Saxofonistin Sandra Weckert "Es gefällt mir, ein Freak zu sein"

Das neue Album "Bar Jazz" der Berliner Saxofonistin Sandra Weckert ist eine der wenigen Überraschungen des deutschen Jazz-Jahres. Unerschrocken, humorvoll und originär präsentiert sich die 31-jährige Musikerin und beweist: Jazz lebt - sogar hierzulande.

Von Gerd Bauder


Saxofonistin Weckert: "Wer braucht schon belanglose Musik?"
Markus Brehm

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"Jazz ist nicht tot, Jazz riecht nur komisch," sagte Frank Zappa einmal. Auch wenn er dies wohl nicht ganz ernst gemeint haben mag, solcherlei und schlimmere Urteile bezüglich des Genres sind immer öfter zu hören. Regelmäßig wird Jazz tot gesagt. Nicht wenige verbinden mit dem Genre eine vergangene Epoche oder denken dabei an alte Männer, die unzugängliche Musik spielen. Allein, diese Klischees entsprechen kaum der Realität.

Tatsächlich ist der Jazz lebendig und populär wie lange nicht mehr. Indiz dafür ist zum einen, dass so mancher Popmusiker, wie etwa die House-Produzenten Carl Craig oder Matthew Herbert, inzwischen praktisch Jazz machen. Vor allem sind es aber die Jazzer selbst, die allmählich wieder ein breites Publikum erreichen. Bands wie das Esbjörn Svensson Trio oder Medeski, Martin & Wood geben weltweit ausverkaufte Konzerte. Und auch hierzulande spielen Acts wie das Tied & Tickled Trio, Underkarl und die Berliner Saxofonistin Sandra Weckert mit ihrer Combo "Exotische Früchte der Saison" schon lange nicht mehr in leeren Jazzclubs. Was all diese unterschiedlichen Bands eint, ist dabei, dass sie, wie Esbjörn Svensson es zuletzt nannte, "nicht so wirken wollen, wie alter Jazz."

Bei Sandra Weckert, deren drittes Album "Bar Jazz" kürzlich erschienen ist, klingt dieser "neue" Jazz, vor allem vielseitig und stilistisch offen. Ganz selbstverständlich stellt sie Bebop-Reminiszenzen neben HipHop-Grooves, exzessiven Jazzrock neben Klezmer und klassisch anmutende Kompositionen neben avantgardistische Soundcollagen. Verblüffend ist beim Hören ihrer CD, dass trotz aller stilistischer Disparität, nie der Eindruck der Beliebigkeit entsteht. Im Gesamten gehört, hat alles Sinn und ist am rechten Platz. "Der rote Faden," erklärt die Saxofonistin, "bin ich. Es sind meine Kompositionen, meine Geschichten. Ich spiele mein Leben. Alles geht auf konkrete Situationen zurück." Und wenn eine solche Situation beispielsweise dreckig gewesen sei, so klänge die Musik eben auch so. "Das Leben ist nun mal bunt und so zieht sich durch meine Platte ein regenbogenfarbener Faden. Und," fügt sie selbstbewusst hinzu, "die Leute finden das gut."

Das war nicht immer so. Lange Jahre sah sich Weckert für ihren nicht nur musikalischen Individualismus mit Ablehnung und Zurechtweisungen konfrontiert. Aufgewachsen in der DDR, deren Ende sie sechzehnjährig in ihrer Heimat Waren/Müritz erlebte, eckte sie früh mit dem System an. Ihr im Schulunterricht immer wieder geäußerter Unglaube gegenüber der staatliche Lehre, der Kapitalismus sei am Verrotten, brachte ihr schließlich gar eine Stasi-Akte ein. 1989 ging sie dann in den Westen, um sich ganz und gar der Musik zu widmen.

PR-Kampagne für Weckerts CD "Bar Jazz": "Die Leute haben die Nase voll von Puppen à la No Angels"
Markus Brehm

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Durch ihre Liebe zum Jazz geriet sie allerdings abermals an ein starres System: das der männerdominierten Jazz-Szene. Von stumpfen Anzüglichkeiten abgesehen, die auf das orales Vermögen der Saxofonistin abzielten, war es dabei vor allem das Jazzestablishment bundesrepublikanischer Hochschulen, das Weckert zunächst zu Schaffen machte. Mehrmals spielte sie an Hochschulen vor, musste sich indes von den prüfenden Dozenten bescheiden lassen, kein Talent zu haben. Man empfahl ihr gar, sich einen anderen Beruf zu suchen. Weckert aber entsann sich ihres Vorbilds Thelonious Monk, der sich in jungen Jahren ob seines eigenartigen Pianospiels hatte Ähnliches anhören müssen, heute aber als einer der großen des Bebop und Cool Jazz gilt. "Du gewöhnst dich irgendwann auch einfach daran," resümiert die Jazzmusikerin die damals erfahrene Ablehnung. Statt aufzugeben, entschloss sie sich, erst recht ihren eigenen Weg zu gehen.

Gemeinsam mit ihrem Mann Al Weckert, der sie in Pressearbeit und Vermarktung unterstützte, gründete sie Ende der Neunziger ihr Label "jazzfiles" und veröffentlichte die Alben "Way Out East" und "50 Sandra Weckert Fans Can't Be Wrong". Gleichzeitig tourte sie unermüdlich durch die Clubs der Republik. Jetzt nach fünf, sechs Jahren, in denen sie permanent komponiert, geprobt und gespielt hat, scheint Weckerts Rechnung langsam aufzugehen. Anfragen von renommierten Festivals wie der Jazzbaltica häufen sich und mit dem Label "Enja Records", auf dem "Bar Jazz" erschienen ist, weiß sie eine große Jazz-Plattenfirma hinter sich. "Ich denke, meine Band ist einfach einzigartig. Wir sind nicht austauschbar," erklärt sie sich deren Interesse. "Die Leute haben die Nase voll von Puppen à la No Angels. Ich wiederum bin gerne anders. Ich geb's zu, es gefällt mir, ein Freak zu sein."

Heute findet die Musikerin also Gefallen an ihrer Außenseiterposition. Ihre per se schon ungewöhnliche Rolle, als Frau im Jazz, die eben nicht singt, sondern Saxofon spielt, gestaltet sich durch ihr Vordringen in weitere Männerdomänen noch auffälliger. "Zusätzlich bin ich noch Bandleaderin, komponiere so gut wie alle Stücke meiner Band und nehme kein Blatt vor den Mund." So geht sie einerseits ganz offen mit ihrem "Scheitern" am Hochschulsystem um, kennt aber auch kein Pardon gegenüber Kollegen, wie etwa dem Trompeter Till Brönner. "Ohne Frage spielt er erstklassig, aber wer braucht seine belanglose Fahrstuhlmusik?"

Gerade gegen Belanglosigkeit spielt Weckert an. Sie möchte, dass man sich mit ihrer Musik auseinandersetzt und nachzudenken beginnt. "Das geht schon mit unserem Bandnamen "Exotische Früchte der Saison" los. Was soll das? Und weiter geht das bei den Titeln der einzelnen Stücke. Die sind nicht beliebig gewählt." Was es mit Songtiteln wie etwa "So, you are a musician? Well, my son doesn't get along with his life either", "Bebop For Germans From Germans" oder "No Vietcong Ever Called Me Nigger" auf sich hat, erklärt Weckert live anhand von erlebten oder auch spontan erfundenen Geschichten gerne ausgiebig. Auf Auslandstourneen, wie unlängst in Bolivien, lässt sie sich ihre Geschichten gar übersetzen, um sie dem Publikum vermitteln zu können.

Diese Bemühungen seien einerseits eine Sache des Respekts gegenüber dem Publikum. Andererseits honorierten die Zuschauer dies aber auch und reagierten um so mehr auf die Band. Und genau darum geht es der Saxofonistin: wirklich in Kontakt mit dem Publikum zu treten, eine gemeinsame "Energie" aufzubauen, ein gemeinsames Erlebnis zu evozieren. "Jazz ist Leben. Jazz ist mein Leben," meint die Musikerin beredt zum Abschluss. Und mit einem Male ist es ganz klar, warum Jazz alles andere als tot ist und auch nicht im entferntesten komisch riecht.



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