Abgehört - neue Musik In den Spelunken von Hamburg und Berlin

Schön singen übers Schwulsein: Mit seinem Debüt "Homotopia" ist Sam Vance-Law der Pop-Darling der Stunde. Außerdem: Kleine Dramen von Antje Schomaker, Orgel-Orgasmen von Anna von Hausswolff und Neues von Nicolas Jaar.

Von und


Sam Vance-Law - "Homotopia"
(Caroline/Universal, ab 2. März)

Am liebsten, sagte Sam Vance-Law neulich in einem Interview, wäre es ihm, wenn man Menschen gar nicht mehr in Kategorien wie schwul oder hetero stecken würde. Das wäre dann vielleicht eine "Homotopia", wie sie sich der 30-Jährige Kanadier auf seinem erstaunlichen Debüt-Album ausmalt. Diese Homo-Utopie ist jedoch gerade in Zeiten der kulturellen Regression und Diversitäts-Skepsis, ob nun aus Überforderung oder Ignoranz, weit entfernt. Deswegen nimmt die Beschäftigung mit seinem Schwulsein viel Platz in den Liedern von Vance-Law ein. Oder, besser gesagt, sie sprudeln geradezu über mit jubilierenden Flöten, Chören und Violinen, zu denen er seine Sexualität feiert und romantisch bespiegelt.

Andreas Borcholtes Playlist KW 9
SPIEGEL ONLINE

1. Isolation Berlin: Wenn ich eins hasse, dann ist das mein Leben

2. Antje Schomaker: Von Helden und Halunken

3. Sam Vance-Law: Prettyboy

4. Drangsal: Turmbau zu Babel

5. Brett: Das mit dem Hund tut mir leid

6. Incubus: Southern Girl

7. Sigrid: Strangers

8. Janelle Monáe: Make Me Feel

9. Donna Summer: State Of Independence

10. Anna von Hausswolff: The Mysterious Vanishing of Electra

Diese sinnliche Euphorie machte den Wahlberliner in den vergangenen Wochen und Monaten zu einem Darling der Berliner Pop- und Kritiker-Szene. Konstantin Gropper von Get Well Soon produzierte das Album mit seinem Gespür für orchestrale Kammermusik, durch die laue Lüftchen und zwitschernde Vöglein schwirren, Max "Drangsal" Gruber wollte unbedingt im Videoclip seines neuen Kumpels Sam mitspielen. Er gibt einen Altenpfleger in einem Sanatorium voll kregeler Rentner-Dandys - und mittendrin der schöne Bubi Vance-Law, der salbungsvoll beschwört: "I'm a boy".

"Prettyboy" heißt der zugehörige Song, ein glitzernder Gitarrenpop-Hit im Stil britischer Vorbilder aus den Achtzigern. Vorbilder wie XTC und The Smiths passen hier ebenso wie Stephen Merritts Magnetic Fields, denen Vance-Law nach eigener Aussage viel zu verdanken hat. Manchmal scheint auch der ironische Klassizismus von Neil Hannons Divine Comedy durch, wenn er in "Narcissus 2.0" den selbstverliebten Schelm gibt: "Yes, I would sleep with myself/ If I were a little less shy", singt er da im beschwingten Bariton, um die Aufzählung von Gründen, die dagegen sprechen, kokett abbindet: "Yes, I would sleep with myself/ If I were you". Wer so viel entwaffnendem Charme nicht verfällt, hat kein Herz.

Seit sieben Jahren lebt Sam Vance-Law in Berlin. Die deutsche Hauptstadt sei der erste Ort gewesen, an dem er sich mit seinem Freund sicher fühlte, sagte er dem Stadtmagazin "Zitty". Von den unschönen Erinnerungen und Unsicherheiten in seinem Leben erzählen nachdenklichere Songs wie "Wanted To". "Stat. Rap" und das sehnsüchtige "Nature Boy"-Pendant "Isle of Man" - berückende, kristalline Momente purer Pop-Schönheit. Bevor es aber zu besinnlich wird, zeigt Vance-Law wieder einen kernig-klugen Humor: "I love god, but he doesn't love me/ cause I'm an unwilling conscript in hell's army", singt er in "Faggot". Für manche, die Unverbesserlichen, wird dieser unverschämt talentierte neue Singer/Songwriter immer unfreiwillig in der Höllenarmee marschieren; alle anderen können sich über sein höllisch gutes Album freuen. (8.6) Andreas Borcholte

Antje Schomaker - "Von Helden und Halunken"
(Columbia/Sony, seit 23. Februar)

"Das Leben ist kein Tomte-Song, verdammt. Vergiss die Poesie", singt Antje Schomaker in ihrem Lied "Für einen Funken Euphorie" - und sagt ihrem vor Liebeskummer ganz genickten Kumpel ganz abgeklärt: "Lass los". Die Musik dazu widerspricht dieser schönen Nüchternheit. Sie klingt tatsächlich nach Tomte, Bosse, Clueso und Johannes Oerding, dieser griffige, gängige, immer etwas zu brave deutsche Gitarrenpop, der nie wirklich in die Tiefe geht. Die musikalische Beliebigkeit dieses Debüt-Albums ist ein bisschen schade, umso umwerfender, dass jeder Gedanke daran verpufft, wenn Schomaker mit ihrer leicht verkatert wirkenden Gerade-erst-aufgestanden-Stimme zu singen beginnt. Vielleicht ist es sogar gut, dass die Musik hier (noch) keine große Rolle spielt, so kann man sich ganz auf die 25-jährige Sängerin und ihre gut geschriebenen Songs konzentrieren.

Antje Schomaker, vor einigen Jahren vom Rhein nach Hamburg umgesiedelt, machte bereits Ende 2016 mit ihrer nun auch hier enthaltenen Debüt-Single "Bis mich jemand findet", auf sich aufmerksam. "Meine Einsamkeit singt leise in mir/ Bis mich jemand findet, tanze ich hier", hieß es darin, ein Refrain, der nicht nur erklärt, warum Schomaker so aufreizend heiser und lakonisch klingt (weil ihre Einsamkeit schon so lange in ihr singt), sondern auch diesen Moment erfüllte, den sie im Titelsong besingt: "Er kommt so abrupt, dieser eine Song, der alles kurz aussetzen lässt". Die Single, einer der wenigen schnellen Songs zwischen vielen Balladen, bleibt Dreh- und Angelpunkt des Albums.

Denn von Helden und Halunken wurde Schomaker oft genug gefunden, geliebt und gelinkt, so scheint es. Ihre Lieder erzählen vom ewigen, aber immer wieder essentiellen Konflikt, ob man sich einlassen und festlegen soll - oder doch alleine weitertanzen soll, durch Spelunken, über Gläser und Tische. Denn "alle Zeiten, auch die Guten, gehen halt mal zu Ende", weiß sie, und dass sich der "Ganove" am Ende ja doch "einen Scheiß" für sie interessiert: "Ich nehm uns das nicht übel, es ist nur schade drum". In ihr Löwenherz kommt man nicht so ohne weiteres herein, denn "du bist nicht Batman, und ich nicht Gotham City", singt Schomaker, aber ohne Pathos, "ich glaub, ich komm gut ohne Dich klar". Sie ist die Heldin in ihrer eigenen Geschichte, aber sie macht kein großes Drama daraus. Zuhören möchte man trotzdem, bis die Zigaretten alle sind und der Morgen graut. Und dann? Mal sehen. (7.0) Andreas Borcholte

A.A.L. (Against All Logic) - "2012 - 2017"
(Other People, seit 17 Februar - nur digital)

Kann man mal machen, wenn man eh schon unter Genieverdacht steht: Nach zwei nahezu flächendeckend bejubelten Platten (zuletzt "Sirens", 2015) ohne Ankündigung, quasi im Vorbeigehen, ein Album in die Welt werfen, das sich dann gleich beim ersten Hören als früher Anwärter auf die Position "Elektronik-Album des Jahres" entpuppt. Nicolas Jaar trägt seit dem 2011 erschienenen "Space is Only Noise", einem Hybrid aus Neoklassik, Ambient, Jean-Luc -Godard-Zitaten und verlangsamtem House, den Wunderkind-Status mit sich herum. Unter dem Pseudonym A.A.L. (Against All Logic) produziert er ungleich tanzbarere Musik als unter seinem bürgerlichen Namen, ohne dass die Tracks deswegen weniger vielschichtig wären. Auch wenn die Ambient-Flächen hier vergleichsweise dezent gesetzt sind und der Bass immer wieder nachdrücklich über und unter sie hinweg wumpert, kommen auch diese Tracks mit dem für Jaar typischen Gestus der Weichheit daher.

Auf "2012-2017" sind House-, Funk- und Rave-Strukturen mit einer Unzahl Samples vermengt. Das Ergebnis ist aber das genaue Gegenteil des ansonsten in ähnlichen Fällen virulenten Eklektizismus. Gegen jede Logik ist das, was man hier hört, gerade nicht, sondern betont Jaars Präzision und sein immer hörbares musikhistorisches Wissen. Das erste Stück mit dem schönen Titel "This Old House Is All I Have" beginnt mit einem verzerrten Dröhnen und Pochen und einem verhallten Chor - gesampelte Stimmen, die wirken wie aus der Geisterwelt der Popmusik vergangener Jahre. Sie tauchen auf "2012-2017" in verschiedenen Variationen immer wieder auf.

Denn Jaar greift hier tief ins Repertoire elektronischer Musik sowie aufs Soul-, Funk- und Disco-Archiv zurück. Anders als etwa bei Burial sind die Samples hier jedoch keine Marker für ein uneingelöstes popkulturelles Versprechen, sondern ein Wiederaufrufen dessen, was war und wieder sein kann, wenn man es nur nutzt. Überhaupt ist ein Geschichtsbewusstsein ohne Nostalgie, ein Wissen um die konstante Ungebrochenheit vergangener Schönheit, ein möglicher Schlüssel zum Verständnis dieser Musik, zu der man tanzen kann, wenn man ihr nicht konzentriert und gebannt zuhört. (9.0) Benjamin Moldenhauer.

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Anna von Hausswolff - "Dead Magic"
(City Slang, ab 2. März)

Immer toll, wenn die Kirche durch Raum und Zeit zu schwingen beginnt. Das vierte Album der schwedischen Musikerin Anna von Hausswolff beginnt mit einer rund zwölfminütigen, sich langsam aufbauenden Exposition, in deren Mittelteil diese aus Urzeiten und antiken Orgelpfeifen heran dräuende Sakral- und Folkloremusik plötzlich fast in einen suggestiven Disco-Groove verfällt, der Donna Summers "State Of Independence" oder "I Feel Love" evoziert. Echt jetzt.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Liebe fühlt von Hausswolff aber eher weniger, dafür aber den Sog eines Abgrunds, an dessen Boden Tod und Vergessen warten. Mit ihrer Musik, am Ende von "The Truth, The Glow, The Fall" und zu Beginn von "Ugly And Vengeful" schwirrt, heult und flirrt sie wie in den unbehaustesten Soundtrack-Momenten von Warren Ellis und Nick Cave, stemmt sie sich gegen das Zerren der Geschichte, gegen die Vergesslichkeit des Zeitgeists.

Deshalb ist es auch völlig unmöglich, "Dead Magic" einem Genre zuzuordnen, die sich aufschichtende, rituell-repetitiven Klangschichten und -Kaskaden sind so autark wie Vergleichbares von Swans oder Scott Walker, an dessen "Seventh Seal" von 1969 das dramatisch aufwallende "The Mysterious Vanishing of Electra" erinnert. Gothic-Folk nennt man das ja in Ermangelung besserer Ideen, weil's schön doomt und gloomt. Aber in ihrer Beschwörung schwach glimmender Legenden und Magien hat Anna von Hausswolff längst ihren eigenen Zauber erschaffen, der hier weniger schroff und herausfordernd wirkt als auf ihrem letzten Album "The Miraculous".

Statt Horror und Noise darf hier auch mal die pure Schönheit walten: In "Marble Eye", dem kürzesten von fünf Songs (auf 47 Minuten) spielt von Hausswolff einfach mal nach Herzenslust die Orgel in der Marmorkirche von Kopenhagen aus. Ein Göttinnendienst. (7.5) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 4 Beiträge
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ambulans 27.02.2018
1. my gosh,
wer was authentischeres (zum thema: "spelunken" - wo auch immer) im - natürlich - künstlerischen gewand erfahren möchte, sollte sich stattdessen "rogues gallery" (vol. I.) zu gemüte führen; wen das kalt lassen sollte, der hat beileibe wirklich nix besseres verdient ...
freddykruger 28.02.2018
2. @ambulans
Hallo Doc. Mein zweiter Versuch. War gestern wohl zu weit vom eigentlichen Thema entfernt. Also der Form halber, die hier vorgestellten Alben gefallen mir alle nicht. Hab heute in Rogue's Gallery 1 reingehört. Sehr schön. Hab zwar nur Richard Thompson, Loudon Wainwright, Nick Cave und Van Dyke Parks gehört, aber ich denke das Album ist gekauft. Mal wieder ein guter Tip von dir.
sekundo 01.03.2018
3. Gut, für
Zitat von freddykrugerHallo Doc. Mein zweiter Versuch. War gestern wohl zu weit vom eigentlichen Thema entfernt. Also der Form halber, die hier vorgestellten Alben gefallen mir alle nicht. Hab heute in Rogue's Gallery 1 reingehört. Sehr schön. Hab zwar nur Richard Thompson, Loudon Wainwright, Nick Cave und Van Dyke Parks gehört, aber ich denke das Album ist gekauft. Mal wieder ein guter Tip von dir.
Leute, die auf Shantys abfahren und die Texte verstehen, ist das ganz sicher etwas.
ambulans 02.03.2018
4. hallo freddy,
Zitat von freddykrugerHallo Doc. Mein zweiter Versuch. War gestern wohl zu weit vom eigentlichen Thema entfernt. Also der Form halber, die hier vorgestellten Alben gefallen mir alle nicht. Hab heute in Rogue's Gallery 1 reingehört. Sehr schön. Hab zwar nur Richard Thompson, Loudon Wainwright, Nick Cave und Van Dyke Parks gehört, aber ich denke das Album ist gekauft. Mal wieder ein guter Tip von dir.
mein rezept für diesen freitag: three pruned men (bully in the alley), sting (blood red roses), brian ferry + antony (lowlands low), gavin friday (baltimore whores), joan as police woman, stan ridgway, etc. vol. I ist eine wahre schatztruhe. have fun, dr. ambulans
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