Saxofonist Sonny Rollins Die letzte Legende

Last Man standing: Der Tenorsaxofonist Sonny Rollins, 78, wird bei Konzerten üblicherweise mit stehenden Ovationen empfangen, bevor er einen Ton gespielt hat. Er ist der letzte musikalische Gigant der frühen Jazz-Ära - und tourt nun auch noch einmal durch Deutschland.

Von Ralf Dombrowski


Es ist diese seltsame Mischung aus Größenwahn und Bescheidenheit, die Sonny Rollins auf Trab hält. "Ich versuche immer noch, meine Musik zu perfektionieren", meint der 78-jährige Säulenheilige des modernen Jazz mit großväterlichem Lächeln: "Ich habe ein gewisses Talent, und es ist mein Job, es soweit auszubeuten, dass etwas dabei herauskommt." Und die Leute wollen es hören. Also macht er sich noch einmal auf den Weg, um die großen Konzertsäle Europas zu bespielen.

Beeindruckend im Rückblick auf sechs Jahrzehnte Jazzkarriere ist die Konsequenz, mit der Sonny Rollins seinen Konservatismus in punktuelle Innovation hat münden lassen. Als Spross einer musikbegeisterten Familie mit karibischen Wurzeln war ihm ein melodiebetones Traditionsbewusstsein mit auf den Weg gegeben worden. Als Teenager im New York der späten vierziger Jahre erlebte er die Gestalten des Übergangs vom Swing zum Bebop wie Coleman Hawkins, vor allem aber die nur wenige Jahre älteren Helden der Bewegung wie Charlie Parker, die mit Feuereifer an einem neuen künstlerischen Musikverständnis des Jazz arbeiteten.

"Ich habe als eine Art Wunderkind angefangen und konnte damals mit allen spielen, die etwas zu sagen hatten. Aber Musik an sich hat kein Ende. Ich denke, in meinem Alter gibt es zwei Sorten von Künstlern. Die einen bleiben an einem gewissen Punkt stehen und sind zufrieden mit Platituden. Ich verstehe mich nicht so. Meine Musik ist ein fortschreitender Prozess, und ich möchte immer noch besser werden." Ein sehr amerikanischer Traum, der dazu führt, dass Sonny Rollins tagtäglich seine zwei, drei Stunden übt, regelmäßig komponiert und sich nicht zur Ruhe setzen will, auch wenn er das materiell und musikhistorisch gesehen längst könnte.

Kunst und Pragmatik

Schließlich hat er einiges bewegt. Sonny Rollins war einer der ersten, der das strenge Formprinzip des Bebops relativierte und Melodiebögen über mehrere Chorusse hinweg gestaltete. Seine mächtige, die mittleren und tiefen Lagen bevorzugende Tongebung vom Hauchen bis zum wütend herausgeblasenen Schrei hat die Klangästhetik des Tenorsaxofons geprägt, sein bluesfundiertes Formverständnis dem diffundierenden Freigeist der Sechziger zu neuer Erdung verholfen. Zweifelte Ornette Coleman an der Attitüde der improvisierender Modernität, neigte John Coltrane dazu, im spirituellen Nirwana das Genre an sich zu transzendieren, so holten Rollins-Alben wie "The Bridge" (1962) die Skeptiker wieder auf den Boden künstlerischer Pragmatik zurück.

Darüber hinaus ist Sonny Rollins ein zentraler Exponent afroamerikanischen Künstlertums, hat von der "Freedom Suite" bis zu "St. Thomas" markante Kapitel des modern jazzigen Standardrepertoires geprägt und mit spektakulären Schaffenspausen Zeichen gegen die künstlerische Ausbeutung gesetzt. Ende der Fünfziger und Anfang der Sechziger zog er sich, jeweils auf dem Höhepunkt seiner Popularität, aus der Szene zurück: "Jazzmusiker hatten es schwer, an ihre Tantiemen zu kommen, überhaupt richtig bezahlt zu werden. Ich habe da auf meine eigene Art protestiert und aufgehört zu spielen. Außerdem studierte ich Philosophie, zog um die Welt. Ich wollte nicht, dass mir das Business diktiert, wie ich mein Leben zu führen und mit Musik umzugehen hätte. Ich wollte keinen fetten Kerl mit Zigarre, der sagt: Lasst ihn hier mal ein bisschen, da mal ein wenig spielen. Dagegen habe ich mich gewehrt."

Der neue, alte Rollins

Und das durchaus erfolgreich. Seit gut drei Jahrzehnten ist Sonny Rollins eine Konstante internationaler Festivals, und seine Honorare gelten als ebenso legendär wie die Konzerte selbst. Eine gefeierte Brasilientournee hat er vor wenigen Wochen hinter sich gebracht, und für fünf Abende macht er nun in Deutschland Station. Experimente stehen keine an, dafür die lebende Legende Sonny Rollins mit ihrer Mischung aus großen musikalischen Gesten und historischem Flair: "Ich habe keine neue Band, denn meine bisherige funktioniert als work in progress ausgezeichnet, aber ich bringe einige neue Musik mit, denn wir machen immer weiter und experimentieren mit frischen Stücken. Im Kern aber wird es ein klassisches Sonny-Rollins-Konzert sein."

Das ist eine gute Nachricht, denn es bedeutet, dass man sich für ein paar Stunden in die Zeit zurück versetzen kann, als Jazz noch Utopien provozierte, die die Künstler ebenso wie das Publikum beflügelten. "Für mich ist Jazz bis heute die Nummer eins", erklärt Sonny Rollins, diesmal ohne Lächeln mit profundem Ernst: "Im Jazz ist von allem etwas enthalten, und er hat diesen Aspekt der Freiheit, wenn Menschen improvisieren können, kreativ sein können. Jazz ist für mich die perfekte Musik mit all diesen Elementen. Er ist die 'Umbrella Music', und all die anderen Musiken kommen irgendwie von dieser Quelle oder hängen damit zusammen."


Sonny Rollins auf Tournee:
26.11. Alte Oper, Frankfurt
28.11. Musikhalle, Hamburg
01.12. Philharmonie, Berlin
04.12. Tonhalle, Düsseldorf
06.12. Philharmonie, München
09.12. Tonhalle Zürich



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