Russisches Kammermusikfest Politisch ein wenig inkorrekt

Unter Stalin bangten auch Musiker um Leib und Leben - aber nicht alle. Manche arrangierten sich mit dem Regime, dennoch schufen sie aufregende Werke. Hochklassige Fundstücke präsentiert jetzt ein Kammermusik-Festival in Hamburg, bei dem prominente Musiker Entdeckerhilfe leisten.

Musikförderung e.v./ Lisa Kohler

Von


Was soll ein Musik-Festival? Im Idealfall überraschen. In Kulturmetropolen wie Berlin, München oder Hamburg herrscht das ganze Jahr an großen Konzert-Ereignissen kein Mangel; edle kleine Events gehen da oft unter. Bündelungen in Festival-Form verstärken jedoch die Wirkung. Wie das auch in schmalem Rahmen funktioniert, sieht man im September in Hamburg.

Dort wird zwischen dem 7. und 18. September das "Russisches Kammermusikfest" stattfinden, nach der Premiere 2010 nun zum zweiten Mal. Unter griffigem Motto wird dort spannende Musik aufgeführt werden, die sonst wenige Chancen beim breiten Publikum hätte. Neun Veranstaltungen finden an verschiedenen Spielorten statt, und es werden Werke russischer Komponisten abseits der bekannten Repertoire-Pfade präsentiert - interpretiert von Künstlern, die den raren Spezialitäten kraft ihres Namens Aufmerksamkeit verschaffen sollen. Wie die Pianistin Lilya Zilberstein, der Cellist David Geringas oder das Oktett der Berliner Philharmoniker.

Politisch ein wenig inkorrekt

Neben etablierten Komponisten aus der Rachmaninow/Prokofjew-Riege werden auch weniger bekannte Namen wie Samuil Feinberg (1890-1962) oder Sergej Tanejew (1856-1915) präsentiert. Ohne Angst vor Kontroversen: Auch solche Komponisten sind dabei, die politisch bei uns als ein wenig inkorrekt gelten, aber künstlerisch Interessantes zu bieten haben. Gebhardt Dietsch ist der künstlerische Leiter des Festivals und sagt: "Dazu gehört auch ein Komponist wie Reinhold Glière, dessen Werk wegen seines politischen Arrangements mit der Kommunistischen Partei lange unterbewertet wurde. Aber das ging Schostakowitsch ja zunächst ebenso!"

Reinhold Moritzewisch Glière (1874-1956) stammt aus Kiew, studierte bei Sergej Tanejew am Moskauer Konservatorium, später auch in Berlin Musik und Dirigieren, bevor er selbst Dozent in Moskau wurde. Zu seinen Schülern gehörte auch Sergej Prokofjew. Glière, der stilistisch in der russischen Tradition verwurzelt ist und aus seiner Berliner Zeit einige Tupfer Impressionismus mitbrachte, schrieb Symphonien, Konzerte, Ballette und eben auch Kammermusik.

Mit Glière macht in diesem Jahr das Berliner Philharmonische Streichoktett den Anfang. Es stellt zwei Stücken Glières zwei Stücke von Dmitri Schostakowitsch gegenüber - ein Vergleich der Zeitgenossen.

Volkstümliche Melancholie

Einen ersten Eindruck vom bunt-gefälligen Werk Glières bietet eine Klavier-CD ("Piano Works"), die bereits im Juni 2011 erschien. Darauf spielte die Pianistin Corinna Simon kleine und kurze Werke, Mazurken und Préludes, denen ein volkstümlich-melancholischer Ton gemeinsam ist - ganz typisch für Glière.

Wenn Komponisten ihre Werke leichthin als "leicht" bezeichnen, bedeutet das nicht immer, dass sie einfach zu spielen sind. Reinhold Glières "Acht leichte Stücke" op. 48 für Klavier bedürfen, wenn auch keiner Titanenpranke, so doch federnder Eleganz und gestalterischen Könnens, damit diese Miniaturen eben nicht dünn oder belanglos klingen. Corinna Simon gibt den Fantasien und Genrestücken mit sicherer Hand ihre Würde: So mutieren Kleinigkeiten wie das nur mit der Tempoangabe "Moderato" bezeichnete Stück zu eleganten Skizzen, die einem Komponisten so durch den Kopf gehen, wenn er auf größere Taten sinnt. Und da sind dann Glières Streichersätze schon von anderem Kaliber - am 7. September 2011 in Hamburgs Kleiner Laeiszhalle zu hören.


Russisches Kammermusikfest. Hamburg. 7.-18.9.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.