Sängerin Tori Amos Flotter Fünfer

Sehr schlau oder schlicht schizophren? Die US-Sängerin Tori Amos, bekannt für gelegentliche Exzentrik, spaltete sich für ihr neues Album in fünf unterschiedliche Persönlichkeiten auf. Diese "American Doll Posse" soll den Amerikanerinnen politisch auf die Sprünge helfen.

Von Stefan Krulle


Da sitzt sie nun in dicken Polstern, bereitet duftenden englischen Tee am Couchtisch zu und erzählt fast beiläufig von fünf Frauen, die sie bis zum Ende dieses Jahres besser kennenlernen möchte. Sie heißen Isabel und Clyde, Pip und Santa, und die letzte von ihnen heißt Tori. Sie haben Biographien, die sich fast gar nicht gleichen. Nur Lieder schreiben und diese singen, das tun sie alle. Ihre Charaktere haben Vorbilder in der griechischen Mythologie, die längst nicht mehr Allgemeinbildung genannt werden darf, schon gar nicht in Amerika.

Die "American Doll Posse" in voller Pracht: Alles Aktivistinnen
Blaise Reutersward

Die "American Doll Posse" in voller Pracht: Alles Aktivistinnen

Und dann hat die "American Doll Posse”, als welche die fünf Damen fortan firmieren wollen, auch noch politische Ambitionen. Wie unmodern! Die Schöpferin der femininen Phalanx rührt in ihrem Tee herum und lehnt sich lächelnd in die Kissen. "Es gibt in der Posse ein paar Mädchen”, sagt Tori Amos mit zuckersüßer Stimme, "die sich dauernd fragen, wohin das Land, wohin Amerika steuern wird. Die Maschinerie der Rechten läuft wie ein unaufhaltsames Ungetüm, und die Einzigen, die jetzt noch ihre Stimme erheben könnten, sind die Frauen. Genau dazu möchte ich sie bringen, es ist wirklich an der Zeit.”

Die vor gut 43 Jahren in North Carolina als Tochter eines Methodisten-Pfarrers geborene Myra Ellen Amos, Anfang der Neunziger zuerst nach Irland, später nach London und schließlich Cornwall umgezogene Künstlerin, neigt, wie unschwer festzustellen ist, zur Exzentrik. Ihr Lied "Me And A Gun", in der sie über ihre eigene Vergewaltigung sang, wurde 1991 ihr erster Hit, seither hat Amos in etlichen Genres die Rolle der Frauen in einer Männerwelt thematisiert. In viele Rollen ist sie dabei selbst geschlüpft – allerdings bislang meist nur in eine zur Zeit und für kurze Zeit. Bis jetzt eben.

Die ersten Freunde, denen sie ihre Idee zur "American Doll Posse” vorstellte, reagierten irritiert. "Bei der Plattenfirma”, lächelt Tori Amos, "war es erwartungsgemäß am schlimmsten. Die wussten absolut nicht, was mir vorschwebte." Also zog sie sich nochmals zurück, entwarf zu ihrer Idee Bilder und Auftritts-Strategien, "und irgendwann haben sie es begriffen. Glaube ich jedenfalls, vielleicht haben sie auch nur gedacht, ach, was soll's, lass sie mal machen." Leicht aufzuhalten nämlich, sagt Amos, sei sie nicht gerade.

Das musste schon ihre letzte Plattenfirma erfahren, mit der sich Tori Amos einen jahrelangen Rechtsstreit lieferte. "Irgendwann hatte ich denen nur noch ein Album abzuliefern, um endlich aus den Knebel-Verträgen raus zu kommen." Da habe sie sich für eine Sammlung von Songs entschieden, die Männer über Frauen geschrieben hatten, "schon weil ich denen keines meiner Song-Babys mehr geben wollte, das hätten sie nur über meine Leiche gekriegt." Auf besagtem Album "Strange Little Girls” war Amos vierfach und jeweils unterschiedlich gewandet, frisiert und geschminkt zu sehen. Vorgetragen hat sie die Songs jedoch als Tori Amos, die wilde, unergründbar zwingende Rothaarige hinter dem Bösendorfer-Piano.

Für die "American Doll Posse" wird sie jetzt nicht nur optisch zur multiplen Persönlichkeit. Im Interview spricht von der Tori aus dem Quintett in der dritten Person und sagt nur dann mal "ich", wenn sie in die Vergangenheit abschweift – oder sich, noch neu im Spiel der geteilten Rollen, schlicht verspricht. Dem Wahnsinn anheimgefallen ist Tori Amos dennoch nicht. "Dies ist ein Kunstprojekt, hier geht es nicht darum, morgens aufzustehen und in den Supermarkt zu gehen. Der Bauplan für die Doll Posse ist die Musik. Ich habe mir meine Songs angeschaut und mich gefragt, welcher von ihnen zu was für einem Typ von Frau passen könnte und wie diese Frau beschaffen sein müsste, um selbst so einen Song zu schreiben."

Danach wurden die Lieder auf die neuen Charaktere verteilt, von denen, wenn Tori Amos jetzt auf Tour geht, "immer eine den Abend eröffnet. Wer das sein wird, entscheide ich erst am Konzerttag. Und nach dem Intro wird dann Tori auf die Bühne gehen und ihre Songs, aber auch die der anderen singen." Keine leichte Aufgabe für ihre Band, "die musste vier verschiedene Repertoires einstudieren.”

Das ambitionierte Projekt hat schon vor der Veröffentlichung des Albums am vergangenen Freitag begonnen und wird mindestens bis zum Ende des Jahres weitergehen – im Internet. "Wir haben für Clyde, Pip, Santa, Isabel und", ein flüchtiges Lächeln, "natürlich für Tori einen Blog eingerichtet. Je nach Charakter der einzelnen Frauen wird es in einem jede Woche neue Statements, in einem anderen Antworten auf Fragen geben." Im Falle von Pip, angelehnt an die Figur der Athene, soll sich binnen sechs Monaten eine ganze Biographie entfalten. "Sie hat gerade ihren Vater, einen ehemaligen CIA-Mann, verloren und macht sich nun auf die Suche nach seiner ihr bislang verborgenen Vergangenheit. Dabei wird sie über seltsame Entdeckungen stolpern", kündigt Amos an. Ein Blick in die Blogs belegt Erstaunliches: Die American Doll Posse ist bereits in rege Interaktion mit vorwiegend weiblichen Fans gegangen.

Der CIA-Papa übrigens kommt nicht von ungefähr. Letztlich möchte Tori Amos keinesfalls ihr Ziel aus den Augen verlieren, die Frauen Amerikas zu Aktivistinnen werden zu lassen. "Wir haben es in den USA mit einer monotheistischen, patriarchalischen Lobby zu tun, die alles andere will als eine matriarchalische, demokratische Kraft wie im griechischen Pantheon. Die feminine Rolle wird schon viel zu lange auf Maria und Maria Magdalena eingegrenzt, aber Frauen sind keine eindimensionalen Wesen, sind nicht entweder Heilige oder Hure, also sollten sie ihre Stimmen erheben.”

Harte Zeiten für die Männer, die mit solcher Vielfalt vermutlich überfordert sind. "Das mag schon sein”, sagt Tori Amos, "aber wir Frauen haben es doch auch gelernt. Sieh dir nur Tori an, die setzt sich der Aufgabe aus, mit vier total unterschiedlichen Frauen zusammen zu arbeiten. Das heißt schon, sich in wirklich schwere See zu begeben.” Ein letzter Schluck Tee, ein elfenhaftes Lächeln, "ich bin jedenfalls heilfroh, mir so etwas nicht selbst aufgebürdet zu haben."


"American Doll Posse" ist bei Epic/SonyBMG erschienen



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