Abgehört - neue Musik Schöner Kolibri, so schnell verflogen

Die US-Sängerin Santigold war mal die große Pop-Hoffnung, löst ihr drittes Album endlich alle Versprechen ein? Die Britin Låpsley als Adele-Gegenentwurf. Außerdem: Nada Surf ganz entspannt.

Von und


Santigold - "99 Cents"
(Atlantic/Warner, seit 26. Februar)

Eine junge Frau sitzt auf einem schwarzen Pferd, stolz wie eine Revolutionsführerin, die dem Establishment den Krieg erklärt hat. Als posierte sie für ein Porträt. Als wüsste sie, dass ihr Porträt bald in der Ahnengalerie auf Schloss Pop hängen wird.

Wir schreiben das Jahr 2008. Die junge Frau heißt Santi White, nennt sich damals noch Santogold, tauscht später einen Vokal nach einem Rechtsstreit: Santigold. Es ist eine Szene aus dem Video zu einer ihrer ersten Singles, "L.E.S. Artistes", einer Kampfansage.

Santi White aus Philadelphia, eine gelernte Musikethnologin, kennt die Codes der Macht in den Fürstentümern des Pop. Sie weiß, wie Neues entsteht: durch das Vermengen der richtigen Zutaten, in der richtigen Dosis, zur richtigen Zeit.

Was White 2008 mit ihrem Debüt auftischt, schmeckt allen: Ein Brei aus Prince, Nina Simone, Fela Kuti, Devo und den Bad Brains. Als ihr zweites Album, "Master Of My Make-Believe", vier Jahre später erscheint, stilisiert sich White auf dem Cover schon als Siegerin. Eine junge, schwarze, Feldherrin, Teil eines neuen Pop-Establishments.

Wir schreiben das Jahr 2016. Whites Porträt in der Ahnengalerie hat Staub angesetzt, und das weiß sie. Ihr drittes Album "99 Cents", wieder vier Jahre nach dem Letzten, wirkt, als wollte sie den Staub mit Druckluft wegblasen.

White, inzwischen 39, will mit "99 Cents" einen Punkt machen, setzt aber oft drei - und dahinter viele Fragezeichen. Klar, da ist wieder majestätischer Pop, zu dem auch gern der Hofnarr abspackt ("Can't Get Enough of Myself", "Rendezvous Girl"). LCD Soundsystem tanzen den Twist ("Who I Thought You Were"), Ariel Pink macht Urlaub in der Karibik ("Banshee"), Klapperschlangen-Trap-Beats zischen unter Whites bittersüßem Gesang ("Who Be Lovin' Me"). Und wäre "Walking In A Circle" ein Auto, dann wäre es ein tiefergelegter Panzer mit doppeltem Auspuff. Wozu der gut sein soll? Weiß man nicht so genau.

"99 Cents" ist mannigfaltig, aber unentschieden. Hier das Flackern einer Flamme, die ein Inferno entfachen könnte, es aber nicht tut ("Outside the War"). Da Melodien, schön wie Kolibris, kaum zu greifen, schnell verflogen. Immer wieder Shuffles, die Gelassenheit vortäuschen, getrieben von einer inneren Unruhe. White reitet wieder, doch es ist ein anstrengender Ritt ins Nirgendwo. Als wüsste White selbst nicht, wohin. Will sie Königin oder Anführerin einer Revolte sein? (6.2) Jurek Skrobala

Santigold: "99 Cents"

Santigold: 99 Cents auf tape.tv.

Nada Surf - "You Know Who You Are"
(City Slang/Universal, ab 4. März)

Stimmt, als Fan oder auch nur Kenner von Nada Surf weiß man, wer man ist. You know who you are: Eher 40 als 30, inzwischen angekommen im Leben und der selbst gegründeten Familie, manchmal etwas wehmütig, wenn die Gedanken an die schon etwas länger zurückliegende wilde Zeit kommen, nachts, nach der zweiten Rotweinflasche, wenn Frau und Kinder im Bett sind. Nada Surf, angeführt von Songwriter Matthew Caws, neu verstärkt durch den Gitarristen Doug Guillard (Guided By Voices), wissen ebenfalls, wer sie sind: Eine Rockband, die das Kunststück geschafft hat, zu überleben, und das bereits seit 20 Jahren. Und das kann man schon mal mit einem entspannt zurückgelehnten Album feiern.

Nur noch ganz selten, im Titelstück oder in "New Bird", wird die Band so dringlich wie sie einst auf "High/Low", Songs wie "Mother's Day" oder zuletzt sogar noch in "Teenage Dreams" und "Waiting For Something" vom letzten Album "The Stars Are Indifferent To Astronomy" war. Das liegt vier Jahre zurück. Geblieben ist eher saturierter, sehr versiert gespieler Power-Pop, der an Big Star erinnert, aber auch an Collegerock-Kollegen wie The Replacements, Gin Blossoms, wenn nicht die späten R.E.M. Zwei Songs schrieb Caws zusammen mit Dan Wilson, ehemals Sänger von Semisonic, jetzt Song-Lieferant für Adele, Birdy, Florence & The Machine oder ähnliche Chart-Acts. Entsprechend gefällig bis schlagerhaft klingen "Rushing" und "Victory's Yours", aber auch das mit Trompete garnierte "Out Of The Dark", das so deftig schunkelnd dahindröhnt, als hätte es Jeff Lynne produziert.

Ja, die Düsternis fehlt. Stattdessen gibt es altersmilde Lässigkeit und sonnige "Gold Sounds", wie einer dieser schönen, sanft dahingleitenden Songs des Albums heißt, die im Adult-Contemporary-Radio nicht weiter irritieren. Damit ist aber auch Nada Surf eine Band geworden, die sich mit dem ins Gestern träumenden Nostalgismus ihrer Anhänger gut eingerichtet hat. "The fighting is done/ The battle is won/ Now I'm gone", singt Caws im letzten Song. Na dann wollen wir mal nicht weiter stören. (6.5) Andreas Borcholte

Nada Surf: "You Know Who You Are"

Nada Surf: You Know Who You Are (Albumstream) auf tape.tv.

Låpsley - "Long Way Home"
(XL/Beggars/Indigo, ab 4. März)

Nur keine Angst vor dieser blonden Frau, die uns vom Cover ihrer Debüt-LP so herausfordernd anblickt: "Na los, verletz mich noch ein bisschen doller, hau richtig rein!". Das singt sie nämlich in "Hurt Me", einem von beeindruckend vielen sehr guten Songs, die sich auf "Long Way Home" finden. Gut, Frau Låpsley, oder Holly Fletcher, wie die Sängerin, Songschreiberin und Bedienerin diversester Instrumente eigentlich heißt, hat sich ziemlich viel Zeit gelassen mit ihrem Debüt, durch die Musikblogs und Soundwolken des Internets geistert sie schon sehr lange.

Was nicht den großen Wurf schmälern soll, als den man "Long Way Home" durchaus betrachten kann. Låpsleys Pose ist die der Verlassenen und Enttäuschten, aber sie findet Worte, die weit über das Phrasen-Repertoire von Greg Kurstin, Max Martin und anderen Herzschmerz-Hit-Lieferanten hinausgehen. "Hurt Me", fordert sie zum Beispiel nur deshalb, damit ihr Geist sich endlich in wohltuende Numbness flüchten kann: "Gotta let my mind another space". In "Heartless" sucht sie den Raum nach Telepromptern ab, die ihr aus der Sprachlosigkeit helfen, als sie ihren Ex mit seiner Neuen sieht. Und der verpoppte Deep-House-Track "Operator (He Doesn't Call Me")" ist eine Antwort auf Adeles "Hello", allerdings aus dem Reich der Coolness.

Die große Balladengeste im modernen R&B-Sound kann Fletcher, die aus Liverpool stammt und eigentlich Naturwissenschaftlerin werden wollte, durchaus auch ("Love Is Blind", "Tell Me The Truth"). Interessanter (und berührender) ist es aber, wenn Låpsley sich auf das Terrain von Glitch-Pop-Pionieren wie James Blake begibt und ihre emotionale Unbehaustheit in kargen, eisigen Klanglandschaften ausstellt, wie im klirrenden "Cliff", dem Piano-Stück "Falling Short" oder somnambul in "Silverlake". Klingt fast zu arktisch, nach diesem langen Winter. Wärmt aber das Herz. (7.8) Andreas Borcholte

Låpsley: "Long Way Home"

Låpsley: Long Way Home auf tape.tv.

Telegram - "Operator"
(Gram Gram/Rough Trade, ab 4. März)

Wenigstens machen sie kein Hehl daraus, wo ihre musikalische Heimat ist: Auf ihrer Soundcloud-Seite hat die neue britische Band Telegram eine Coverversion von Brian Enos "Needles In The Camel's Eye" gepostet, der erste Song auf "Here Come The Warm Jets", dem vielleicht definitivsten Glam-Album der Siebziger. Zwei Telegram-Mitglieder spielten zudem einst in einer Roxy-Music-Coverband namens, Achtung, Proxy Music. Gitarrist Matt Wood ist außerdem gut bekannt mit der deutschen Krautrock-Band Faust.

Irgendwie logisch also, dass "Operator", das nach drei Jahren Basteln und Feilen endlich fertige Debüt von Telegram, nach Gestrigem, nach Glam und Kraut, klingt, zuweilen versetzt mit der Dringlichkeit von Postpunk in der Spielart der frühen Nullerjahre. Die frühe Single "Follow", die auch hier enthalten ist, erinnert eher an Maximo Park als an Eno (allerdings klingt bei Sänger Matt Saunders eher Welsh als Geordie durch).

Aber all das ist eigentlich auch egal und geschmäcklerisch, denn in Wahrheit geht es bei dieser Art Retro-Rockmusik ja nur darum, ob die Songs gut sind. Von dieser Sorte haben Telegram überraschend viele: "Rule Number One", "Inside/Outside", "Aeons", "Taffy Come Home" und "We've Got A Friend" erfinden nichts neu, lassen aber Dringlichkeit und Energiereserven verspüren. Produziert wurde das Album von Indie-Allrounder Dan Carey, der bereits mit den klanglich verwandten Toy gearbeitet hat: Klingt gut, aber nicht zu glatt. Vor zehn Jahren wären sie Superstars gewesen. (7.0) Andreas Borcholte

Telegram: "Telegram"

Taffy Come Home von Telegram auf tape.tv.

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
stefan.de 02.03.2016
1. unseriöse jubelperser
Wäre mal interessant, über das letzte Jahr die durchschnittlich vergebene Note für Platten hier zu errechnen. Mein Eindruck : der liegt deutlich über den fünf Punkten, die man statistisch bei einem sinnvollen Bewertungssystem erwarten müsste. Von der pseudogenauigkeit der Nachkommastellen mal ganz abgesehen.
event.staller 02.03.2016
2. Lieber Kolibri, hier meine...
..unwesentliche Meinung: Welche Versprechen Santigold gegeben haben mag: wir müssen weiter hoffen. Nada Surf vielleicht ein bißchen zu entspannt. Bitte Lapsley nicht als Adele-Gegen-Entwurf strapaziere. Musik a la Telegram haben wir auch schon mal gehört, hören wir aber immer wieder gerne.
pedalsteel 03.03.2016
3. Yo, Qualitätsjournalismus!
Versuchen wir es ganz vorsichtig mit Worten: Beim „vielleicht definitivsten Glam-Album der Siebziger“ existieren ein semantisches Problem und auch eins hinsichtlich der Dingwelt, auf den sich dieses verwegen Formulierte beziehen soll: Laut der verbalen Rating-Skala rechnet dank des einschränkenden „vielleicht“ der Autor der Aussage mit etwa 40 bis 60 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass „Here Come the Warm Jets“ in der Tat jenes „definitivste“ Glam-Album der Siebziger“ ist: Da sind kühn schon mal „Alles Klar“ von der Rentnerband und „Mouldy Old Music“ von Lieutenant Pigeon vom Tisch. Da der Glam der Sechziger logischerweise Proto-Glam, der der Fünfziger Krypto-Glam und jeder spätere entweder Post- oder Retro-Glam sein müsste, ignorieren wir das pleonastische „der Siebziger“. Wie, wenn die Gewichtung im Satz verschoben würde: „dem wahrscheinlich definitiveren“ oder „dem sicher definitiven“? Wir erkennen, dieser Superlativ taugt nichts. Jetzt also die These: Ist „Here Come the Warm Jets“ unter Umständen das definitive Glam-Album? Wahrscheinlich eher als in diesem Forum empfohlene, weil unbekannte Werke wie „Tusk“ oder „Off the Wall“, aber auch in echt „definitiver“ als „Sweet Fanny Adams“, „For Your Pleasure“. „Diamond Dogs“ und „Electric Warrior“? „Here Come the Warm Jets“ ist meines Erachtens zu intellektuell und ihm fehlen Hitssingles, sodass es nicht werden kann, was der Autor gemeint haben möchte.
ColonelCurt 03.03.2016
4. Glam-Rock
Der "definitivste" Glam-Rock der Siebziger ist sicher bei Künstlern wie T.Rex, Gary Glitter oder Slade zu suchen, die entsprechenden Werke von Arthouse-Musikern wie Eno oder Roxy Music waren ja bereits akademische Aneignungen und artifizielle Zitate. "Driving Me Backwards" ist sicher kein Glam-Rock in irgendeinem Sinne, außer dass Eno damals noch "glamige" Kostüme trug.
Robert_Rostock 03.03.2016
5.
Zitat von stefan.deWäre mal interessant, über das letzte Jahr die durchschnittlich vergebene Note für Platten hier zu errechnen. Mein Eindruck : der liegt deutlich über den fünf Punkten, die man statistisch bei einem sinnvollen Bewertungssystem erwarten müsste. Von der pseudogenauigkeit der Nachkommastellen mal ganz abgesehen.
Das würde eventuell stimmen, wenn hier die Bewertungen sämtlicher erschienenen Platten veröffentlicht werden. Ich würde aber mal kühn behaupten, dass dies nicht der Fall war. Ergo wird der Plattenpunkteverteilungsbeauftragte von SPON sicher vor dem Schreiben seiner Artikel eine Auswahl getroffen haben, und da liegt es doch nahe, über die seiner Meinung nach besten Platten zu schreiben. Die dann wiederum viele Punkte haben.
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