ESC-Sieger Salvador Sobral Feeling statt Feuerwerk

Portugal gewinnt beim 49. Versuch beim Eurovision Song Contest. Der Sänger, Salvador Sobral, verzauberte Europa und verkündete nach dem Sieg seine Mission: "Musik, die etwas bedeutet".

TATYANA ZENKOVICH/ EPA/ REX/ Shutterstock

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Am Ende, als Salvador Sobral das gläserne Mikrofon, die Siegestrophäe des Eurovision Song Contest, in der Hand hielt, nutzte er die Aufmerksamkeit und hielt eine kleine Rede: Wir lebten in einer Welt der "Fast-Food-Musik" ohne Inhalt. Doch Musik sei "feeling, not fireworks" - es komme auf die Gefühle an, nicht aufs Feuerwerk. Dieser Sieg - sein Sieg - könne der Sieg von Musik mit Bedeutung sein.

Große Worte eines Sängers, der mit einfachsten Mitteln die Herzen Europas eroberte: Ganz allein stand er auf der sogenannten Satellitenbühne, mitten im Publikum der Messehalle in Kiew, in der der Eurovision Song Contest ausgetragen wurde. Im Hintergrund, auf dem LED-Monitor, war das Bild einer Waldlichtung zu sehen. Nichts flackerte, niemand tanzte. Und dann sang Salvador.

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ESC-Sieger Salvador Sobral: Feiern für Portugal

Tastend, als würden ihm die Sätze gerade zufallen, performte er seine Ballade "Amar Pelos Dois". Mit den Händen ahmte er die Begleitung von Piano und Geigen nach, schien mittendrin in seiner Musik zu sein, weit weg von den Erwartungen der Millionen Fernsehzuschauer. Die sich genau davon verzücken ließen.

Ein Sieg im Geschwisterteam

785 Punkte sammelte der Song am Ende, sowohl bei den Fachjurys aus den 42 Teilnehmerländern als auch bei den Fernsehzuschauern lag Sobral vorne mit dem Lied, das seine Schwester Luisa ihm geschrieben hatte. "Wenn dein Herz nicht fühlen will, nicht leiden will, ohne Pläne für die Zukunft zu machen", heißt es darin sinngemäß, "dann kann mein Herz für uns beide lieben".

Die große Schwester, Luisa Sobral, war bisher die Erfolgreichere der beiden im Musikgeschäft gewesen. Salvador Sobral hatte als 20-Jähriger an der portugiesischen Version von "Deutschland sucht den Superstar" teilgenommen, was ihm aber als Negativerfahrung im Gedächtnis blieb. "Das Ziel dieser Programme ist es, Menschen zu unterhalten. Musik ist nicht wichtig." Daher die Fast-Food-Musik als Feindbild?

Als Psychologiestudent trat Salvador auf Mallorca in Bars auf, studierte in Barcelona Jazz. Zudem schränkt ihn eine Herzerkrankung ein, über die er ungern öffentlich spricht. Bei Wettbewerben im Fernsehen wollte er nie wieder auftreten. Bis seine Schwester "Amar Pelos Dois" für ihn schrieb.

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Eurovision Song Contest: Die Bilder aus Kiew

In den ersten Probetagen vertrat sie ihn auch in Kiew - dass die Geschwister den Song im Siegerdurchlauf zum Ende der Show im Duett sangen, war mehr als nur eine kleine Geste: Es war das Zeichen, dass dieser Sieg nur im Geschwisterteam gelingen konnte.

Salvador Sobral, der Bewunderer Chet Bakers, dessen Song in den Traditionen des Great American Songbooks und der populären Musik Brasiliens steht, war mit seinem leisen Auftritt beim Eurovision Song Contest der maximale Gegensatz zum lauten Spektakel der Trickkleider (wo waren die dieses Jahr eigentlich?), der Konfettikanonen, des Feuerwerks der Inszenierung also.

Er war aber auch der maximale Gegensatz zu den schwedischen Songwriterfabriken, die ihre Kompositionen durch halb Europa schicken. Es waren die Persönlichkeit und der persönliche Song, die bei Salvador Sobral überzeugten. Es war die Kunst.

Ist daraus eine allgemeingültige Strategie für ESC-Siege zu basteln? Die Risiken erlebte Deutschland 2015 nach der Wahl von Andreas Kümmert, der als ähnlicher Solitär zum ESC gereist wäre - wenn er sich nicht geweigert hätte. Zum Glück für Europa war Salvador Sobral in Kiew, zum Glück durften wir ihn singen hören. Und vielleicht gewinnt in Lissabon 2018 ein Song mit ganz viel Feuerwerk.

insgesamt 48 Beiträge
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katjastorten 14.05.2017
1. Kein Fan vom ESC
Aber der Gesang des Portugiesen war eines der schönsten Musikerlebnisse der vergangenen Jahre. Manchmal haben diese Wettbewerbe auch etwas gutes, nämlich hier ein Sängerjuwel zu zeigen.
Miere 14.05.2017
2. Leider kein Triple.
Ich hatte ja auf Null Punkte für Deutschland gesetzt. Irgendwas Extravagantes muss man ja haben. Leider nicht geklappt. Glückwunsch nach Portugal, auch wenn mein Favorit der ungarische Song war.
goldi-rt 14.05.2017
3. Glückwunsch...
auch wenn ich es für eins der grottigsten Lieder hielt.
stoffi 14.05.2017
4. Wichtig und ausschlaggebend für
die Zukunft soll die Musik sein und nicht das grosse Spektakel auf der Bühne drum herum
geradsteller 14.05.2017
5. Recht hat Savador
Auch, wenn das die falsche Bühne für die Aussage war. Weil dieses Happening niemand mehr ernst nimmt, schon lange nicht mehr. Wozu? Zu Recht.
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