Sandra-Comeback: Häschen mit den Grübchen

Von Thomas Winkler

Es war einmal vor langer Zeit, da tanzten die Menschen in Großraumdiskos zu "Maria Magdalena". Die Sängerin hieß Sandra, und wenn überhaupt, erinnert man sich an ihre Grübchen. Jetzt, 22 Jahre später, wagt der Achtziger-Jahre-Star ein Comeback.

Die blaue Stunde geht so unbemerkt, wie sie gekommen ist, draußen glitzert die Mitte Berlins durch einen trüben Winterabend und drinnen holt sich Sandra Cretu einen Energy-Drink aus der Hotelbar, um in Form zu bleiben. Ein Tag voller Interviews fordert seinen Tribut. Auch eine Ikone strengt es an, sich wieder ins Gespräch zu bringen.

Die achtziger Jahre sind lange vorbei, aber Sandra ist zurück. 22 Jahre nach "Maria Magdelena", 12 Jahre nach ihrem Rückzug aus dem Musikgeschäft, soll mit "The Art of Love" das Comeback gelingen. Und nicht nur das: Für Sandra Cretu ist dieses Album "etwas ganz Neues", sogar "ein Befreiungsschlag" und nicht zuletzt der Versuch "mein eigenes Ding durchzuziehen".

Dazu muss man wissen, dass Sandra deshalb Cretu heißt, weil sie 1988 Michael Cretu heiratete. Der kann sich dank seines Projekts Enigma die Wände mit Platin tapezieren, steht aber auch hinter Pophits von Moti Special, Hubert Kah, Andru Donalds, Peter Schilling oder Inker & Hamilton. Kaum jemand beschallte die Großraumdiscotheken der achtziger Jahre so effektiv wie Cretu. Einen sorglosen Lebensabend sicherte er sich endgültig, als er seiner damaligen Lebensgefährtin Sandra Ann Lauer "Maria Magdalena" auf den schmächtigen Leib schrieb. Der Song wurde Nummer Eins in 21 Ländern, die kleine Frau mit den tiefen Grübchen und der leicht piepsigen Singstimme war fortan ein Star. Drei Jahre später wurde geheiratet.

Das Paar zog nach Ibiza, also ziemlich exakt dorthin, wo die Hits im Italo-Disco-Format, die Cretu fortan für seine Gattin produzierte, in Freiluftdiscos dankbare Abnehmer fanden. Doch die Rollen waren klar verteilt. "Michael hat mir zwar aus der Seele gesprochen", erzählt Sandra über diese Zeit, "aber er hatte die Songs immer schon fertig und hat sie dann so aufgenommen, wie er wollte." Nun will sie einen eigenen Weg gehen, sagt sie, aber zugleich auch nicht dieses Image verleugnen.

Abgrenzen vom Ehemann

Denn damals war Sandra eine Institution, ihre Songs gehörten unweigerlich in die Plattenkiste der international agierenden Party-DJs. Es ist lange her: "Aber wie schnell die Zeit rennt, das merke ich nicht an der Musik, sondern an den Kindern." Die kamen 1995, das Paar bekam Zwillinge. Sandra stellte ihre Solo-Ambitionen zurück, während der Ehemann mit Enigma die Ambient-Musik popularisierte. Sie brachte die Kinder in die internationale Schule, er das Geld nach Hause. Ab und zu sang sie noch auf Enigma-Platten oder nahm ein Duett mit DJ Bobo auf.

Kein Wunder, dass "schon länger" der Wunsch nach Emanzipation in ihr reifte. Waren die Kinder in der Schule, trieb es Mama ins Studio. Mit festen Plänen: "Es sollte nicht klingen wie Enigma und unbedingt auch nicht nach der Eighties-Ikone Sandra", erzählt sie und steckt sich eine der von Zuhause mitgebrachten Zigaretten, Marke Fortuna, an. Das Vorhaben war erfolgreich: Stattdessen klingt "The Art of Love" wie eine der vielen, weitgehend austauschbaren Mainstream-Pop-Produktionen, auch wenn die Urheberin hofft, "dass man den Künstler hört". Das Wort "Künstler" und die englische Entsprechung "artist" gehören zu den beliebtesten Ausdrücken in ihrem Sprachmischmasch.

Für ihr erstes richtiges eigenes Album hat die Künstlerin Kindheitserinnerungen verarbeitet in Songs wie "Dear God … If You Exist". "Casino Royale", erzählt sie, sei inspiriert vom gleichnamigen James-Bond-Film. Stolz ist sie vor allem darauf, dass ihr eine andere Mutter, Sinhead O’Connor, einen Song geschrieben hat. Kurz gesagt: Zwar hat sie sich mit Jens Gad als musikalischen Kollaborateur ausgerechnet mit einem langjährigen Mitarbeiter ihres Mannes zusammen getan, aber dennoch tönt aus jeder Zeile das tapfere Bemühen, sich vom Ehegatten abzusetzen. Während der seine Tracks weitestgehend am Computer zusammen schraubt, sind achtzig Prozent ihres Albums live eingespielt. Aus Japan ließ sie sich für den Titelsong extra eine Koto-Spielerin einfliegen. "Es ist schon noch Popmusik", meint die mittlerweile 44-Jährige, "aber viel ruhiger geworden, meinem Alter angepasst."

Der Alleingang hat der Beziehung trotzdem "gut getan", sagt Sandra. "Jeder konnte sich auf seine Arbeit konzentrieren." Tatsächlich belästigte sie ihren Mann nicht einmal als Geschmacksinstitution. Michael Cretu bekam keine Vorab-Versionen zu hören: "Ich wollte keine Kommentare von ihm hören, weder positiv noch negativ." Erst das fertige Produkt wollte sie dem Angetrauten auf den Schreibtisch legen. Und wenn sie von diesem Plan erzählt, dann tauchen sogar wieder die berühmten Grübchen auf in diesem müde gewordenen Gesicht.


Sandra: "The Art of Love" (Virgin/ EMI)

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