Slam-Poet Saul Williams Jazz-Allianz am Grab eines Radikalen

Schwierige Zeiten verlangen nach Allianzen: Beim Begräbnis des Bürgerrechtlers Amiri Baraka lernten sich Slam-Poet Saul Williams und Jazzer David Murray kennen. Jetzt ist ihr gemeinsames Album erschienen.

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Der Rapper und der Jazzer begegneten sich 2014 auf dem Friedhof. "Get out of the coffin", rappte Saul Williams am Sarg von Amiri Baraka. Wie Lazarus müsse der Dichter, einer der Wortführer der afro-amerikanischen Bewusstseinsbewegung, auferstehen und weiterkämpfen. "We can't let this poet's spirit get out of here", deklamierte Williams. Seine Verse erschütterten David Murray, den Saxofonisten und Freund des Verstorbenen. Williams, der rund zwei Jahrzehnte jüngere Slam-Künstler, fasste in Worte, was Murray in seiner Musik ausdrücken will. Am Grab von Baraka beschlossen die beiden New Yorker aus verschiedenen Genres und Generationen, zusammenzuarbeiten.

Seit einiger Zeit reisen Murray, 63, und Williams, 46, nun mit ihrem gemeinsamen musikalischen Projekt durch die Welt, bislang noch nicht leider noch nicht in Deutschland. Aber die Murray-Williams-Kooperation gibt es sie auch auf Tonträger: "Blues for Memo" ist der Titel eines Albums von David Murrays Infinity Quartet mit Saul Williams. Der Rapper, Sänger, Schauspieler und Dichter verzahnt darauf Texte mit dem Tenorsaxofon- und Bassklarinetten-Sound von Murray.

Die Platte enthält Stücke über rassistische Anschläge, Amerikas Waffen-Wahn und den Abbau des Konfliktminerals Coltan im Kongo - allerdings nicht im Agit-Prop-Stil, sondern poetisch abgehoben, nicht immer leicht verständlich. Dazu kommt eine Hommage an den Jazz-Impresario Mehmet "Memo" Ulug.

Der 2013 verstorbene Türke war Mitbegründer des Istanbuler Clubs "Babylon", einer für zeitgenössische Trends offenen Spielstätte, in der schwarze Musiker wie Sun Ra, Butch Morris, Pharoah Sanders und auch David Murray aufgetreten sind. Williams gastierte dort 1998.

Dem Künstler aus der alternativen Hip-Hop- und Poetry Slam-Szene wurde vor der Begegnung mit Murray eher Distanz zum Jazz nachgesagt. "Ich war darauf bedacht, nicht mit überholten Dingen zusammengebracht zu werden", sagte er einmal. Darauf angesprochen, erzählt Williams, dass er durchaus schon länger eine "strong listening relationship to jazz" habe. Für eines seiner Poetry-Bücher schrieb er eine Traumgeschichte über Miles Davis, zu seiner Lieblingsmusik gehören die "Devotional Chants" von Alice Coltrane.

Als "Hip-Hop Head", wie er sich selbst bezeichnet, machte er seine ersten Jazz-Entdeckung, in dem er der Herkunft von Samples nachforschte. "Und dann verbrachte ich geraume Zeit mit den Originalen." Dabei, sagt er, entdeckte er die "Klanggewebe" von Miles Davis, John Coltranes "Tiefe und Atem", den "Bounce und die Punktation" von Thelonius Monk und die "Leichtigkeit" von Horace Silvers Melodien. "Meiner Meinung nach hat der Jazz eine enorme Zukunft", zeigt sich Williams bekehrt, "innerhalb des Genres und über seine Grenzen hinaus gibt es noch wahnsinnig viel zu erkunden."

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Saul Williams & David Murray: Wie man Black Poetry und Jazz fusioniert

Das Multi-Talent, 1972 geboren, spielte die Hauptrolle im Dichter-Sozialdrama "Slam" von 1998. Er erinnert sich an Screenings des Indie-Films und Konzerte in Deutschland, Großereignisse für die aufblühende hiesige Poetry-Slam-Szene. In New York trat Williams in einem Musical über Tupac Shakur auf. Im französisch-senegalesischen Film "Aujourd'hui" spielte er einen Heimkehrer nach Afrika, der 2012 auf der Berlinale Premiere hatte.

Seit damals pflegt Williams intensive Beziehungen zu Afrika. "Meine Frau kommt aus Ruanda", sagte er im vergangenen Jahr in einem Interview; der Umgang mit seiner afrikanischen Verwandschaft eröffne ihm neue Perspektiven und musikalische Bezüge.

Der "poet laureate of Hip-Hop" (CNN) ) glaubt an Kunst, die ein politisches Anliegen vertritt. Er nennt die radikale Rap-Band Public Enemy als prägenden Einfluss und unterstützte vor den US-Wahlen den linken Demokraten Bernie Sanders. Nach Donald Trumps Sieg nahm er für das Album "Mirapolis" des Elektronik-Künstlers Rone einen Song mit dem Titel "Everything" auf, die die Zeile "You don't need that simple shit" enthält. Gemeint war der neu gewählte US-Präsident, wie Williams heute erläutert: "Trump ist eine Peinlichkeit. Er erinnert daran, dass die Amerikaner seit Jahrhunderten mit polarisierender, ahistorischer Rhetorik gefüttert werden."

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Auf seinem Album mit David Murray bezieht Williams mit leidenschaftlichem Sprechgesang Stellung zum aktuellen Konfliktzustand der Welt. Im Track "Cycles And Seasons" geht es um den Zusammenhang von westlicher Wohlstandswahrung und Zwangsarbeit in der Dritten Welt. Williams verbindet die Ausbeutung auf Bauwollfeldern mit dem Abbau des für die Smartphone-Herstellung nötigen Minerals Coltan: "Coltan as Cotton". Die gospelhafte Ballade "Red Summer" wurde durch die rassistisch motivierte Schießerei in einer Kirche in Charleston vom Juni 2015 angeregt und spannt einen Bogen zur Black-Lives-Matter-Bewegung. Murrays Saxofon und die Posaune des als Gast mitspielenden Craig Harris sorgen für eine wirkungsvolle Untermalung seines Vortrags.

"Als einen Dichter, der früher an die Seiten mit seinen Versen gebunden war, hat mich die Zusammenarbeit mit David befreit", sagt Williams. "Was den Jazz so wunderbar macht, ist die dominierende Rolle der Improvisation; man muss genau zuhören, was die anderen Musiker spielen und darauf reagieren. Das hält mich frisch."


David Murray feat. Saul Williams: "Blues For Memo" ist bei Motema/Membran erschienen.

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