Hardcore-Legende Hüsker Dü Alles jetzt!

Jung, wild, schnell, laut: Anfang der Achtziger entfachte das US-Trio Hüsker Dü einen unwiderstehlichen Sturm aus Wut und Lärm. Das rohe Frühwerk der Band, die Nirvana inspirierte, ist jetzt neu erschienen.

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Wollte man das Werk von Hüsker Dü auf zwei zentrale Begriffe bringen, die passenden Worte wären Gegenwärtigkeit und Geschwindigkeit. Alles musste schnell gehen bei dieser Band, alles musste - jetzt! - raus und aufs Band, mit maximaler Präsenz. Faxen wurden im Studio keine gemacht, zweite Takes gab es kaum. Die Gefühle - am Anfang vor allem Wut, auf den späteren Platten dann auch alles andere, was man so fühlen kann -, verlangten nach unmittelbarem und endgültigem musikalischen Ausdruck.

Die 23 Stücke des epochalen Doppelalbums "Zen Arcade" von 1984 etwa, ein Blueprint für alle nachfolgenden Verschmelzungen von rauschhaftem Noise und bezaubernden Harmonien, wurden in gerade einmal zwei Tagen eingespielt. Mit "Zen Arcade" diffundierte der Hardcore Hüsker Düs in eine am Pop der Sixties geschulte Melodieseligkeit. Der Einfluss dieser Musik ist kaum zu überschätzen: Die Pixies und Nirvana beispielsweise, aber auch My Bloody Valentine wären ohne diese Band so nicht möglich gewesen.

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Hüsker Dü: Jung, wild, schnell, laut

In den ersten Jahren klang die Musik des Trios aus Minneapolis noch anders, nämlich rüde, denkbar aggressiv und formal durchaus extremistisch. Man befeuerte das eigene Schaffen mit einer genau abgestimmten Dosis Amphetamin, ein großer Teil der Songs des Frühwerks wurden fixer und lauter runtergedroschen als bei nahezu allen anderen US-Hardcore-Bands, die damals über die Bühnen tobten. Die Anfänge von Hüsker Dü sind jetzt in einer Box auf drei CDs beziehungsweise vier Platten nachzuhören. "Savage Young Dü" enthält Demo- und Live-Mitschnitte, neu gemischte Songs des zweiten Albums "Everything Falls Apart" von 1983, frühe Singles und ein über 100-seitiges Booklet.

Dass "Savage Young Dü" überhaupt erscheint, ist erstaunlich genug. Schnell und endgültig nämlich ging auch die Karriere der Band über die Bühne. 1979 fand man sich zusammen, 1982 erschien die erste von sechs in kürzester Zeit aufgenommenen Platten, man tourte nahezu ununterbrochen. 1987 trennte das Trio sich im Streit und fand nie wieder zusammen. Dem Gitarristen Bob Mould und dem in diesem Jahr verstorbenen Schlagzeuger Grant Hart, den beiden Songwritern und Sturköpfen, an deren Egos die Band am Ende wohl zerschellt ist (und am Heroin, aber das ist eine andere Geschichte), war der Blick zurück über Jahre hinweg herzlich egal. Gegenwärtigkeit also auch in diesem Sinne: Das Archiv blieb unberührt, bis jetzt.

Massiver Angriff auf die Ohren und den Körper

Das Überraschende an dieser Box ist nun also nicht nur, dass es sie gibt, sondern dass die mehr 30 Jahre alte, in siebenjähriger Recherchearbeit zusammengetragene Musik in ihren besten Momenten ohne Retro-Patina daherkommt. Hochenergetische Geschwindigkeitsexzesse wie "All Tensed Up" oder "Punch Drunk" (32 Sekunden lang) transportieren noch immer eine tonale Gewalt, die nicht mittels Kraftmeierei hergestellt wird, sondern ein rauschhaftes Aufgehen in unbedingter Affektivität voraussetzt.

Die alternative Version des Debüt-Albums "Land Speed Record", die in der Box enthalten ist, funktioniert als ein massiver Angriff auf die Ohren und den Körper des Hörers. Wenn man aber hinter die aggressiv-konfrontative Oberfläche hört, entwickeln einige der Stücke ("Don't Have a Life" oder "Big Sky" zum Beispiel) psychedelische Qualitäten. Nicht umsonst coverten Hüsker Dü wenig später ganz ohne Ironie den Hippie-Klassiker "Eight Miles High" der Byrds.

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Hüsker Dü:
Savage Young Dü

Numero Group; 34,99 Euro (3 CDs inkl. Booklet)

Die Musik auf "Savage Young Dü" kann für den, der diese Musik zum ersten Mal an sich heranlässt, auch heute noch eine erschütternde Erfahrung sein. Aber nicht alles hier ist derart durchschlagend. Die Zusammenstellung des US-Labels The Numero Group wird von archivarischer Gründlichkeit bestimmt, einige Stücke haben zunächst entsprechend historischen Wert, und das nicht nur wegen der hin und wieder zwangsläufig suboptimalen Soundqualität. Gerade am Anfang findet sich noch viel Ramones-Epigonentum ("Do You Remember", Cover von "Chinese Rocks") und generischer Punk ("Insects Rule the World").

Für die zahlreichen Stücke aber, die zeigen, wie das, was dieser Band später gelingen sollte, als unbehauener Kern immer schon präsent war, lohnt sich aber die Investition. Das Kommende ist im Beginn bereits enthalten: "Stick To Me" beispielsweise berührt Regionen, die erst Jahre später mit einem Stück wie "Hardly Getting Over It" (von "Candy Apple Grey", 1986) ganz erschlossen wurden. "Diane", "In A Free Land" und einige mehr kündigen die herzerweichenden Melodien bereits an, die in der Musik von Hüsker Dü unter einem enormen Lärmwall hervorkriechen und sich dann nachhaltig entfalten.

Die schöne Überwältigung: Während die Ansammlung von Körperpanzern, zu der Hardcore später geworden ist, im Rückblick vor allem trist wirkt, gelang es schon den wilden, jungen Hüsker Dü, auch im Geschrei und schnellen Geprügel die eigene Verletzbarkeit nicht zu negieren, sondern sie in einen Quell der Lebendigkeit zu verwandeln.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
mjj 21.12.2017
1. Makes no sense...
...at all war der erste Song, den ich Ende der Achtziger auf einem Mixed Tape gefunden und gehört hatte. Es war genau das, was man damals al junger Wilder gebraucht hatte. Leider war es das Jahr, in dem sich Hüsker Dü auflösten. Hardcore lag im Sterben. Doch knapp 1 Jahr später began in Seattle die letzte große Musikrevolution -Grunge. Ohne Hüsker Dü und anderen HC Bands undenkbar. Schön zu sehen, dass Hüsker Dü weiter lebt.
herrtesla 21.12.2017
2. Schön
geschrieben, Mann.
ericstrip 21.12.2017
3. Hey...
...in der Redaktion scheint es echte Fans zu geben (siehe auch der Grant Hart-Nachruf, der wirklich berührend geschrieben war). Ich sollte mal wieder "Metal Circus" auflegen, eine großartige Mini-LP, welche den Übergang Hüsker Düs vom frühen puren HC zum späteren Indierock festhält. Außerdem ist da "Diane" drauf.
twillos 21.12.2017
4. One way in, No way out
Schön,wenn sich auch nach über 30 Jahren,jemand an diese in der Tat aussergewöhnliche Band erinnert. Ich erinnere mich bei HÜSKER DÜ immer an so manche Fete, wo ich versuchte irgendeinen mitgebrachten Song von HÜSKER DÜ als Tape oder LP beim DJ unterzubringen. Klappte fast nie. Foreigner, ELO,Europe und Marillion hatten Vorrecht.So war das auf´m Dorf. Umso schöner ist es, jetzt des öfteren von HÜSKER DÜ zu lesen. Obendrein lassen sich die Artikel prima per Link verschicken und bringen hoffentlich einige Leute aus meiner alten Clique ins Grübeln. Danke dafür.
wobeast 21.12.2017
5. Danke
für den Artikel, sehr gelungen. Der letzte Satz hat mir vor Augen geführt, warum ich Land Speed Record immer noch für eine der besten Platten ever halte. Wenn ich sie auflege, kann ich immer noch drauf ausrasten. @twillos: leider im falschen Dorf auf falschen Partys gewesen. In unserem Dorf gabs ne Pizzeria mit separatem Billard-/Flipper-Raum. Das war unser Treffpunkt. Der Pizzabäcker hat uns seinen Kassettenplayer überlassen. Als die Flip your wig rauskam, lief die dort jedes Wochenende .... Divide & Conquer, Green Eyes, Makes no sense at all ... Ach war das geil.
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