Pop-Queen Santigold "Du musst den Macker raushängen lassen"

Sie ist derzeit die einzig wahre Pop-Queen. Im Interview spricht die US-Sängerin Santigold über den alltäglichen Selbstbetrug Amerikas, ihre Mission als Musikerin und erklärt, wie man als Frau in einem Macho-Business die Hosen anbehält.

Sängerin Santigold: "R&B-Sängerinnen? Gibt's die noch?"
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Sängerin Santigold: "R&B-Sängerinnen? Gibt's die noch?"


Santi White alias Santigold, 1976 geboren, ist eine der zurzeit einflussreichsten Künstlerinnen Amerikas. Die gefragte Songwriterin mischt in ihrer Musik Soul, Rock, Weltmusik und elektronische Beats zu global gültigem Pop. Im April erschien ihr zweites Album "Master Of My Make Believe".

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Videoclip zur Single "The Keepers" geht es politisch ganz schön zur Sache: Ein klassisches amerikanisches Einfamilienhaus geht in Flammen auf, der Milchmann wird erschossen, eine Kleinfamilie gerät in ein Drive-by-Shooting - und Sie tanzen dazu mit einer blonden Perücke…

Santigold: Haha, ja, das Beste an dem Video ist, dass es eine lebhafte Diskussion in den Online-Foren darüber ausgelöst hat, was das alles bedeuten soll. Und das ist letztlich alles, was du mit Kunst erreichen kannst: Leute zum Nachdenken zu inspirieren und sie aufzufordern, sich ihre eigene Interpretation zu überlegen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie sich denn selbst dabei gedacht?

Santigold: Song und Video sind eine Satire über den Zustand Amerikas. Als Bewohner dieses Planeten sind wir verantwortlich dafür, auf unsere Umwelt und uns gegenseitig aufzupassen. Und diesen Job erledigen wir nicht, schon gar nicht in Amerika.

SPIEGEL ONLINE: Ihr provokanter Auftritt im Video ist vermutlich auch als Kommentar zur US-Rassenproblematik gedacht.

Santigold: Na klar, ganz offensichtlich bin ich schwarz und passe nicht hinein in diese weiße Fünfziger-Jahre-Idylle. Und ich bin auch noch das Hausmädchen! Die einzige Rolle, die ich als Schwarze in so einem Haushalt einnehmen darf. Die Frage ist: Wie passen andere Farben und Kulturen überhaupt in dieses idealisierte Amerika? Vielleicht gibt es ja deshalb den Schönheits-OP-Wahn, weil alle gleich aussehen sollen. Es geht in dem Video aber auch um unseren gedankenlosen Umgang mit Essen, um alltägliche Gewalt in unserer Gesellschaft… Das Ganze ist eine Art düsteres Musical.

SPIEGEL ONLINE: Ziemlich viel auf einmal! Ist das Ihr Anspruch: Alle Probleme der Welt in einem einzigen Song zu verhandeln?

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Exklusives Santigold-Konzert: Herrscherin des Pop
Santigold: Das kommt einfach so aus mir heraus. Als ich die Songs für mein neues Album geschrieben habe, passierte so viel in der Welt, all das beschäftigte mich - also schrieb ich darüber. Für mich ist das selbstverständlich. Ich wuchs mit Musik auf, in der es um Botschaften ging: Fela Kuti, Nina Simone, Bad Brains, sogar die Smiths hatten eine große poetische Tiefe. Songtexte leben für mich durch Inhalte.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie auf einer Mission, dem Pop wieder eine Message zu verleihen?

Santigold: Schreiben war für mich schon als Kind ein kathartischer Prozess, und deshalb: Ja, vielleicht ist das eine Art Mission. Selbst wenn es in den Songs um persönliche Gefühle geht, will ich, dass die Texte einen Sinn ergeben, poetisch und inspirierend sind. Aber ohne dabei zu predigen oder schulmeisterlich zu sein, das passiert eher unbewusst.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihre regelmäßige Zusammenarbeit mit berühmten R&B-Sängerinnen wie Rihanna und Christina Aguilera auch Teil dieser Mission?

Santigold: R&B-Sängerinnen? Gibt's die? Die machen doch alle nur noch Dance-Pop, speziell Rihanna und Beyoncé. Das hat sich in den letzten Jahren radikal geändert. Ich wüsste jedenfalls keinen R&B-Künstler, der auf diesem Level erfolgreich ist, das ist reine elektronische Popmusik. Die kommen ins Studio, nehmen einen Tag lang auf, und das war's. Für mich fängt die Arbeit aber da meist erst an, ich denke eher wie ein Produzent. Das macht eine Zusammenarbeit mit den Mädels schwierig, sie hören einen Song anders als ich.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten ohnehin als Kontrollfreak, der sich um beinahe jeden Aspekt selbst kümmert, vom Producing übers Album-Artwork bis zum Merchandising. Wie hart ist das, sich als Frau im Musikbusiness zu behaupten?

Santigold: Wenn Sie mich das fragen, können Sie mich genauso gut fragen, wie hart es ist, als schwarze Frau in Amerika zu leben. Darüber nachzudenken, bringt einen nicht weiter. Da bleibt man einfach stecken.

SPIEGEL ONLINE: Stattdessen…?

Santigold: Stattdessen muss man herausfinden, wie man mit den Verhältnissen, wie sie nun einmal sind, umgeht, man muss sich anpassen. Was das Schwarzsein betrifft, habe ich bereits als Kind realisiert, was das bedeutet und wie ich mich am besten verhalte, um voranzukommen. Im Musikbusiness habe ich vor ungefähr zehn, elf Jahren herausgefunden, wie es funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Wir sind gespannt.

Santigold: Erkläre ich Ihnen gerne. Frauen wird meistens beigebracht, dass sie Kompromisse machen, gefällig und demütig sein sollen. Mit so einem Verhalten wirst du im Musikgeschäft zwangsläufig über den Haufen gerannt und jemand anderes übernimmt die Kontrolle. So ging es mir am Anfang auch, und alles, was ich machen wollte, wurde nahezu ins Gegenteil verkehrt. Also brachte ich mir ein paar typisch männliche Verhaltensweisen bei. Die Anlagen dazu hat übrigens jede Frau in sich, sie sind nur unterdrückt.

SPIEGEL ONLINE: Und die wären?

Santigold: Du musst ultraselbstbewusst sein, Kontrolle übernehmen wollen, in manchen Situationen kompromisslos sein und mit viel Arsch in der Hose deine Sache verteidigen. Der Nachteil ist: Es ist anstrengend, weil du den Macker in dir die ganze Zeit raushängen lassen musst wie der Manager eines Unternehmens. Und wenn du das als Frau machst, heißt es schnell, du wärst schwierig, verrückt, eine Bitch.

SPIEGEL ONLINE: Gelten Sie auch als Zicke?

Santigold: Fragen Sie mal meine Band! Ach, ist mir auch völlig egal! Meinetwegen bin ich zickig und verrückt. Aber die Leute sind meistens nett zu mir, die sagen dann, ich sei speziell oder ich wüsste, was ich will. Und das stimmt ja auch.

Das Interview führte Andreas Borcholte



insgesamt 27 Beiträge
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spon-facebook-10000226946 20.07.2012
1. Aha
Sollte ich "die einzig wahe Queen" kennen? Laut Wikipedia keinen Top 10 Song/Album. Der Titel scheint ja recht liberal vergeben zu werden.
gbk666 20.07.2012
2.
Ich kenne ebenfalls kein einziges Lied von ihr, lese zum ersten mal hier über sie..sehe allerdings einen Artikel nach dem anderen hier über sie. Ähm..SPON? Wir sind nicht blöde :)
0914 20.07.2012
3.
Noch nie von der Frau gehört im Leben. Denke es geht vielen so. Nun ist sie plötzlich über Nacht "Queen des Pop"...unglaubwürdig.Typischer Medienhype wie so oft.
farang 20.07.2012
4. santi ... wer?
Zitat von sysopAPSie ist derzeit die einzig wahre Pop-Queen. Im Interview spricht die US-Musikerin Santigold über den Selbstbetrug Amerikas und erklärt, wie man als Frau im Musikbusiness die Hosen anbehält. SPIEGEL ONLINE und tape.tv übertragen am Freitag ab 21 Uhr live ihr Konzert aus Berlin. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,845599,00.html
So, so. Santigold, aha. Noch nie gehört von der jungen Frau. Den Grund dafür fand ich bei YT, keine Musik für meine alte Ohren. Aber wems gefällt, bitte.
daydreamnation 20.07.2012
5. Willkommen im Jahre 2012,
wo progressive Pop-Könige und -Königinnen natürlich im Netz gekrönt werden und nicht vorsintflutlich in irgendwelchen Charts-Ranglisten oder im gleichgeschalteten Format-Radio-Gedudel, wo es zu 90% Musik für Menschen gibt, die sich nicht für Musik interessieren. Santigold ist natürlich super.
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