Geschichte des Saxofons Das Instrument, das die Nazis verbannen wollten

Im "Dritten Reich" galt es als "entartet", Puritaner sahen es als Phallussymbol aus dem Rotlichtmilieu: Ein neues Buch erzählt die faszinierende Geschichte des Saxofons und seines Erfinders Adolphe Sax, der vor 200 Jahren geboren wurde.

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Wo sonst Orgelklänge durch den hehren Raum hallen, klingt der Ton eines Saxofons. In der Grace Cathedral von San Francisco nahm Branford Marsalis das Album "In My Solitude" auf - Standards aus dem Jazzrepertoire, Improvisationen über eigene Stücke, eine Sonate des Bach-Sohnes Carl Philip Emanuel. Sein Solo-Konzert wiederholte der amerikanische Musiker am vergangenen Montag in der Altonaer Kulturkirche; das "Hamburger Abendblatt" feierte Marsalis' "mitreißenden Jazz-Alleingang".

Ein Saxofon als Soloinstrument in einem Gotteshaus! Über weite Zeiten war das unvorstellbar. Denn das Instrument mit dem Messing-Korpus und dem hölzernen Rohrblatt zur Tonerzeugung galt lange als Teufelszeug. Die Gesellschaft ortete es im Prostitutions- und Drogenmilieu; Leute erkannten im Saxofon ein Phallussymbol. Sein Ton wurde als "Gewinsel, Geschnarre, Gequäke" beschrieben. Die Nationalsozialisten wollten das Instrument verbannen. Ihr Plakat in der Kampagne gegen "entartete Musik" zeigte einen schwarzen Saxofonisten mit einem Judenstern am Revers. Jetzt ist die faszinierende Geschichte des Instruments und seines Erfinders im Buch "Saxofon(e)" nachzulesen, für das Kenner des Instruments wie Roger Willemsen und Hans-Jürgen Schaal Beiträge geschrieben haben.

"Verbot von Saxofonen und Negertänzen"

Der aus Belgien stammende Instrumentenbauer und Musiker Adolphe Sax (1814-1894) träumte von einem "Instrument, das im Charakter seiner Stimme den Streichinstrumenten nahekommt, aber mehr Kraft besitzt als diese". Er entwickelte um 1840 das nach ihm benannte Saxofon und versuchte in Paris, die Musikgrößen seiner Zeit für seine Erfindung zu begeistern. Tatsächlich bauten Hector Berlioz und Giacomo Meyerbeer in einige Kompositionen Saxofone ein. Und Richard Wagner plante für die Hirtenmelodie in "Tristan und Isolde" ein Sopransaxofon; er entschied sich schließlich aber für ein Waldhorn. Vollen Erfolg hatte Sax nur in der Militärmusik. Bei von ihm organisierten Kapellen-Wettstreits besiegten mit Saxofonen besetzte Gruppen traditionelle Brass Bands. Deshalb führte Frankreichs Kriegsministerium 1845 das neue Instrument ein.

Zum Kummer seines Erfinders - Sax ging dreimal bankrott und starb völlig verarmt - fand das Saxofon außer beim Militär wenig Anklang. Um 1900 gab es in den USA mehr Saxofone als in Europa; freilich war das Instrument vor allem als Revue-Gag beliebt. Das Image des Saxofons im frühen 20. Jahrhundert charakterisierte ein Titelbild des Münchner "Simplizissimus" von 1927: Eine dunkelhäutige Nackte (mit Josephine-Baker-Figur) bläst das Instrument umgeben von Faschingsmasken. Kein Wunder, dass der "Deutsche Frauenkampfbund gegen die Entartung des Volkslebens" das "Verbot von Saxofonen und Negertänzen" forderte. Solche Bestrebungen gab es während der Nazi-Diktatur - aber auch eine kuriose Gegenbewegung: Mit höchster Unterstützung hielten sich im Musikkorps der Luftwaffe Saxofone. Die Kapelle der modernsten aller Waffengattungen spielte unter anderem den Marsch "Und Hermann Göring heißt er".

"In den Rausch, in die dauernde Selbstüberschreitung"

Prägende musikalische Bedeutung fand das Saxofon erst ab den Dreißigerjahren. Das Genre des Jazz suchte ein Instrument mit der Ausdrucksstärke einer Trompete und der Beweglichkeit einer Klarinette - und kam auf das damals in Salonorchestern spielende Saxofon. Der Klarinettist Sidney Bechet stieg auf das Sopransaxofon um und machte es zum Leitinstrument seiner Band - viele nannten ihn fortan den "Trompeter ohne Trompete". Ungefähr zur gleichen Zeit entwickelte Coleman Hawkins auf dem Tenorsaxofon einen völlig neuen, kraftvollen Stil mit breitem Vibrato - und sein Instrument löste die Trompete als führendes Jazzinstrument ab. Bis heute argumentieren Fans, ob das Saxofon oder die Trompete wichtiger sind. Aber: "Kein Instrument verschlingt seine Solisten so sehr wie das Saxofon", schreibt Roger Willemsen, "es treibt sie in den Rausch, in die dauernde Selbstüberschreitung." Das trifft sicher zu auf Charlie Parker, den drogenkranken Schöpfer des Bebob, der nicht einmal 35 Jahre alt wurde. Und auf den Modern-Jazz-Pioner John Coltrane, der mit 41 Jahren starb.

Im mit 60 Abbildungen versehenen Buch wird auch die Konstruktion der Instrumente der Saxofon-Famlie dargestellt und das Saxofon im Symphonie- und Opernorchesterbetrieb beschrieben. Eine CD enthält Werke der klassischen Saxofon-Literatur. Warum keine Jazz-Beispiele? Das bleibt die vielleicht einzige Frage zu diesem lesenswerten Werk. Denn 200 Jahre nach der Geburt seines Erfinders erscheinen jeden Monat etliche Neuaufnahmen von Jazzsaxofonisten und Jazzsaxofonistinnen. So arrangierte die Berlinerin Silke Eberhard Stücke des 1964 verstorbenen US-Saxofonisten Eric Dolphy für ihre Bläsercombo Potsa Lotsa, und der norwegische Tenorsaxofonist Marius Neset bringt im Januar sein neues Album "Pinball" heraus. Silke Eberhard steht für eine wachsende Reihe von erstklassigen deutschen Jazzsaxofonistinnen. Neset gilt als Nachfolger von Jan Garbarek und zählt zu den "größten Entdeckungen des zeitgnössischen Jazz" (so der britische "Guardian").



insgesamt 10 Beiträge
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JuanCalato 30.11.2014
1. Nicht
Der Artikel ist ja durchaus lesenswert - nur zieht sich ein ebenso peinlicher wie lästiger Fehler hindurch: Es heißt trotz "neuer" Rechtschreibung niemals "Saxofon", sondern ausschließlich "Saxophon". Mit Ph. Es handelt sich nämlich nicht nur um eine technische Instrumentenbezeichnung wie Klavier oder Trompete, sondern um einen durch Adolphe Sax einst geschützen Eigennamen! Und als solcher wird erst eben nicht den jeweiligen Schreibmarotten unterworfen. Peinlich ist vor allem, dass der Schreiber sogar den richtigen (!) Buchtitel falsch angibt. Mit "f" statt "ph".
noalk 30.11.2014
2. Bebob
"Charlie Parker, den ... Schöpfer des Bebob" --- Lieber Herr Hielscher, das schmerzt beim Lesen Augen und Gehirn. B und P liegen auf der Tastatur so weit auseinander, dass kann kein Tippfehler sein.
cipo 30.11.2014
3.
"Kein Instrument verschlingt seine Solisten so sehr wie das Saxophon", schreibt Roger Willemsen, "es treibt sie in den Rausch, in die dauernde Selbstüberschreitung." Aha, und woher hat Willemsen diese Weisheit? Als Saxophonist kann ich das ganz und gar nicht bestätigen. Die beiden genannten früh Verblichenen (Parker und Coltrane) taugen als Beweis für die These auch nicht viel. Es gibt schließlich einige Saxophonisten, die auch in hohem Alter noch putzmunter: etwa die beiden 84-jährigen Sonny Rollins und Ornette Coleman oder der 81-jährige Wayne Shorter.
dat_fretchen 30.11.2014
4. Bitte...
...schreibt Saxophon und nicht Saxofon. Ich spiele es selbst und es schmerzt mir in den Augen!
noalk 30.11.2014
5. Weil sie rar sind
"Eine CD enthält Werke der klassischen Saxofon-Literatur. Warum keine Jazz-Beispiele?" --- CDs mit Saxophon-Jazz gibt es zuhauf, solcherlei Klänge hört man auch jeden Tag im Radio. Hingegen ist Saxophon-Klassik rar gesät - und schließlich hatte Adolphe Sax seine Erfindung eigentlich für die "klassische" Orchestermusik geschaffen. Soweit ich weiß, war er sein Leben lang traurig darüber, dass es in diesem Bereich weitgehend ignoriert wurde.
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