Sängerin Brisa Roché Sex-Rebellin mit Hippie-Herz

Papa ein Koks-Dealer, Mama ein Hippie. Was wird da aus dem Töchterchen? Nur das Beste. Auf ihrem neuen Album versteckt die streitbare US-Sängerin Brisa Roché feministische Botschaften in süßlichem Sixties-Pop.

Von Thomas Winkler


Als Diva hat man's nicht leicht. Marlene Dietrich vergrub sich in Paris, um den eigenen Mythos nicht mit Bildern einer alternden Frau zu beschädigen, und Greta Garbo entsagte der Öffentlichkeit mit nur 36 Jahren. Brisa Roché geht das Problem frühzeitig und offensiv an. Nein, lächelt sie unter ihren, zu einem gewaltigen Nest aufgetürmten Haaren hervor, ihr exaktes Alter behalte sie lieber für sich. Die Auskunftsverweigerung darf man als programmatisch verstehen.

Denn Roché, in Paris lebende Amerikanerin, ist Popmusikerin, aber auch Kämpferin gegen das immer noch frauenfeindliche Popgeschäft, ein feministischer Gegenentwurf zu den Rollenmodellen, mit denen sich Frauen im Musikbusiness auch heute noch begnügen sollen. Ihr zweites Album "Takes" ist tatsächlich zu sperrig, um problemlos in die bestehenden Nischen des Weiblichen eingefügt zu werden.

Eine gewisse Dosis Divenhaftigkeit ist da hilfreich, doch Roché, stets etwas zu stark geschminkt, definiert die alte Pose neu als Widerständigkeit und erinnert zugleich an die Zeiten, als Frauen sich emanzipierten, indem sie sich einer aggressiven Sexualität bedienten. Durch Rochés Texte geistern ein "Hengst" und "Körper, von der Sonne gebräunt", die sich "kleinen Freuden" hingeben. Roché singt "I want more" und meint damit sicher keine Süßigkeiten. Ihre Songs tragen sportive Titel wie "The Drum" oder "Trampoline" und man darf sich dazu seinen Teil denken. Aber, und das ist nicht unwichtig, die Männer in ihren Liedern müssen für sie tanzen - und nicht umgekehrt. "Ich wäre gern als Mann geboren worden", sagt sie, "dann hätte ich Rockstar werden können".

Harmonie und Widerborstigkeit

Vielleicht sollte man sie darauf hinweisen, dass es auch weibliche Rockstars gibt, aber auch die Musik auf "Takes" taugt kaum zur Rocker-Pose. Sie kommt zunächst eher harmlos daher, ahmt so manches harmonische Klischee aus den Sixties nach und verknüpft den Retro-Sound mit modernen Folk-Ansätzen. Gerade dieser Kontrast zwischen selbstbewusster Widerborstigkeit und der um größtmögliche Harmonie bemühten Musik könnte funktionieren – wie ein U-Boot im Musikgeschäft, das sich gut getarnt einschleicht, um unbemerkt seine Torpedos abzusetzen.

Die libertäre Grundverfassung, ihre Neigung zur Rebellion, hat Roché von ihren Eltern mitbekommen. Die waren Hippies. Die alleinerziehende Mutter, eine Künstlerin, sang die Tochter mit improvisierten Liedern in den Schlaf. Der Vater, ein Kokain-Dealer und Hehler, nahm sie als kleines Kind mit auf seine "Geschäftsreisen", bevor er mit 48 Jahren an Leberversagen starb. "Sehr frei, keine Regeln, Abenteuer und großes Drama", beschreibt Roché dieses Leben. Doch die meiste Zeit verbringt sie im Elternhaus in den weiten Wäldern im Norden Kaliforniens. Das nächstgelegene Städtchen heißt Arcata und zählt gerade mal 16.000 Einwohner. Ihre Mutter lebt noch heute dort, allein zwischen Eukalyptusbäumen. Um die Songs für "Takes" zu schreiben, kehrte Brisa in das Haus ihrer Kindheit zurück. Zum endgültigen Abnabeln?

"Fuck the Sixties!"

"Fuck the Sixties", sagt sie, "ich lebe in der Gegenwart, ich mag nicht mehr neidisch sein auf vergangene Zeiten." Ist sie aber natürlich trotzdem, und so ist "Takes" auch Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit, Ausdruck kindlicher Prägungen, das Resultat einer nach den Entwürfen der späten Sechziger gelebten Jugend. Die wundervoll luftigen und berückenden Songs, "weder altmodisch noch nostalgisch", wie Roché hofft, brechen zwar die naive Fröhlichkeit der Hippiezeit mit nonchalant hingehauchter Melancholie, einem gewissen mondänen Anspruch, den sie aufgeschnappt hat in den drei Jahren, die sie in Paris lebt.

Aber alles an dieser ungewöhnlichen Pop-Platte atmet den alten Hippie-Geist vom Leben ohne Limits und Zwänge. "Bei Rockmusik ging es damals um Freiheit, zumindest um das Versprechen, man könnte alles sein, was man sich wünscht", schwärmt Brisa Roché, "heute dagegen müssen alle wie Models aussehen – immerhin wenigstens nicht mehr nur die Frauen, sondern auch die Männer. Das ist wohl Fortschritt."

Dass sie souverän zu spielen vermag mit den Ansprüchen, die an Frauen im Popgeschäft gestellt werden, dass sie Erwartungen erfüllt und sie zugleich auszuhebeln versteht, das disqualifiziert sie als Kandidatin im Kampf um die Nachfolge von Amy Winehouse. Ihren exaltierten Lidstrich hat sie, darauf legt sie Wert, "schon lange so getragen, bevor Winehouse berühmt wurde". Tatsächlich unterscheidet sich Roché nicht nur musikalisch deutlich von der Grammy-Gewinnerin, sondern auch in dem Bemühen, jede Andeutung der klassisch-weiblichen Opferrolle, in die Winehouse momentan so öffentlich wie effektiv schlüpft, zu vermeiden.

Ihr geht es um weibliche Selbstbestimmung, vor allem um sexuelle. "Wenn ich über Sex spreche, dann vor allem, weil er nun mal zum Alltag gehört", argumentiert sie, "aber wenn ich über Sex spreche, dann ist das auch eine Form von Rebellion". Und nicht zuletzt ein Statement gegen den anti-feministischen Rollback, den sie in der Gesellschaft im Allgemeinen und im Popgeschäft im Speziellen zuletzt beobachtet. "Sich schminken, dünn bleiben, gut aussehen, das ist anstrengend", fasst sie das Anforderungsportfolio an weibliche Popstars zusammen. "Das Geschlecht spielt eine Rolle, eine immer wichtigere Rolle verglichen mit den achtziger Jahren", schimpft sie, "aber ich habe gelernt, dass man dagegen nicht angehen kann, ich habe aufgegeben, mich dagegen zu wehren." Aber aufgehört, dagegen anzusingen, hat sie (noch) nicht.


Brisa Roché: "Takes" (Discograph/Alive!)



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