Sänger Gregory Porter Die schönste Stimme des Jazz

Vom Nobody zur großen Hoffnung der Jazz-Szene: Der Sänger Gregory Porter hat mit seinem betörenden Blues-Bariton, seiner starken Bühnenpräsenz und seinem Gefühl für Groove das Zeug zum Weltstar. Jetzt ist sein zweites Album "Be Good" erschienen. Und gut ist er darauf.

Vincent Soyez

"Als Kind habe ich mir vorgestellt, dass Nat King Cole mein Vater sei", erinnert sich Gregory Porter. Verständlich, wenn man mit einer allein erziehenden Mutter aufwächst, die zu Hause ständig Platten des Sängers mit der samtweichen Stimme auflegt; zudem spielte sie Aufnahmen von Marvin Gaye und John Coltrane. Und sonntags nahm die Mutter ihre sechs Kinder mit in eine Kirche, in der ein mächtiger Gospel-Chor das Lob des Herrn schmetterte.

Bei seinem Deutschland-Debüt im Mai 2011 erzählte Porter dem Hamburger Online-Magazin "Kultur Port" von seiner musikalischen Sozialisation. Der Sänger mit der Figur eines Preisboxers wuchs zwar in Kalifornien auf, aber seine Heimatstadt Bakersfield nannte er "very southern", denn schwarze Zuwanderer aus Texas, Louisiana und Arkansas hörten dort vor allem Blues- und Soul-Musik. Jugendliche tanzten nach Motown Beats, und die Gesänge in den Gotteshäusern klangen wie in Harlem. Porter berichtete auch, wie sehr ihn Jazz-Instrumentalisten beeinflussten. So erschien ihm der Posaunen-Ton von J. J. Johnson wie eine menschliche Stimme.

Entdeckt beim Hamburger Elbjazz Fest

Vor seinem Auftritt beim Hamburger Elbjazz Festival, der nun knapp ein Jahr zurückliegt, kannten nicht einmal alle Fachleute Porter. Man konnte zwar nachlesen, dass er Musiker geworden war, weil eine Schulter-Verletzung eine Football-Karriere unmöglich machte. Dann war Porter in Clubs in San Diego aufgetreten, er wirkte in Musicals mit, und war schon über Vierzig, als 2010 sein Debütalbum "Water" erschien und prompt für einen Grammy nominiert wurde. Doch wenige hatten seine Stimme gehört, niemand hatte ihn live erlebt. Deshalb verschlug es den Fans die Sprache: Auf der windigen Bühne am Ende des Geländes von Blohm + Voss stand einer vor ihnen, in dem man die Bluessänger der Basie-Band, den Sound der Stevie-Wonder-Generation und den honigsüßen, swingenden Stil von Nat King Cole erkennen konnte. Gregory Porter - den Namen musste man sich merken. "I'm in the tradition", sagt der neue Star, "but I'm pushing that tradition." Er tut dies vor allem mit Stücken, die er selbst schreibt und textet. In seinem jetzt erschienenen zweiten Album "Be Good" stammen zehn von zwölf Titeln aus seiner Feder. Porter erzählt Geschichten aus seiner eigenen afroamerikanischen Welt - und das tut er anrührend und überzeugend.

Nach dem Hamburger Erfolg trat Porter bei Großereignissen wie dem North Sea Jazz Festival in Den Haag und dem JazzFest Berlin auf. Kollegen lieben den Amerikaner, der auch mal spontan bei anderen einsteigt, wie in Hamburg bei Klaus Doldingers Band. Kritiker bescheinigen ihm "die schönste Stimme des Jazz" (so das Fachblatt "Jazzthing"). Porter hat das Potential für ein großen Publikum, ohne in die Pop-Welt wechseln zu müssen.

Seine Fans rätseln im Internet, weshalb der stets in eleganten Anzügen auftretende Künstler nie seine Kopfbedeckung abnimmt. Es ist eine Art Strickschlauch, der Ohren und Hals verdeckt. Darüber trägt Porter eine Schirmmütze. Das ist kein exzentrischer Mode-Gag, sondern hat vermutlich einen medizinischen Sinn. Was immer es ist - die Gesangskunst des Mannes wurde nicht tangiert.

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