Sängerin Coeur de Pirate Chansons mit Tattoos

Eine tätowierte Kanadierin mit Punkvergangenheit wird Frankreichs neuer Chanson-Superstar? Béatrice Martin alias Coeur de Pirate kann es selbst kaum fassen. Als Nächstes könnte Deutschland den charmanten Klavierballaden und Retro-Popsongs der 20-Jährigen verfallen.

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In Schwarzweißbildern steigt die Sängerin aus dem Flugzeug, ihren männlichen Duettpartner an der Seite, hinein ins Bad in der hysterischen Menge. Durch Las Vegas, New York, Hollywood geht der Triumphzug - und weil der Song "Pour Un Infidèle" heißt, "Für einen Untreuen" also, sehen wir in der schönsten Szene dieses Retro-Videos, wie der Mann eine Tänzerin küsst, Sekunden, bevor diese auf die Bühne trippelt, um die Sängerin zu umkreisen.

Las Vegas, New York, Hollywood - das ist noch nicht die Welt von Béatrice Martin, der jungen Kanadierin, die sich hinter dem Pseudonym Coeur de Pirate verbirgt. Doch in Frankreich stieg "Pour Un Infidèle" Anfang des Jahres direkt auf Platz eins der Singlecharts ein - Höhepunkt einer in zweifacher Hinsicht ungewöhnlichen Erfolgsgeschichte. Zum einen pflegen die Franzosen der kanadischen Popszene wenig Beachtung zu schenken. Zum anderen sind Chansonsängerinnen gemeinhin eher nicht tätowiert. Die 20-Jährige aus Quebec mit den knallbunt verzierten Armen aber bekam für ihr Debütalbum Doppelplatin.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Video zu "Pour Un Infidèle" die sechziger Jahre heraufbeschwört, die Zeit, als die Yé-Yé's mit französischsprachiger Popmusik Weltgeltung erlangten. "Ganz klar, France Gall, Françoise Hardy, die ganze Szene um die Radiosendung 'Salut Les Copains' hat meine Ästhetik geprägt", sagt Martin.

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"Pour Un Infidèle" hört man diesen Sixties-Einfluss auch an, mit seinen Stakkato-Gitarren und seinen schwelgerischen Streichern. Doch es ist damit eher die Ausnahme auf dem selbstbetitelten Debütalbum der Sängerin und Songwriterin. Ansonsten dominieren Balladen, oft hauptsächlich getragen von Béatrice Martins Stimme und ihrem Klavier, auf dem die Tochter aus gutem Hause schon mit drei Jahren zu spielen anfing - schließlich ist die Mutter Pianistin von Beruf. "Sie ist vor allem froh, dass ich Pop mache und nicht Klassik - so sind wir nicht in derselben Szene unterwegs", sagt Martin. Und natürlich sei ihre Mutter froh, dass die ganzen Klavierstunden doch noch zu etwas nütze waren.

Von der Punkband zur Klavierballade

Danach hatte es nämlich zwischenzeitlich nicht unbedingt ausgesehen: Béatrice Martin rebellierte in ihrer Teenagerzeit, wenn auch "hauptsächlich innerlich", wie sie sagt. Den Klavierunterricht schmiss sie hin, zwei Stunden tägliches Üben wurden ihr zu viel. Sie spielte stattdessen in Punkbands und ließ sich die dazu passenden Tätowierungen stechen. Am Arm sind sie unübersehbar; wo sie noch welche hat, ließe sich auf einigen im Internet kursierenden Nacktbildern überprüfen, die sie vor drei Jahren online stellte - heute bezeichnet sie die Erotikfotos als "Jugendsünden".

Überhaupt spricht sie mit jenem unnachahmlich ernsthaften, beinahe altklugen Tonfall über ihre Pubertätswirren, der typisch ist für Leute, deren Teenagerjahre noch nicht lange vergangen sind. "Ich habe mich selbst durch andere entdeckt, das ist keine gute Art zu lernen", sagt sie darüber, dass sie sich tief in Liebesbeziehungen hineinstürzte. Mit 17 zerbrach eine besonders leidenschaftliche: "Das war der Moment, als ich anfing, Lieder zu schreiben. Die meisten meiner Texte auf dem Album handeln von Rache."

Dass sie diese Texte auf Französisch singt, ist nicht ganz selbstverständlich, denn schließlich ist sie kanadische Staatsbürgerin. Béatrice Martin kommt aus Montreal, der Metropole der überwiegend französischsprachigen Region Quebec. Zwar betont sie: "Wir legen in Quebec schon Wert darauf, das Französische zu bewahren, gerade weil wir so nah an den USA und Kanada sind" - und sagt tatsächlich "Kanada", so wie Briten vom Festland als Europa sprechen. Auch würde sie sich freuen, wenn sie dazu beitragen könne, dass junge Leute wieder französischsprachige Musik hörten.

"So lyrisch, so romantisch, so vokalbetont"

Doch als politisches Statement für das nach Autonomie strebende Quebec will Béatrice Martin ihre Entscheidung nicht verstanden wissen. Stattdessen schwärmt sie von der Schönheit der französischen Sprache, "so lyrisch, so romantisch, so vokalbetont", und behält sich vor, auch weiterhin gelegentlich englische Songs zu schreiben. Coeur de Pirate aber ist ihr französischsprachiges Projekt.

Nun herrscht in Frankreich ja spätestens seit dem Aufstieg der "Nouvelle Scène" des Chansons ab den neunziger Jahren kein Mangel an talentierten Songwritern. Trotzdem konnte sich Coeur de Pirate durchsetzen, und das auch noch mit einem sehr sparsam arrangierten Lied wie "Comme Des Enfants". Béatrice Martin war selbst überrascht, das Lied im Radio zu hören: "Aber in Frankreich waren in den letzten Jahren einige englischsprachige Folk-Acts recht erfolgreich, Charlie Winston oder The Cocoon zum Beispiel. Als dann ein Mädchen mit ihrem Klavier ankam, ähnlich reduziert, haben sie wohl aufgemerkt." Schließlich wurde "Comme Des Enfants" bei den "Victoires de la musique", der Entsprechung zu Echo oder Grammy, als bestes Lied des Jahres 2009 ausgezeichnet.

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Nachdem mit der belgischen Wallonie und der Schweizer Romandie inzwischen der komplette frankophone Sprachraum der Sängerin verfallen ist, bringt nun mit etwas Verspätung das verdienstvolle Kölner Label Le Pop das Album "Coeur de Pirate" auch in Deutschland heraus. Es könnte einer dieser selten, aber doch recht regelmäßig auftauchenden französischsprachigen Überraschungserfolge sein. Die Vorzeichen stehen nicht schlecht, bei iTunes ist das Album schon unter den Top 30.

Béatrice Martin kann sich gut vorstellen, auch hierzulande erfolgreich zu sein. Sie setzt auf die Aufgeschlossenheit der Leute, die ihr schon in Brasilien viele Fans beschert habe: "Wenn die Musik einen erwischt, das ist das Wichtigste. Natürlich sind mir meine Texte auch wichtig, aber wenn jemand einfach nur von der Musik betört ist: Wunderbar!" Obendrein liegt der CD auch ein Textblatt mit deutschen Übersetzungen bei.


Coeur de Pirate "Coeur de Pirate" (Le Pop Musik / Groove Attack)



insgesamt 6 Beiträge
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ilsf 25.08.2010
1. Les français et la chanson canadienne...
Zitat: "Zum einen pflegen die Franzosen der kanadischen Popszene wenig Beachtung zu schenken." Leider hat der Autor keine (große) Ahnung. Schon in den 70er Jahren wussten wir sehr wohl uns für Beau Dommage, Charlebois und andere begeistern. Später für Garou, Céline Dion (als sie noch nicht in Englisch sang) und Natascha St Pier... Naja.
petitelapine 25.08.2010
2. ...
Salut tout le monde! Ich persönlich mag die leicht verspielte Musik von Coeur de Pirate und auch ihre Texte sind in einem sehr schönen Französisch geschrieben. Wir haben sie hier in Frankreich letzten Sommer dank "Comme des enfants" entdeckt - ein sehr schöner, leicht nostalgischer Song. Mein Liebling ist aber "Fondu au noir", weil die sehr eingängige, traurige Melodie auf sehr schône Weise mit einsem sehr düsteren Text verbunden ist. Kurz: Ich kann "Coeur de Pirate" nur empfehlen :O)
johannekuebler 25.08.2010
3. na sowas
Ich habe mich auch sehr über die Unkenntnis des Autors gewundert. Und überhaupt, dass französischsprachige Kanadier auf Französisch singen ist eher normal... wenn sie auch auf Englisch singen, dann ist dies bemerkenswert. Nun ja. Freue mich aber trotzdem darüber, dass jetzt auch in Deutschland über Coeur de Pirate berichtet wird.
Misha 25.08.2010
4. Oh, Überschrift fehlt! Entschuldigung!!
Ich denke, das heißt Cœur de pirate (Alt + 0156 für das œ)? Warum bitteschön weiß der Autor das nicht?
eishockeyoma 25.08.2010
5. ich kann mich einigen der vorschreiber nur
schliessen, die Musik gefällt auch mir sehr gut. Ich habe leider außer der CD und dem Namen vorher nichts über dieses Projekt gewußt. Ich glaube, ich werde mich mal schlau machen und über meinen Horizont von francis Cabrel mal hinausschauen.
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