Zauberflöten-Premiere in Salzburg Königin der Zirkusnacht

Die Salzburger Festspiele eröffnen mit einer Neuinszenierung von Mozarts "Zauberflöte", einem bunten Mix aus Zirkuszauber, "Downton Abbey" und aktuellem Zeitbezug. Überzeugend war das nur teilweise.

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Was soll man nur anstellen mit einer der meistinszenierten Opern der Welt? Einem großen Weltenspiel aus federleichten musikalischen Ideen und vertrackter Philosophie, in dem es um Prüfung geht, Erlösung, große Liebe, dunkle Mächte und helle Zukunftswelten?

Die vielgelobte amerikanische Regisseurin Lydia Steier bringt für ihre Version der Zauberflöte anno 2018 den klassischen Zirkus auf die Bühne des Salzburger Festspielhauses, dazu eine Comic-inspirierte Rahmenhandlung mit "Downton Abbey"-Touch und viel Licht- und Maschinenzauber.

Inmitten des bunt-nachdenklichen Remmidemmis agiert Klaus Maria Brandauer als frisch installierter Erzähler und Erklärer. Leider stimmte die musikalische Entsprechung dieser neuen Werksicht nicht annähernd so fröhlich.

Brandauer erklärt und leitet

Wer die klassischen "Little Nemo"-Comics des amerikanischen Zeichners Winsor McCay (1871-1934) kennt, hat eine Vorstellung, wie Lydia Steier die "Zauberflöte" aus der Sicht der drei Knaben erzählt, die sie im Vorkriegseuropa von 1913 platziert.

Inmitten einer Puppenstubenbühne samt Familienidyll inszeniert Steier eine Verschiebung der Erzählebene aus dieser Rahmenwelt in die "Zauberflöten"-Geschichte von der Entführung der Pamina. Die muss vom Geliebten Tamino gerettet werden und aus dem Dunkel des scheinbar Bösen ins Licht einer neuen Zeit und reinen Erkenntnis geführt werden.

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Fotostrecke: Beifall fürs Orchester, gepflegte Buhs für die Regie

Um Ordnung in die ganze Heils-Chose zu bringen, hatte die Regisseurin die gar nicht schlechte Idee, diese hochphilosophische Angelegenheit in eine Art Bildungsmärchen zu kleiden, das Klaus-Maria Brandauer den drei Knaben vorliest - das Drehbuch der "Zauberflöte", denn vieles in dieser Sichtweise aufs Werk ist filmisch gedacht, nicht nur, weil das "fettFilm"-Team die Videoparts der Inszenierung lieferte.

So geht es ganz moviemäßig und durchaus im Schwung der Mozart-Musik von der Idylle der Knabenwelt in die Actionwelt der rauen Prüfungen für Prinz Tamino und seinen Sidekick, den Vogelfänger Papageno, auf den ja am Ende auch seine Geliebte Papagena wartet. Dazu befeuern die "Drei Damen" in Diensten der Königin der Nacht die Geschichte von der Entführung ihrer Tochter Pamina durch den Herrn des diffusen "Bösen", Sarastro, der über sein scheinbar anarchisch-revolutionäres Zirkusreich gebietet. Tamino, übernehmen Sie! Tut er auch, nachdem er sich ("Dies Bildnis ist bezaubernd schön") sofort in die Prinzessin verliebt hat.

Zirkus als kreative Gegenwelt

Die Idee des Zirkus funktionierte stimmig als Spiegel zur Intrigenwelt der Königin der Nacht. Die Zirkusgesellschaft ist eine solidarische, unabhängige, kreative Gemeinschaft, die als Gegenentwurf zur bürgerlichen Gesellschaft wirken muss. Ein Hauch von Freiheit mit eigenen, strengen Regeln, die auch im Sinne von Mozarts Freimaurer-Ambitionen gedacht werden können. Hier allerdings endet der Entwurf in den Schrecken des Ersten Weltkriegs, wie sie das fettFilm-Team in Videosequenzen gegen Ende der Inszenierung andeutet.

All das drängt Lydia Steier unter einen großen Hut, der manchmal zu verrutschen droht, wenn beispielsweise der spielfreudige Papageno-Sänger und -Darsteller Adam Plachetka mit seinem fülligen Bariton den empfindsamen Tenor des auch als Liedsänger hervorgetretenen Mauro Peter fast zurückdrängt. Peter spielt allerdings ebenso einsatzfreudig, was manche stimmliche Über-Dezenz ausgleicht.

Leider erscheint der ebenfalls als Liedsänger hoch geschätzte Matthias Goerne in der Rolle des Sarastro seltsam fehlbesetzt. Es fehlt die machtvolle, selbstbewusste Tiefe, die vonnöten wäre für diese Parade-Bass-Partie. Aber Goerne ist ja auch ein Bariton.

Schneekönigin der Nacht

Hörbar wohl fühlt sich Christiane Karg mit der Partie der Pamina als kecke, dennoch nachdenkliche Zirkusprinzessin, die stimmlich vielfältige Schattierungen zu bieten hat, sichere Höhen und warme Zwischentöne. Eine Säule der Produktion.

Fast alles richtig, aber ohne rechten Glanz, macht Albina Shagimuratova mit markanter Koloratur-Akrobatik. Fehler- aber etwas seelenlos rauschen makellose Spitzentöne der russischen Sopranistin vorüber. Ironischerweise hat sie die Kostümbildnerin Ursula Kudrna als eine Art reinweiße Schneekönigin ausstaffiert, was sich aber perfekt in die Doppelbödigkeit der Steier-Inszenierung fügt.

Ganz großen Schlussbeifall heimsten völlig zurecht die quirligen und spielfreudigen Knaben ein, in dieser "Zauberflöten"-Darstellung zum Zentrumspunkt avanciert und von drei Mitgliedern der Wiener Sängerknaben technisch makellos und ausdrucksvoll gesungen, eine reine Freude.

Der international immens beschäftigte und erfolgreiche Premierendirigent Constantinos Carydis traute manchmal wohl Stimmen und Inszenierung nicht so recht. Er forcierte gern das Tempo, eilte dann auch in der großen Sarastro-Arie ("In diesen heil'gen Hallen") mal Matthias Goerne kurz voraus, setzte dann wieder sensible, fein abgestimmte Zwischenstufen, auf denen ihm seine Wiener Philharmoniker perfekt folgten. Ein schwungvolles, swingendes Dirigat, allerdings ohne die ganz strenge Linie.

So gab es am Ende vom Premierenpublikum eher verhaltenen Jubel, viel Beifall fürs Orchester, den Chor, ein paar gepflegte Buhs für die Regie. Der Zauber wirkte nur stellenweise.



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kajoter 28.07.2018
1.
Ja, die Zauberflöte zu inszenieren, möchte man sich nicht antun. Nicht in dem momentan herrschenden Regietheater, das geradezu manisch danach verlangt, die Handlungen in das Hier und Jetzt und wenn nicht dort, dann zumindest an einen Ort und eine Zeit zu versetzen, die vom Librettisten und Komponisten keinesfalls gewollt waren. Und so habe ich z.B. an einer Barock-Oper teilnehmen müssen, die statt in einem Adelspalast in einer Mucki-Bude spielte. Oder eine hochromantische Oper, in der die Chordamen oben ohne auftraten, bzw. auftreten mussten. Man kann über diese Manie streiten, über einen Umstand aber nicht: dass wir in derartigen Inszenierungen immer Zeugen einer brutalen Kollision werden. Musiker streben nach größtmöglicher Werktreue, was so weit geht, dass bereits Dogmen wie das der Originalinstrumente in der Alten Musik entstanden. Und Musiker sind es gewohnt, ihre Herangehensweise der Epoche des Stückes anzupassen. Das heißt sie wissen, wie man z.B. eine Verzierung in der Klassik oder in der Romantik spielt usw. Und nun kollidiert diese Epochen- und Werktreue auf zum Teil völlig durchgeknallte Inszenierungen, die die Musik permanent gegen die Wand laufen lassen. Und auf Regisseure, die häufig reine Schauspielregisseure sind und vom Tuten und Blasen tatsächlich keine Ahnung haben. Und auf deren zumeist anzutreffende arrogante Durchsetzungskraft - Dieter Wedel war in dieser Beziehung nicht die ganz große Ausnahme. Es bringt keinen Spaß, an solchen Produktionen beteiligt zu sein und viele Sänger und Musiker sind aus diesem Zirkus bereits ausgestiegen, wenn sie es sich denn leisten konnten. Und wer bestimmt, dass man die moderne Oper so und nicht anders machen sollte? Das sind vor allem die Menschen, die an der eigentlichen Peripherie des Geschehens wirken wie Kritiker, generell Musikjournalisten, Kulturwissenschaftler etc., die ein öffentliches Meinungsbild beeinflussen können. Wenn Elisabeth Schwarzkopf schimpfte, dass Regisseure alles Verbrecher seien, oder sich Edita Gruberova irgendwann entschloss, keine Oper mehr zu machen und nur noch konzertant aufzutreten, dann sind das leider Einzelstimmen, die im Chor aller nur über Kultur Schreibenden oder Redenden untergehen. Ich habe so gut wie keinen Musiker und Sänger getroffen - die Damen mit eingeschlossen, die dieses Regietheater nicht zum Kotzen fand. Zum Schluss möchte ich an den großen Giorgio Strehler erinnern, der ein wirklich fantastischer Regisseur war. Er inszenierte z.B. den berühmten "Barbier" von Rossini und wagte es, diesen in seinem typischen Umfeld incl. Bühnenbild und Kostüm zu belassen. Aber die Personenführung war derartig frisch und einfallsreich, dass niemand auf die Idee gekommen wäre, ihm Rückständigkeit vorzuwerfen. Gut, die allermeisten Regisseure besitzen nicht sein Format, aber dann sollen sie es doch wenigstens damit kaschieren, dass sie das optische Element völlig abstrahieren und sich auf das Agieren auf der Bühne konzentrieren. Stattdessen wird die Zauberflöte in den Zirkus verlegt, was bei Tamino und Pamina noch passend sein könnte, spätestens mit Sarastro und Königin der Nacht muss es kollidieren.
wolfgang4430 28.07.2018
2. Was soll dieser Bloedsinn?
Auffuehrungen der Zauberfloete unter Sawallisch, Boehm und auch Levine gelten bis heute immer noch als die Besten. Warum eine Oper die klar an Freimaurische Riten beinhaltet dem eigentlichen Sinn entfremden? Was hat der Zirkus mit dem Inhalt der Zauberfloete zu tun? Nichts! Lesen sie doch mal das Libretto! Sicher die Scherze die man Pappageno frei aendern oder auch verfremden kann bleiben in den herkoemmlichen Inzenierungen dem Gesamtbild treu. Es ist eine Schande diese wunderschoene Oper zu verunstalten.
des_pudels_kern 29.07.2018
3.
Zitat von wolfgang4430Auffuehrungen der Zauberfloete unter Sawallisch, Boehm und auch Levine gelten bis heute immer noch als die Besten. Warum eine Oper die klar an Freimaurische Riten beinhaltet dem eigentlichen Sinn entfremden? Was hat der Zirkus mit dem Inhalt der Zauberfloete zu tun? Nichts! Lesen sie doch mal das Libretto! Sicher die Scherze die man Pappageno frei aendern oder auch verfremden kann bleiben in den herkoemmlichen Inzenierungen dem Gesamtbild treu. Es ist eine Schande diese wunderschoene Oper zu verunstalten.
Gerade bei der Zauberflöte müssen wir es entfremden, weil der "eigentliche Sinne" samt Sexismus, Rassismus und übelster Doppelmoral sonst unerträglich wäre. Und generell: Es gibt eigentlich keinen "eigentlichen Sinn", weil das Kunstwerk, das wir sehen, nicht das Libretto und die Partitur sind, sondern die konkrete Aufführung. Und die hat einen Sinn (hoffentlich), der aber natürlich von Aufführung zu Aufführung, von Inszenierung zu Inszenierung verschieden ist.
helisara 29.07.2018
4.
Zitat von des_pudels_kernGerade bei der Zauberflöte müssen wir es entfremden, weil der "eigentliche Sinne" samt Sexismus, Rassismus und übelster Doppelmoral sonst unerträglich wäre. Und generell: Es gibt eigentlich keinen "eigentlichen Sinn", weil das Kunstwerk, das wir sehen, nicht das Libretto und die Partitur sind, sondern die konkrete Aufführung. Und die hat einen Sinn (hoffentlich), der aber natürlich von Aufführung zu Aufführung, von Inszenierung zu Inszenierung verschieden ist.
Das Kunstwerk ist in erster Linie die Musik. Wenn die Inszenierung breiteren Raum gewinnt als die musikalische Aufführung, dann stimmt etwas nicht mehr. Die Handlung der "Zauberflöte" ist an und für sich schon verfremdet. Man kann darin natürlich auch eine Doppelmoral, Sexismus und Rassimus (gut, die Sache mit Sarastro ist schon etwas grenzwertig, aber Mozart konnte nun einmal nichts von PC wissen) hineinlesen, aber wenn Regisseure so arrogant sind, zu glauben, ein und für sich nahezu vollkommenes Kunstwerk ver(schlimm)bessern zu wollen, ist das nur noch lächerlich. Das Problem des sogenannten Regietheaters ist der Zeitgeist. Besonders unangenehm wird es, wenn Regisseure (die nicht einmal mehr Noten, geschweige denn Partituren) lesen können, versuchen, nur noch auf Skandal zu inszenieren. Es geht ihnen nicht mehr darum, das Werk wirklich zu interpretieren (gegen etwas modernisieren ist ja nichts einzuwenden, wenn es zum Werk paßt, zum "Rosenkavalier" paßt es natürlich nicht), sondern möglichst viele Buhrufe zu kassieren (während die Inszenierung dann im Feuilleton als "bahnbrechend", "mutig" oder "radikal" bezeichnet wird. Ein Paradebeispiel dafür ist Bieito. Ich glaube, das Problem jedes "Tamino" ist noch immer der Schatten Fritz Wunderlichs. Dagegen kommt man nicht an und der derzeit vielleicht beste lebende "Tamino" singt in dieser Saison den Lohengrin in Bayreuth.
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