Salzburger Festspiele 2017 Mozart und der Terror

Regisseur Peter Sellars und Dirigent Teodor Currentzis triumphieren bei den Salzburger Festspielen. Mozarts letzte Oper "La clemenza di Tito" inszenieren sie als Parabel über Gewalt, Liebe und Verzeihen.

Salzburger Festspiele/ Ruth Walz

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Da haben sich zwei gefunden! Orchesterchef Teodor Currentzis und Regie-Veteran Peter Sellars legten zum Start der Salzburger Opernfestspiele einen Mozart auf die Bretter der Felsenreitschule, der das Premierenpublikum zum Jubeln brachte. Currentzis hatte sein Orchester musicAeterna samt Chor von der Oper im russischen Perm mitgebracht, Peter Sellars inszenierte Mozarts Hymne auf die menschliche Größe durch Milde ("Clemenza") und als Parabel über den Triumph von Verzeihen über Hass und Tod. Klingt aktuell, und genau so brachte es Sellars auch auf die Bühne.

Seit 25 Jahren beschäftigte sich Peter Sellars mit Mozarts letzter Oper, bis die Anschläge von 9/11 die Welt veränderten und Terror zum Thema der internationalen Politik machten. Ursprünglich schwebte ihm als römischer Kaiser Titus, der Mozarts Werk den Protagonisten lieferte, Nelson Mandela vor, aber nun fasste Sellars die Figur noch weiter. Der Tenor Russell Thomas von der Deutschen Oper Berlin, der als Titus 2013 sein Rollendebüt an der Metropolitan Opera New York gab, brillierte hier als weiser Kaiser und Mandela-inspirierte Allround-Figur inmitten eines perfekten Teams, das die Oper ohne Nebenrollen zu einer großen Ensembleleistung machte. Aber der Reihe nach.

Nelson Mandela als Vorbild

Kaum, dass Teodor Currentzis und musicAeterna die ersten Akkorde aus dem Orchestergraben explodieren ließen, entfaltete sich die Kraft und Präzision der typischen Mozart-Sicht Currentzis', der schon die Da-Ponte-Opern und besonders "Don Giovanni" erfolgreich aufführte und auf CDs einspielte. Es lief vom Start weg gut für den eigenwilligen Griechen und sein Team aus dem fernen Perm am Ural. Kompakt und dennoch filigran, temperamentvoll und sensibel entfaltet Currentzis einen Mozart, dessen "Tito"-Milde ganz und gar nicht schwächlich klingt. Currentzis schien sich wie zu Hause zu fühlen, er liebe die Felsenreitschule und ihre Atmosphäre, wie er vor der Premiere verkündete.

Die verdrehte "Titus"-Geschichte von Liebe und verirrtem Hass transportiert Regisseur Sellars in die Gegenwart eines Flüchtlingslagers, wo sich der empathische Kaiser Titus besonders um das Geschwisterpaar Servilia (Christina Gansch, Sopran) und Sesto (Marianne Crébassa, Sopran) kümmert. Mozart hat auch Männerrollen für Sopran bzw. Mezzo komponiert, was der Gestaltung der Konflikte Geschmeidigkeit und sensible Kraft bescherte.

Aus dieser dichten Emotionalität der Stimmen und der Musik entwickelt sich das schicksalhafte Eifersuchtsdrama und die tödlichen Intrigen an Titus' Hof. In dieser Version führen sie letztlich zum Tod des Kaisers, aber auch in die glückliche Zukunft aller Übrigen. Zwar setzt der verblendete Sesto Rom mit einem Anschlag in Brand und verletzt Titus schwer, doch dank der Einsicht und charakterlichen Größe des Kaisers finden alle aus dem Teufelskreis von Hass, Missverständnis und Tod heraus. Fast unglaublich, aber ein Symbol für Mozarts ideales Menschenbild.

Stimmgewaltiger Chor

Wie Peter Sellars das auf der spärlich ausgestatteten Bühne bebildert und durch präzise und unaufgeregte Personenregie entfaltet, ist meisterlich. Der stimmgewaltige Chor der Oper Perm singt nicht nur mit engelsgleicher, balsamischer Klangfülle, er agiert unter Sellars' Führung auch als Bewegungschor, der die Handlung illustriert. Kostümiert (liebevoll designt von Robby Duiveman) als christlich-westliche und orientalisch-muslimische große Glaubensgemeinschaft, laufen, beten, leben sie gemeinsam als utopischer Entwurf einer Weltgemeinschaft, die es schafft, Gewalt und Hass zu überwinden: Selten war Mozarts Musik inniger in Bewegung und Klang vereint.

"In großem Respekt vor Mozart" haben Sellars und Currentzis dann doch in die Partitur eingegriffen, als sie die Zufügungen von Mozartschüler Franz Xaver Süßmayr strichen und durch Parts aus Mozarts c-moll-Messe ergänzten. Ein grandioser Einfall, passend zur Terrortrauer und darstellerisch vom Ensemble kongenial umgesetzt in Klang und Bewegung. Der Chor war einmal mehr der Gewinner.

Diese Harmonie des verständnisvollen Miteinanders illustrierte Peter Sellars in einem waghalsigen Bühnen-Ballettauftritt vom Solo-Klarinettisten des Orchesters, in immer wiederkehrenden Verschlingungen von Solisten und Chor, in konsequenter Einbeziehung des ständig wechselnden Bühnenbildes.

Dieses hatte sich George Tsypin im Wesentlichen als variable Acryl-Glas-Stelen ausgedacht, die in wechselnder Fülle und Beleuchtung stets aus dem Bühnenboden wuchsen, die Szenerie neu teilten und die Gesamtstimmung veränderten. Nicht ganz gegen Geschmacksuntiefen gefeit, gingen Tsypin gegen Schluss etwas die Kitsch-Pferde durch, als er die Plexiglas-Kathedrale mit zahllosen Sternen funkeln ließ. Aber da muss man ein wenig Milde walten lassen.

Lautstarker Jubel

Kaum Schwächen wies allerdings die stimmliche Besetzung auf. Marianne Crébassa als Sesto brillierte sowohl mit glänzendem, souveränen Sopran als auch darstellerischer Finesse, ebenso wie Christina Gansch als Servilia. Willard White als unerbittlich konservativer Publio lieferte den perfekten, stimmsicheren und autoritären Gegenpart zum Kaiser Titus, Jeanine de Biques Annio fügte sich quirlig und klar ins hochkarätige Stimmenteam.

Eigentlich ist es unfair, inmitten dieser mitreißenden Teamleistung einen ersten Sieger zu küren. Wenn aber, dann muss man die Krone an Teodor Currentzis und sein fabelhaftes Perm-Team reichen, das nun schon - Kalauer voraus! - permanent ebenso originelle wie ausgefeilte Spitzenleistungen erbringt. Currentzis' Akribie ist bekannt, seine unermüdliche Probenpräzision zahlt sich aber aus, wenn man sich Ergebnisse wie diese "Clemenza di Tito" anhört. Zu Beginn schlich er mit kleiner Taschenlampe ans Pult, kein großer Maestro-Auftritt zum Start. Das Salzburger Premierenpublikum jedenfalls jubelte am Ende so lautstark, dass man Currentzis' Debüt in der Mozartstadt als Triumph eines gar nicht so Milden verbuchen kann.



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