Tourstart von Sarah Connor Mutter, Frau, Mensch, Fucker

Ihr Album heißt "Muttersprache", weil sie jetzt auf Deutsch singt. Nun geht Sarah Connor mit ihren neuen, nachdenklichen Liedern auf Tour. Beim Auftakt in Hamburg blitzt allerdings die alte Sarah gelegentlich auf - im Guten wie im Schlechten.

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Es ist das letzte Lied der Zugabe, es soll die Botschaft sein, die Sarah Connor ihrem Publikum mit in die Hamburger Nacht geben will. "Als Mutter, als Frau, als Mensch", wie sie sagt, in der Ansage zu ihrem Lied "Augen auf". Dass die Sängerin Sarah Connor überhaupt Botschaften vermitteln will, ist noch recht neu, und dann noch recht tiefschürfende, die von Angst, Wut und Gewalt handeln, sowie, ganz aktuell, von Flucht.

Sie singt das Lied auf einem Barhocker sitzend, neben sich ein Klavier, auf dessen Rückseite ein Film projiziert wird, in dem Schwarz-Weiß-Bilder von dunklen Wolken, schwappenden Wellen und ähnlichen filmischen Dramatiksymbolen zu sehen sind. Und als die Band zur Steigerung ansetzt, als Sarah Connor singt "Krieg deinen Arsch endlich hoch, Zeit aufzustehen" - da flimmert auf der Klavierleinwand das Bild von Alan Kurdi, des dreijährigen Jungen, dessen Leiche am Strand von Bodrum angespült wurde.

Und man geht hinaus in die Hamburger Nacht mit der Frage: Geht das?

Geht das im allgemeinen in einer Popshow? Und im speziellen: Geht das bei einer Sängerin, die zumindest in den ersten zehn Jahren ihrer ja nun schon fast anderthalb Jahrzehnte dauernden Karriere für vergänglichen Pop-Soul mit vagem internationalem Anspruch stand, sowie für einen "Wetten, dass..?"-Auftritt in fleischfarbener Unterwäsche und eine vergurkte Nationalhymne. Ach ja, und für das Ausbreiten ihres Privatlebens per Doku-Soap.

Die Frage nach dem Allgemeinen ist schnell beantwortet, es ist eine verbreitete und effektive Pop-Strategie, sich starker Zeichen zu bedienen und sie in neue Kontexte zu setzen. Einer anderen klassischen Pop-Strategie hat sich Sarah Connor in der jüngeren Zeit bedient: Sie hat sich neu erfunden, wie das dann immer heißt, in diesem Fall als nachdenkliche Person, die einfühlsame Lieder mit deutschen Texten singt.

Das Publikum nimmt ihr die Wandlung durchaus ab, das Album "Muttersprache" steht seit 16 Wochen ununterbrochen in den Top Ten der deutschen Albumcharts. Und in der Hamburger Laeiszhalle, wo sie die "Muttersprache"-Tour offiziell eröffnet, wird Sarah Connor frenetisch begrüßt. Sie habe das Gefühl, die Aussage ihrer Texte würde jetzt viel besser verstanden, sagt sie - und früher habe sie sie ja auch meistens nicht selbst geschrieben.

Lieder wie "Bedingungslos" oder "Wenn du da bist" singt sie sehr überzeugend, ohne allzu große Schnörkel. Schon früh, beim "Deutschen Liebeslied", fordert sie die Zuschauer im bestuhlten Saal, in dem häufiger Klassik-Konzerte stattfinden, zum Aufstehen auf: "Die Sitze sind nur für die Balladen da." Sie gibt sich betont unprätentiös, tanzt hier den Gitarristen an, winkt dort in den Oberrang, trägt Hut und T-Shirt in grau zur engen Lederhose. Die rote Jacke kommt dann, wenn auch der Sound knalliger wird - bei einem Medley der Nullerjahre-Hits wie "Let's Get Back to Bed, Boy", "Bounce" und "From Zero to Hero". Sie klingen plötzlich sehr frisch.

Die deutschsprachigen Titel sind da etwas pathoslastiger im Vortrag, auch und gerade der größte Hit aus dem Album, "Wie schön du bist", dessen neue Ehren als Vorlage für Carolin Kebekus' Viralvideo "Wie blöd du bist" Sarah Connor nicht erwähnt. Dafür bekommt aber die sensible Pose andernorts Risse.

Das entscheidende Lied dafür stammt auch vom aktuellen Album und heißt "Kommst du mit ihr": Es geht in dem Song darum, sich vorzustellen, wie der Ex Sex mit einer anderen hat. Und wenn sie singt "Berührt sie dich so wie ich", dann ahmt Sarah Connor da eine stimulierende Handbewegung nach; das steckt wohl noch so drin, von früheren Touren, die "Sexy as Hell" hießen. "Da war ich wohl etwas sauer", sagt sie nach dem Song, lacht kehlig und fügt an: "Don't fuck with a fucker!"

Es ist diese Nonchalance, die sie als Fernsehfigur in der ersten Hälfte des laufenden Jahrzehnts zur Sympathieträgerin gemacht hat, als Jurorin bei der Castingshow "X Factor" oder als Teilnehmerin am Gruppenträllern bei "Sing meinen Song": Darin war sie immer die mit dem großen Herz, der auch mal was Unangemessenes durchrutscht. So auch jetzt beim Konzert, wo sie die "Ode aufs Leben" so ausspricht, dass man darauf "Adé" reimen könnte. Oder sich darüber beklagt, dass die Band hinter ihrem Rücken "Rosettenwitze" erzähle.

Wie sie dann von einem Moment zum nächsten vom Kichern zum ernsthaften Vortrag ihrer Pop-Balladen umschaltet, das ist ein Zeichen großer Professionalität und Klasse als Showstar. Das nötigt Respekt ab. Aber es schafft nicht die Atmosphäre, die die anspruchsvolleren ihrer Songs benötigen würden, um so wirken zu können, wie sie gemeint waren. Und deshalb bleibt bei dem Bild vom toten Flüchtlingsjungen in der Popshow der Sarah Connor doch ein ungutes Gefühl zurück.

insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
Baustellenliebhaber 15.09.2015
1.
Es scheint der Autor mag Frau Connor nicht besonders, das scheint mit keine gute Basis für eine objektive Berichterstattung sein
grool 15.09.2015
2. lied
Oh man ist die Frau peinlich . möchte politische Botschaften verbreiten .. dokusoap kann die deutsche Hymne nicht peinlich die Frau ... aber schön auf der Welle des Mainstream mitschwimmen....
secret.007 15.09.2015
3. Es gibt doch ...
... noch eine Steigerung von schlimm: Mit dem Tod eines kleinen Jungen zu werben um letztendlich einen eigenen Song erfolgreich präsentieren zu können. Die FAZ hatte es abgelehnt, solche Bilder zu veröffentlichen. Finde ich gut.
jhea 15.09.2015
4. Na wunderbar
Die Frau kann nicht singen, und wer glaubt ihr Lied 'wie schön du bist' was im Radio rauf und runter dudelt wäre für ihren Sohn geschrieben worden, der glaub auch noch an den Weihnachtsmann. Wäre das Lied für ihren Sohn geschrieben worden, würde es kaum dermaßen kommerzialisiert werden. Ganz billigste PR für einen Song, der auf die Gefühlsdudelei von jungen Eltern abgezielt ist. Eine eiskalte Berechnung ihrerseits, legitim, dennoch eiskalt und daher super unsympathisch.
asshh101 15.09.2015
5. Schöne Lieder
Bleibt doch mal locker. Ich war bis jetzt kein so großer Fan von Sarah Connor. Aber sie hat mit ihren neuen Liedern richtig schöne Musik gemacht und darauf kommt es mir in erster Linie an. Das bei allem in dieser Branche auch noch etwas Show gemacht wird, ist ja fast schon normal. Das mit dem kleinen toten Jungen kann ich nicht beurteilen. Es kann geschmacklos sein, aber auch ein Mahnmal setzen. Dazu muss man glaube ich das Konzert selbst gesehen haben
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