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Rapper Samy Deluxe: "Das N-Wort ist nicht cool"

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Samy Deluxe: Im Supermarkt mehr Rassismus als in der Musikindustrie

Wie rassistisch ist der deutsche Kulturbetrieb? Das fragt der KulturSPIEGEL in seiner neuesten Ausgabe. Auskunft gibt auch Samy Deluxe, Hamburger Rapper und Vater eines Sohnes. Er betont, dass Minderheiten nach Vorbildern suchen.

Zur Person
Samy Deluxe, 36, bürgerlich Samy Sorge, ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Sein Vater stammt aus dem Sudan. Deluxe macht Rap mit deutschen Texten. Sein neues Album "Männlich" ist gerade bei Vertigo Records erschienen und steht seit dieser Woche auf Platz 3 der deutschen Albumcharts.
Das erste Mal, dass ich einen emotionalen Bezug zu einer Kunstform fühlte, war bei den "Angry Black Men" im HipHop sowie bei der Band Public Enemy. Das waren Typen, die sagten, was ihnen auf den Sack geht in der Gesellschaft. Ich befand mich in Deutschland zwar in einer ganz anderen Situation, trotzdem waren die Emotionen sehr ähnlich, und deshalb habe ich mich mit dieser Kultur identifiziert und bin auch Rapper geworden. Ich glaube, deshalb fühlen sich in Deutschland viele Schwarze, aber auch Türken, Kurden oder Marokkaner zum Rap hingezogen. Minderheiten suchen nach Vorbildern, mit denen sie sich identifizieren können.

Es gibt auch farbige Rocker hierzulande, so wie Joachim Deutschland. Der war vor einigen Jahren meine Hoffnung auf einen coolen schwarzen Rocksänger. Aber leider wurde der von der Rockszene nicht richtig angenommen. Vielleicht gibt es irgendwo in Deutschland noch einen schwarzen Rocker, der auf seine Chance wartet, aber ich glaube nicht, dass es einen institutionellen Rassismus gibt, der vorschreibt, dass ein schwarzer Rocker in Deutschland nicht geht. Ich glaube auch nicht, dass Musik nur wegen der Hautfarbe verkauft wird. Ich bin nicht auf Rap festgelegt. Als "Herr Sorge" mache ich auch ganz normalen Rock und Pop.

Beim Einkaufen im Supermarkt habe ich mehr Rassismus erlebt als in der Musikindustrie. Trotzdem habe ich das N-Wort in der deutschen und englischen Sprache zu oft gehört. Sogar von Fans bei Konzerten; manchmal, wenn die besoffen sind, auf der After-Show-Party. Diese Typen sind keine Rassisten, aber sie finden es cool, zu mir zu kommen und zu sagen: "Hey, was geht ab, Nigger?" Und das ist nun mal gar nicht cool. Ich sag denen dann meine Meinung, und ein oder zwei Backpfeifen habe ich im Leben auch schon verteilt, an besoffene Spinner, die einen so vollquatschen.

Der ebenfalls dunkelhäutige deutsche Rapper B-Tight nannte mal ein Album "Neger, Neger". Das fand ich unglücklich. Ich habe ihm dann aber anhand eines Beispiels meine Position dazu erklärt: Mein Sohn wusste lange, bis er sechs oder sieben war, überhaupt nicht, was ein Neger ist. Als ich in dem Alter war, hatte man mich bestimmt schon tausendmal "Neger" genannt. Ich fand es toll, dass mein Sohn zwei Jahre in der Schule war, ohne das Wort "Neger" auch nur einmal zu hören. Natürlich weiß ich, dass man solche Wörter nicht verdrängen kann, und in den USA hat das Wort wieder einen ganz anderen Stellenwert, weil viele Schwarze es benutzen, auch viele, die in der Öffentlichkeit stehen. Ich finde es nicht notwendig, das N-Wort hierzulande zu benutzen. Das sage ich nicht als Samy Deluxe, sondern als Vater.

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1. Authenticjazzman
Sam_Dicamillo 31.03.2014
James Moody, der legendäre (schwarzer ) Jazz Musiker, der mit Charlie Parker, Dizzy Gillespie, und allen anderen Jazz Grössen spielte, sagte "Rap is crap", : "Rap ist Schxxxx", und er ist nicht der einzige, aus der schwarzen Jazz Scene der diese Meinung vertritt.
2. Das Wort Rassismus
wauz, 31.03.2014
ist leider nicht wirklich geeignet für einen gründlichen Diskurs. man müsste da unterscheiden in einen Uninformiertheits-Rassismus, einen Vorurteils-Rassismus und einen chauvinistischen Rassismus. Oder so. Es schon ein Unterschied, ob einer bloß blöd oder tatsächlich ein Hasser ist. gegen Uniniformiertheit und Vorurteile kann man angehen, bei Chauvinisten hilft bloß die Keule.
3. Vermeiden? Ja, aber ohne Hysterie.
trafozsatsfm 31.03.2014
Zitat von sysopDPAWie rassistisch ist der deutsche Kulturbetrieb? Das fragt der KulturSPIEGEL in seiner neuesten Ausgabe. Auskunft gibt auch Samy Deluxe, Hamburger Rapper und Vater eines Sohnes. Er betont, dass Minderheiten nach Vorbildern suchen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/samy-deluxe-rapper-ueber-rassismus-im-deutschen-kulturbetrieb-a-961744.html
Das ist korrekt. Wenn ich weiß, dass sich Personen durch die Bezeichnung "Neger" beleidigt fühlen, sollte ich sie auch nicht verwenden. Schließlich gibt es Alternativen. Allerdings zwei Anmerkungen: 1. Auch wenn ich das Wort "Neger" vermeide, so möchte ich mich doch nicht in die "Euphemismus-Tretmühle" (Steven Pinker) zwingen lassen. Ich sage "Schwarze". Den "Farbigen" (der in den 1980ern beliebt war) fand ich schon immer albern und der Gipfel der Absurdität ist beim "Afro-X" erreicht. Woher soll ich wissen, ob jemand ein "Afro-Deutscher", "Afro-Amerikaner" oder "Afro-was-weiß-ich-was" ist? Und was ist, wenn ich über die Diskriminierung schwarzer Südafrikaner durch weiße Südafrikaner sprechen will? Diskriminieren dann die "Euro-Afrikaner" die "Afro-Afrikaner"? 2. Fragwürdig finde ich die Manipulation historischer literarischer oder wissenschaftlicher Texte. Wenn, wie ich neulich gelesen habe, in amerikanischen Schulausgaben von Mark-Twain-Büchern das Wort "nigger" durch "slave" ersetzt wird, so ist das eine lächerliche Verfälschung des Originaltextes - schließlich wollte Twain durch seine Wortwahl ja gerade die Haltung der weißen Hauptpersonen gegenüber den Schwarzen ausdrücken. Fazit: Man sollte das "N-Wort" heutzutage vermeiden, aber auch nicht wegen des Sprachgebrauches in Hysterie verfallen.
4. Bedeutungen von Worten werden von den Nutzern gemacht
Schraube 31.03.2014
Neger und Niger wurden von Rassisten zu Schimpfworten gemacht. Manche Worte wie Bitch wurden durch die coole Szene auch umgedreht. In Amerika ist es wohl so, dass je nachdem, wer Niger sagt, das Wort einmal als cool oder in einem anderen Fall tatsächlich als Beschimpfung gemeint und genommen wird. Indem man sich auf eine Immer-Schimpfwort-Position festlegt, macht man es den Beschimpfern natürlich extra leicht. Ich denke, dass man harte Positionen nicht dadurch weicher bekommt, dass man selber verhärtet. Sprache ist beweglich und sollte es auch für das Individuum sein. Die bewegliche Sprache kann auch dazu genutzt werden, jemanden, der ein Schimpfwort benutzen möchte, als uncool zu entlarven. Ich bin allerdings auch (nahezu) 100 %ig dafür, dass diese Umdeutung von denen geleistet werden muss, die die Beschimpfung treffen soll. Die dunkelhäutigen Amerikaner versuchen das dadurch, dass sie das Wort Niger inflationär benutzen. Trotzdem ist das Wort, soweit ich das mitkriege, heikel und die Coolness sehr davon abhängig, wer es zu wem sagt. In Deutschland nahm ich Begriffe wie Mohrenköpfe, Negerküsse oder andere erst als politisch inkorrekt war, als sie von den Verpackungen verschwanden. Wenn das N-Wort niemals mehr unbelastet genutzt werden kann, ist das auch schade für all die Menschen im Niger, in Nigeria und am Niger. Sollten wir in Deutschland diese Länder und den Fluss vielleicht umbenennen? Ich meine nein. Vielleicht kommen ja wieder coolere Zeiten für das N-Wort.
5. Das Wort Neger kommt von
Das Geschütz 31.03.2014
und gehörte m.E. bis in die 60er Jahre hinein zum allgemeinen Wortschatz. Das Wort Neger wurde also z.T. in unschuldiger Absicht verwendet: beispielhaft die Rede von Lübke (ehemaliger Bundespräsident) von 1962 ("Liebe Neger"). Also es macht schon einen Unterschied, ob eine Oma "Neger" sagt oder ein junger Mensch, der über die Konventionen Bescheid wissen müsste.
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© KulturSPIEGEL 4/2014
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Titelbild
Heft 4/2014 Wie rassistisch ist der deutsche Kulturbetrieb?


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