"Salome" bei den Salzburger Festspielen Ein Orkan der Sinne

Mit der "Salome" hat Salzburg 2018 einen doppelten Erfolg. Zum einen begeistert die mutige Inszenierung, zum anderen katapultiert sich Asmik Gregorian als Titelheldin zum neuen Sopran-Star. Eine ganz große Premiere.

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Steine erzählen mit: Die Bühne der Salzburger Felsenreitschule, eine der Hauptspielstätten der alljährlichen Festspiele, ist das seelische Gefängnis dieser neuen "Salome". Richard Strauss' bei der Uraufführung 1905 revolutionäre Oper ballt Schrecken und Lust in rauschende, aufreizende Musik. Da muss eine mindestens ebenso mutige Regie zupacken.

An diesem Abend gelingt es. Graue Steine, graue Männer, schwarze Schatten pressen die biblische Königstochter und ihre unstillbare Lust und Sehnsucht in ein quälendes Gefängnis, aus dem ein Ausweg unmöglich erscheint. Der ehemalige Skandalregisseur Romeo Castellucci platziert seine Titelheldin vor einer Mischung aus Klagemauer und Hinrichtungsstätte, mit der das Unschuldsweiß ihres Kleides von Beginn an wirkungsvoll kontrastiert. Starke Bilder über die rasenden 100 Minuten dieser "Salome"-Produktion, die das Publikum zu Jubelstürmen treibt.

Dabei beginnt alles ganz harmlos. Der verliebte Narraboth bewundert die Schönheit der Prinzessin Salome, die sich aber ausschließlich für den in einer schmutzigen Grube gefangen gehaltenen Propheten Jochanaan interessiert. Als Künder der neuen Zeit predigt er aus seinem Verlies unablässig von der Ankunft des Gottessohnes und prangert gleichzeitig die Zügellosigkeit und den Sittenverfall am Hofe des Königs Herodes und seiner Frau Herodias an. Zusammen mit Salomes jugendlicher, unstillbarer Lust und ihrem Selbstbestimmungsdrang eine tödliche Mischung.

Leichen in Plastiksäcken

Immer wieder werden Leichen in Plastiksäcken beiseitegeschafft, eine drohende schwarze Sonne wächst stetig über der Szenerie, das Schicksal braut sich bildmächtig und unaufhaltsam über Herodes und seinem Hofstaat zusammen. Regisseur Castellucci, der in Hamburg bereits mit Bachs "Matthäuspassion" ein biblisches Sujet intellektuell inszenierte, verbindet in seiner "Salome" Zeitkritik und religiösen Stoff mit extrem griffigen Bildern, die auf den ersten Blick verrätseln, sich aber dann schlüssig öffnen und vieles mit optischer Wucht verstärken.

Salomes berühmter "Tanz der sieben Schleier", ihr Zugeständnis an den lüsternen Herodes, wird zu ihrer eigenen Opferung. Gefesselt auf dem umgedrehten Thron des Herodes, presst sie ein von oben herabsinkender Felsblock scheinbar zu Tode. Währenddessen bauen Höflinge die goldenen Bodenschwellen rund um Herodes' Thron ab: Die Macht erodiert. Plakative Bilder in dieser an Symbolen reichen Inszenierung, die sich jedoch stets dicht an der opulenten Strauss-Musik entlangdenkt.

Geballte Orchestermacht

Wie der ungemein souverän und klug lenkende Franz Welser-Möst diese Ballungen an Orchestermacht und Blechgewittern neben zartesten Filigranparts kammermusikalischer Intimität dirigiert, lässt keine Wünsche offen. Natürlich kennt er seine Wiener Philharmoniker, die hier makellos aufspielten, ebenso gut wie die ihren Richard Strauss. Aber an diesem Abend stimmt einfach alles. Auch orchestral ist es eine Sternstunde.

Das ist auch ein großes Verdienst der jungen litauischen Sopranistin Asmik Grigorian, die mit dieser "Salome" ein überragendes Rollendebüt abliefert. Ihre unendlich kraftvolle, das Orchester mitreißende Gänsehautstimme, zeichnete die Zerrissenheit und das seelische Leid der sinnsuchenden Salome berührend sinnlich nach.

Dazu explodiert Grigorian förmlich mit darstellerischen Akzenten, die Regisseur Castellucci punktgenau und effektsicher lenkte. Aber keine Frage: Ein so überschäumendes, temperamentsprühendes Talent wie Grigorian kann man gar nicht millimetermäßig lenken. Da spielen Intuition und Rollenhingabe einen eigenen Part. Man versteht sich offenbar.

Zum Lohn einen Pferdekopf

Stimmlich adäquat kompetent agiert das übrige Ensemble. Allen voran Gábor Bretz als unerbittlicher Prophet Jochanaan, dessen Energie und Getriebenheit der Regisseur mit dem Auftritt eines veritablen schwarzen Pferdes symbolisiert, dass einem im Zuschauerraum kurz der Atem stockte - Pferde lassen sich in dieser Enge nicht so leicht inszenieren. Das wilde Pferd jedoch spielt professionell mit.

Den später als Lohn für ihren Tanz geforderten Kopf erhält Salome dann auch in Gestalt des Pferdehauptes, zusammen mit Jochanaans Torso. Ein wildes Bild, aber in seiner Schlichtheit zielführend: Es stirbt immer der ganze Mensch, in einem Menschen die ganze Menschheit. Eine christliche Botschaft.

Den unglücklichen Narraboth, der sich aus unerwiderter Liebe zu Salome ersticht, singt der wie immer großartige Julian Prégardien mit tenoralem Hochglanz. John Daszak gibt einen mächtigen Herodes mit differenzierter Kraft, Anna-Maria Chiuras Herodias sekundiert mit bester, sicherer Stimme. Das Ensemble kann auch nach Festspiel-Maßstäben als perfekt angesehen werden.

Völlig zurecht erhält Asmik Grigorian den tosenden Premierenjubel, zusammen mit Franz Welser-Mösts hinreißendem Dirigat. Die Litauerin sorgte für die erste Festivalsensation. Hier gilt's mal: Ein Star ist geboren.



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