Sänger Muhabbet Deutsche Disziplin, türkisches Herz

Er nennt sich Muhabbet und ist der neue Pop-Star der türkischen Community. Nach einer Million Downloads aus dem Internet hat ihn jetzt auch die deutsche Musikindustrie entdeckt. Aber wie vermarktet man ein Idol, dessen Fans noch nie in einem Plattenladen waren?

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Die besten Geschichten beginnen mit einem Mythos. Die der zweiten türkischen Einwanderer-Generation beginnen fast alle mit einem – nämlich dem der Eltern, die als "Gastarbeiter" nach Deutschland kamen, um mit einem Mercedes in die Heimat zurückzukehren. Doch die meisten kehrten nie zurück - und die Sehnsucht nach dieser Heimat lebt in vielen Kindern weiter.

Sänger Muhabbet: "Ein bisschen philosophisch darf es schon sein"
dbutzmann.de

Sänger Muhabbet: "Ein bisschen philosophisch darf es schon sein"

Dem neuen Shooting-Star der türkischen Community, Muhabbet, verschafft genau diese Sehnsucht Erfolg. "Ich weiß dass ihr auf türkische Lieder steht", ruft der coole Typ von der Bühne, und das Publikum kreischt. "Aber ich singe deutsch", provoziert er und fügt fast beiläufig sein Erfolgsgeheimnis hinzu, "klingt halt nur türkisch".

R'n'Besk nennt der 21-Jährige diesen Musikstil, genau wie seine erste CD. Der Mix besteht aus "Arabesk" – einer klagenden türkischen Volksmusik – versehen mit "Rhythm", also mit "fetten Beats" und deutschen Texten. In Arabesk-Liedern geht es meistens um Herzschmerz oder die Sorgen des kleinen Mannes – genau wie bei Muhabbet: "Ich schwör', du hast Talent, auch wenn dich keiner kennt." Zu Arabesk gehört auch, dass steinreiche Sänger aus der Perspektive des armen Schluckers singen oder - wie bei dem deutschsprachigen Newcomer – aus der Perspektive der Fans ("Du bist mein Star").

Dass Muhabbet ein echter Star werden kann, hat auch der Musikkonzern SonyBMG erkannt, der nun dessen Debüt-CD herausgebracht hat. Jochen Kühling vom türkisch-deutschen Produzententeam PLAK-Music spricht das einzige Problem an: Eine "ganz normale Vermarktungsgeschichte prallt da auf eine Ethno-Community".

Gemeint ist, dass türkische Jugendliche über "Bravo"-Hefte und "Bullet of the Week"-Fernsehwerbung kaum zu erreichen sind. Kühling erzählt, wie zwei türkische Mädchen während einer Autogrammstunde im Media Markt festgehalten wurden, weil sie eine CD vom Signiertisch geklaut haben. "Sie dachten wirklich, die lägen da gratis zum Mitnehmen aus."

Türkische Haushalte als mediale Parallelgesellschaft 

Tatsächlich wagt sich der global operierende Konzern mit Muhabbet in ganz neue Gefilde. Der türkische Ethnomarkt wurde bisher als Zielgruppe vernachlässigt. Viele türkische Jugendliche betreten für Muhabbets Autogrammstunden das erste Mal einen Plattenladen, denn die Stars der türkischen Musikszene gab es bisher in deutschen Geschäften kaum zu kaufen.

Die Tatsache, dass türkische Haushalte in der Marktforschung kaum oder überhaupt nicht erfasst werden, sei nicht gerade ein Anreiz für die Medienindustrie, meint Jochen Kühling. Solange nur Deutsche und Angehörige der Europäischen Union in der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) gezählt werden, bleibe die türkische Kulturlandschaft auch im Abseits der deutschen Musikindustrie. "Die können gar nicht wissen, wie viel Einschaltquoten Muhabbet bringen würde."

Murat Ersen, wie Muhabbet mit richtigem Namen heißt, kommt selber aus einem Abseits. Sein Stadtteil in Köln-Böcklemünd ist vergleichbar mit dem sozialen Brennpunkt Berlin-Neukölln. Dort trifft man sich nach der Schule auf der Straße, steht rum und verhält sich "rüpelmäßig". Man prahlt mit Misserfolg und Gesetzeskonflikten. Doch er, sagt Murat, hat sich davon nicht mitreißen lassen und betrachtete die Leute, die die Kurve nicht kriegten, "als Inspiration".

Die Fans im Konzert kreischen frenetisch, wenn er auf der Bühne erzählt, dass er kein Auto hat sondern lieber U-Bahn fährt. Auch dabei holt sich der Kölner, der neuerdings in Berlin-Kreuzberg lebt, Anregungen für seine Lieder.

Integrationswunder Muhabbet

Beim "Türk Günü" (Türkischer Tag) am Brandenburger Tor jubelten dem angehenden Megastar am vorvergangenen Wochenende Tausende von Fans zu und sangen seine Texte mit - Wort für Wort, auf Deutsch. "Vergiss nicht, von wo du herkommst!", rief ihm die 17-jährige Ünür zu. Seine Anhänger sind stolz auf ihn, weil er "eben einer von ihnen" ist, wie er selber sagt.

Die Ehre, bei einer Gala als Unicef-Botschafter zwei Reihen hinter der Bundeskanzlerin zu sitzen, lasse ihn kalt, erklärt Muhabbet im Interview. Viel lieber würde er Angela Merkel erklären, wie man einen Skandal wie an der Rütli-Schule in Neukölln verhindern kann. "Man braucht natürlich Lehrer, die die Mentalität der Kids kennen." Ein türkischer Lehrer wisse, dass er zur Not eben den Vater eines unbändigen Jugendlichen anrufen muss, "weil der ihn schon dazu bringt, Respekt zu haben".

Für viele ist der junge Musiker in erster Linie ein Integrationswunder zum Vorzeigen. Ein integrierter "Migrant zweiter Generation", wie ihn die soziologische Fachsprache nennt. So etwas nervt Murat. Allerdings sieht auch er sich in der Rolle eines Vermittlers, der Deutsche und Türken dabei unterstützen will, friedlich zusammenzuleben.

Botschaften zwischen den Tracks

Seine Texte geben jedoch keine wirklichen Integrations-Botschaften her. Oberste Priorität sei eine eingängige Musik – zum Entspannen eben. "Na ja, ein bisschen philosophisch darf es schon sein." Seine Botschaften verkünde Murat auf der Bühne, "zwischen den Tracks".

Muhabbet-Fans in Berlin: Noch nie einen Plattenladen betreten
Ferda Ataman

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Nicht nur deswegen würde eine Live-CD das Phänomen "Muhabbet" wohl viel besser erklären, als die Hochglanz-Scheibe von SonyBMG. Die Vermarktung des Albums erinnert an die üblichen Klischees, die vorzugsweise bei amerikanischen R'n'B-Stars zum Tragen kommen: Schwarzer Anzug, Goldkette und goldener Glamour-Hintergrund. Im Konzert ist von solcher Stilisierung nicht mehr viel übrig. Muhabbet trägt legere Kleidung und dirigiert eine groovende Band namens Orientation, die das bunt gemischte Publikum mit aufregenden Instrumenten wie dem Kanun, der türkischen Harfe, begeistert und überzeugt.

Murat Ersen verkörpert also den Mythos des in der Fremde erfolgreich gewordenen Migranten. Und doch ist die Fremde gar nicht mehr so fremd – das ist der ewige Spagat der zweiten Generation. Ihr Traum ist nicht mehr die Rückkehr ins anatolische Dorf im fetten Mercedes, sondern "hier ein Haus mit Garten und dort ein Ferienhaus am Meer" – das fände Murat gut.

Der Shooting-Star aus Köln-Böcklemünd verkörpert noch etwas: Die Symbiose einer Sehnsucht nach zwei Welten. Sei es, wenn er während einer Konzertpause auf die Bühne kommt und ein Darbuka-Solo trommelt oder sich nach seinen deutschen Liedern mit einer türkischen Kussgeste vom Publikum verabschiedet. Nur so kann man verbinden, was am Ende einen neuen Ethnomarkt verspricht: "Deutsche Disziplin mit türkischem Herz."



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