hip-Hop, Reggae, Elektronik und dem, was gerne Weltmusik genannt wird, also Künstlern aus allen möglichen Ecken der Welt, ein gleichberechtigtes Plätzchen.

"Der KGB weiß, wo wir sind"

Doch Roskilde will mehr als nur ein Musikfestival sein. Deshalb kreuzten dort in diesem Jahr auch Nadja Tolokonnikova und Mascha Aljoschina auf, die beiden aus der Haft entlassenen Galionsfiguren von Pussy Riot. Wie zu einem Popkonzert standen die Zuhörer Schlange, um ihre Ansprache zu hören, bei der die beiden Aktivistinnen um die Unterstützung der russischen Zivilgesellschaft und speziell ihrer Initiative "Zona Prava", mit der sie Frauen in russischen Gefängnissen helfen wollen, warben. "Wenn sie uns suchen, gehen sie einfach ins nächste KGB-Büro - die wissen immer, wo wir zu finden sind", erklärten sie kokett.

Nach dem Auftritt der Stones hatten die Programmmacher ganz bewusst einen Auftritt der "Master Musicians of Joujouka" gesetzt. Mit ihrem Bandleader Mounir Bachir traten die alten Herren aus Marokko in langen grünen Gewändern und mit Tröten und Trommeln wie Schlangenbeschwörer in einem Nebenzelt vor das Publikum. Mit ihrem schwer zugänglichen, aber hypnotischen Trancesound brachten sie sogar einige Festivalbesucher zum Tanzen.

Hipster ehren Baptistenprediger

Das Programm sollte zeigen, wie sehr Musik aus Afrika seit jeher westlichen Musikern als Inspirationsquelle gedient hat. Einer von ihnen ist der Berliner Techno-DJ Mark Ernestus, der in Roskilde seine Trommelgruppe Jeri Jeri aus dem Senegal präsentierte: Knochentrockener Roots-Mbalax aus dem westafrikanischen Staat, kaum mehr als der nackte Rhythmus, mit bis zu vier Percussionisten und einer Tänzerin, die dazu wild mit Armen und Beinen wedelte.

Dass es aber auch aus Afrika elektronische Musik zu entdecken gibt, zeigte der nächtliche Auftritt der Atomic Bomb Band. Die Gruppe war der Geheimtipp des Festivals. Diese New Yorker All-Star-Band um den Beastie-Boys-Mitstreiter Money Mark, mit Mitgliedern des LCD Soundsystems und Hot Chip, präsentiert das Werk des nigerianischen Synthie-Pop-Pioniers William Onyeabor. Der Musiker hatte in den Siebzigerjahren ein paar fantastische Alben veröffentlicht, bevor er von der Bildfläche verschwand, um fortan ein gottesfürchtiges Leben als Baptistenprediger zu führen.

Dirigiert vom Afrofunk-Musiker Ahmed Gallab alias Sinkane, der mit riesigem Cowboyhut das zehnköpfige Ensemble anführte, ließen sie zu später Stunde ihren Monsterfunk ertönen, und für den Song "Fantastic Man" sprang sogar Damon Albarn auf die Bühne, um ein paar Textzeilen beizusteuern.

DJ Bobo plus Booty Shake

Grenzgänger wie Damon Albarn, der in Roskilde auch mit einem Solo-Konzert begeisterte, prägten in diesem Jahr das Programm. Der Bänkelsänger der Globalisierungskritik, Manu Chao, hat zwar seit Jahren kein neues Album herausgebracht. Dafür spielte er in Roskilde neue Versionen seiner eingängigen Latin-Reggae-Hits und streute beiläufig einige neue, bislang unveröffentlichte Songs ein.

Eine Grenzüberschreitung ganz anderer Art boten dagegen Major Lazer, das Bandprojekt von DJ und Produzent Diplo aus den USA, das mit Laserstrahlen, Hupen und Sirenen die Samstagnacht abschloss. Während Diplo an seinen Turntables thronte und in Dancehall-Manier in kurzen Abständen jamaikanische Riddims auf Kirmestechno und Roots-Reggae auf Eurotrash prallen ließ, bellte sein muskulöser Frontmann Anweisungen ins Publikum: T-Shirts ausziehen, T-Shirts über den Kopf wedeln, T-Shirts hochwerfen, im Kreis rennen - was auch immer er forderte, das junge Publikum machte mit.

Wenn man ihnen wohlgesonnen ist, kann man sagen, dass Major Lazer das Dancehall-Genre aufs Stadionrock-Format heben. Ist man weniger wohlgesonnen, muss man sagen, dass der Auftritt an DJ Bobo erinnerte. Nur, dass die Show von Major Lazer nicht ganz so jugendfrei war wie wohl die ihres Schweizer Kollegen, denn ihre Tänzerinnen im Cheerleader-Outfit vollführten auf der großen Bühne aggressiven Lapdance und Booty Shake, ließen ihre Pobacken in die Kameras wackeln, was von dort überlebensgroß auf die Großbildleinwand übertragen wurde.

Dieser Sexismus liegt im Dancehall-Genre, Major Lazer pumpen ihn bloß zu bislang ungeahnter Größe auf. Das mag die richtige Ästhetik für die Generation Youporn sein, die nur noch auf besonders heftige Schlüsselreize reagiert. Aber es passt eher zu einem Spring Break in Florida, als ins politisch bewusste Roskilde.

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