Von Janko Tietz
Es wäre mal interessant zu erfahren, in welcher Stadt Musiker wirklich meinen, leben zu wollen, wenn sie in ihr gastieren und sagen "It's great to be back. It's a wonderful city and the place where I would like to live."
Man kann sich ziemlich sicher sein, dass David Sanborn das so in Zürich gesagt hat, in Berlin und demnächst vielleicht sogar so in Kassel und Burghausen sagen wird - wenngleich das ein ziemlich verwegener Gedanke ist. Auch das Hamburger Publikum wurde am vergangenen Samstag auf diese Weise umgarnt und klatschte artig beglückt ob des Kompliments. Es schien es zu glauben.
Sanborn war gekommen, um sein neues Album "Only Everything" vorzustellen. Der inzwischen 65-jährige Altsaxofonist kommt nicht allzu oft nach Deutschland, und so war der große Saal K6 im Kulturzentrum Kampnagel nahezu ausverkauft. Nach vielen Irrungen und Wirrungen hat Sanborn mit "Only Everything" eine Platte aufgenommen, mit der er sich ausdrücklich zu seinen Wurzeln im R&B und dem Soul-Jazz eines Hank Crawford und Ray Charles bekennt.
Es gibt nicht viele Musiker, die nur einen Ton spielen müssen und bei denen jeder sofort weiß, um wen es sich handelt. Sanborn ist so einer. Der Klang seines Altsaxofons ist so durchdringend, weich und klar - und damit unverwechselbar wie es nur wenigen seiner Kollegen gelingt. Schon David Bowie wusste das zu schätzen, als er den smarten Amerikaner 1974 als Sideman in seine Band holte, mit der er sein legendäres Album "Young Americans" einspielte. Ebenso die Rolling Stones, Eric Clapton, Randy Crawford oder Paul Simon nahmen Sanborns Dienste schon sehr früh in Anspruch.
Wahrscheinlich auch deshalb klebte recht schnell das Etikett "Jazz-Popper" an ihm, einer, der zwar wunderschön phrasiert, sämtliche Techniken beherrscht, die Ballade genauso schön spielt wie das Up-Tempo-Stück - aber alles in allem eben doch sehr smooth dabei klingt. Ein bisschen wie der Phil Collins des Jazz. Und genauso fleißig. Neben seiner Arbeit als Saxofon-Zierde für andere Musiker veröffentlichte Sanborn bislang mehr als 20 Solo-Alben.
Immer schnörkellos geradeaus
Jetzt will Sanborn beweisen, dass er mehr kann als nur eine markante Stimme zu sein im Soundgewitter der alltäglichen Platten-Veröffentlichungen. Er will zeigen, dass hinter der Gattung "Soul" auch tatsächlich eine Seele - seine Seele - steckt und er das Publikum berührt und emotional erfasst. Der Meister tritt sehr reduziert auf, im Trio mit dem Hammond-Organisten Joey DeFrancesco, der auch auf der CD mit von der Partie ist, und dem Schlagzeuger Gene Lake.
Nicht nur diese Formation, auch die komplett in Schwarz gehüllte Bühne soll Intimität und Nähe vermitteln. Sanborn beginnt mit "Comin' home baby" aus seinem Album "Time Again". Die Marschrichtung steht fest: straight forward. Schnörkellos geradeaus. DeFrancesco bearbeitet sein elektronisches Hammond-Imitat mal mit einer Wucht, wie es einst nur Jimmy Smith vermochte, mal verspielt wie Walter Wanderley, bei dessen Sound immer Assoziationen mit einer Kirmes-Orgel entstehen. So geht es weiter bei den Titeln "Brother Ray", dem Hank-Crawford-Stück "The Peeper" und dem Ray-Charles-Klassiker "Let the good times roll", bei dem DeFrancesco sogar den Ray Charles gibt und singt.
Sanborn bläst sein Horn. Er bläst es gut, vielleicht zu gut. Es gibt keine Reibungspunkte. Die Machart der Stücke ist am Ende immer dieselbe: Die drei spielen das Thema an, sachte und karg, stimmungsvoll, es beginnt zu grooven, das Publikum wippt mit, klatscht, und nach spätestens drei Minuten steigern die Musiker Tempo und Lautstärke. Irgendwann werden Sanborns Soli immer lang gezogener, höher, es quietscht gehörig, so als wolle er gleich abheben.
DeFrancesco wühlt dann nur noch in Akkorden, und für den Zuhörer offenbart sich ein würziger Soul-Klangbrei ohne Raum für Nuancen. Selbst Balladen sind davor nicht gefeit. Das Titel-Stück "Only Everything", das Sanborn eigens für seine kürzlich geborene Enkeltochter Genevieve komponiert hat, erstickt irgendwann im "Höher, Schneller, Weiter". Dabei weiß der Meister durchaus, was eine gute Ballade ausmacht. Sie sei der Test für jeden Spieler. "Das ist das Schwierigste, das man tun kann", sagt Sanborn in der aktuellen Ausgabe des Fachblattes "JazzPodium". "Du musst dabei Kontinuität im Denken haben, Du musst dich dabei wohlfühlen, Raum zu lassen, und du musst die Dynamik wirkungsvoll handhaben."
Steriler Soul-Jazz
Doch dem Amerikaner fehlt die Souveränität, Raum zu lassen, ihm fehlt die Gelassenheit, Dynamik nicht mit Tempo zu verwechseln. Intensität bedeutet für ihn offenbar das zielstrebige Zusteuern auf einen imaginären Höhepunkt. Der Zuhörer hingegen wünscht sich manchmal, dass langsame Stücke auch langsam bleiben, dass die Dosis an Tönen auch mal verringert wird. So aber wirkt Sanborns Soul-Jazz doch arg konstruiert, wenig authentisch und eigentümlich steril. Und das trotz der klassischen Orchestrierung mit dem Hammond-Sound.
Es ist zwar müßig, immer auf alte Recken zu verweisen und darauf, dass früher alles besser war. Doch Sanborns Geburtsort Tampa/Florida hat noch einen zweiten Altsaxofonisten von Format hervorgebracht: Cannonball Adderley, ebenfalls ein Musiker, der sich dem Soul-Jazz verschrieben hatte.
Wer einmal dessen Live-Aufnahmen "Do, Do, Do", "I Remember Bird" oder "Walk Tall", ein Mitschnitt für die Platte "74 Miles Away" von 1967 gehört hat, der wird spüren, dass man sich Soul nicht selbst verordnen kann. Weder für eine Platte noch für ein Konzert.
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