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28. Juli 2018, 12:20 Uhr

Zauberflöten-Premiere in Salzburg

Königin der Zirkusnacht

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Die Salzburger Festspiele eröffnen mit einer Neuinszenierung von Mozarts "Zauberflöte", einem bunten Mix aus Zirkuszauber, "Downton Abbey" und aktuellem Zeitbezug. Überzeugend war das nur teilweise.

Was soll man nur anstellen mit einer der meistinszenierten Opern der Welt? Einem großen Weltenspiel aus federleichten musikalischen Ideen und vertrackter Philosophie, in dem es um Prüfung geht, Erlösung, große Liebe, dunkle Mächte und helle Zukunftswelten?

Die vielgelobte amerikanische Regisseurin Lydia Steier bringt für ihre Version der Zauberflöte anno 2018 den klassischen Zirkus auf die Bühne des Salzburger Festspielhauses, dazu eine Comic-inspirierte Rahmenhandlung mit "Downton Abbey"-Touch und viel Licht- und Maschinenzauber.

Inmitten des bunt-nachdenklichen Remmidemmis agiert Klaus Maria Brandauer als frisch installierter Erzähler und Erklärer. Leider stimmte die musikalische Entsprechung dieser neuen Werksicht nicht annähernd so fröhlich.

Brandauer erklärt und leitet

Wer die klassischen "Little Nemo"-Comics des amerikanischen Zeichners Winsor McCay (1871-1934) kennt, hat eine Vorstellung, wie Lydia Steier die "Zauberflöte" aus der Sicht der drei Knaben erzählt, die sie im Vorkriegseuropa von 1913 platziert.

Inmitten einer Puppenstubenbühne samt Familienidyll inszeniert Steier eine Verschiebung der Erzählebene aus dieser Rahmenwelt in die "Zauberflöten"-Geschichte von der Entführung der Pamina. Die muss vom Geliebten Tamino gerettet werden und aus dem Dunkel des scheinbar Bösen ins Licht einer neuen Zeit und reinen Erkenntnis geführt werden.

Um Ordnung in die ganze Heils-Chose zu bringen, hatte die Regisseurin die gar nicht schlechte Idee, diese hochphilosophische Angelegenheit in eine Art Bildungsmärchen zu kleiden, das Klaus-Maria Brandauer den drei Knaben vorliest - das Drehbuch der "Zauberflöte", denn vieles in dieser Sichtweise aufs Werk ist filmisch gedacht, nicht nur, weil das "fettFilm"-Team die Videoparts der Inszenierung lieferte.

So geht es ganz moviemäßig und durchaus im Schwung der Mozart-Musik von der Idylle der Knabenwelt in die Actionwelt der rauen Prüfungen für Prinz Tamino und seinen Sidekick, den Vogelfänger Papageno, auf den ja am Ende auch seine Geliebte Papagena wartet. Dazu befeuern die "Drei Damen" in Diensten der Königin der Nacht die Geschichte von der Entführung ihrer Tochter Pamina durch den Herrn des diffusen "Bösen", Sarastro, der über sein scheinbar anarchisch-revolutionäres Zirkusreich gebietet. Tamino, übernehmen Sie! Tut er auch, nachdem er sich ("Dies Bildnis ist bezaubernd schön") sofort in die Prinzessin verliebt hat.

Zirkus als kreative Gegenwelt

Die Idee des Zirkus funktionierte stimmig als Spiegel zur Intrigenwelt der Königin der Nacht. Die Zirkusgesellschaft ist eine solidarische, unabhängige, kreative Gemeinschaft, die als Gegenentwurf zur bürgerlichen Gesellschaft wirken muss. Ein Hauch von Freiheit mit eigenen, strengen Regeln, die auch im Sinne von Mozarts Freimaurer-Ambitionen gedacht werden können. Hier allerdings endet der Entwurf in den Schrecken des Ersten Weltkriegs, wie sie das fettFilm-Team in Videosequenzen gegen Ende der Inszenierung andeutet.

All das drängt Lydia Steier unter einen großen Hut, der manchmal zu verrutschen droht, wenn beispielsweise der spielfreudige Papageno-Sänger und -Darsteller Adam Plachetka mit seinem fülligen Bariton den empfindsamen Tenor des auch als Liedsänger hervorgetretenen Mauro Peter fast zurückdrängt. Peter spielt allerdings ebenso einsatzfreudig, was manche stimmliche Über-Dezenz ausgleicht.

Leider erscheint der ebenfalls als Liedsänger hoch geschätzte Matthias Goerne in der Rolle des Sarastro seltsam fehlbesetzt. Es fehlt die machtvolle, selbstbewusste Tiefe, die vonnöten wäre für diese Parade-Bass-Partie. Aber Goerne ist ja auch ein Bariton.

Schneekönigin der Nacht

Hörbar wohl fühlt sich Christiane Karg mit der Partie der Pamina als kecke, dennoch nachdenkliche Zirkusprinzessin, die stimmlich vielfältige Schattierungen zu bieten hat, sichere Höhen und warme Zwischentöne. Eine Säule der Produktion.

Fast alles richtig, aber ohne rechten Glanz, macht Albina Shagimuratova mit markanter Koloratur-Akrobatik. Fehler- aber etwas seelenlos rauschen makellose Spitzentöne der russischen Sopranistin vorüber. Ironischerweise hat sie die Kostümbildnerin Ursula Kudrna als eine Art reinweiße Schneekönigin ausstaffiert, was sich aber perfekt in die Doppelbödigkeit der Steier-Inszenierung fügt.

Ganz großen Schlussbeifall heimsten völlig zurecht die quirligen und spielfreudigen Knaben ein, in dieser "Zauberflöten"-Darstellung zum Zentrumspunkt avanciert und von drei Mitgliedern der Wiener Sängerknaben technisch makellos und ausdrucksvoll gesungen, eine reine Freude.

Der international immens beschäftigte und erfolgreiche Premierendirigent Constantinos Carydis traute manchmal wohl Stimmen und Inszenierung nicht so recht. Er forcierte gern das Tempo, eilte dann auch in der großen Sarastro-Arie ("In diesen heil'gen Hallen") mal Matthias Goerne kurz voraus, setzte dann wieder sensible, fein abgestimmte Zwischenstufen, auf denen ihm seine Wiener Philharmoniker perfekt folgten. Ein schwungvolles, swingendes Dirigat, allerdings ohne die ganz strenge Linie.

So gab es am Ende vom Premierenpublikum eher verhaltenen Jubel, viel Beifall fürs Orchester, den Chor, ein paar gepflegte Buhs für die Regie. Der Zauber wirkte nur stellenweise.

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