Saxophon-Quartette Einfach mal forsch den Bach blasen

Quartette bestehen nicht immer aus Streichern. Auch vier Saxophone können kammermusikalisch zulangen. Das Arcis-Quartett wie auch Berlage loten präzise die Grenzen zwischen Barock und Moderne aus.

Uwe Arens

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Natürlich klingt die Idee erst mal nur putzig: Johann Sebastian Bachs "Italienisches Konzert" arrangiert für vier Saxophone, ein virtuoses Kunststück. Aber da eben auch Pianisten wie Grigory Sokolov aus dem vermeintlich ausgelesenen Barock-Hit noch unerhörte Nuancen herauspräparieren können, gelingt es dem Arcis Saxophone Quartet mit Selbstbewusstsein und einer guten Portion künstlerischer Ambition, dem eingängigen Stück eine eigenwillige Holzbläser-Politur zu verpassen. Dass Claus Hierluksch (Sopran), Ricarda Fuss (Alt), Claudia Jope (Tenor) und Jure Knez (Bariton) ihre Instrumente beherrschen, versteht sich. Stärker aber wiegt, dass sie dieses Können innovativ einsetzen.

Vier Saxophone, das lässt zunächst ans World Saxophone Quartet denken, das vom Jazz kommend ein Äquivalent zum klassischen Streichquartett bilden wollte. Die Avantgarde-Jazzer Julius Hemphill, Hamiet Bluiett, Oliver Lake und David Murray schufen eine kunstvolle Form von Kammer-Jazz. Das Münchner Arcis Quartett nähert sich der Sache stilistisch von der klassischen Seite, ohne allerdings das Jazz-Idiom mit bluesigen Phrasierungen und rhythmischen Freiheiten zu übertragen. Dass bei Bach eine Prise Swing involviert ist, bewies schon Glenn Gould mit seiner epochalen Interpretation des "Italian Concerto".

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Saxophon-Quartette: Arcis und Berlage blasen Bach und Blues

Elegante Spannung

Klarheit im Arrangement und klangliche Perfektion mit makellosem Ansatz sind die Mittel des Arcis Quartetts auf ihrem neuen Album "Rasch" (Genuin): Bachs melodische Stringenz und die mitreißend fließende Variationenfülle des anfangs sehr eingängigen Kopfsatzthemas erforschen die vier Saxophone (Tenor, Alt, Sopran und Bariton) mit beinahe lässiger Eleganz, ohne auch nur eine Sekunde an Spannung zu verlieren. Harmonie, die im Team entstand: Das Arrangement besorgten die Arcis-Bläser selbst.

Ein wenig mehr Jazz-Feeling gönnen sich die Arcis-Saxplayer dann bei Gershwins "Porgy And Bess"-Suite, die ihnen prompt ein wenig zu sauber gerät: Natürlich fußt die Suite auf griffigen Themen aus Gershwins Oper, die ja stets in klassischem Rahmen aufgeführt wird. Aber hier siegt in der Arcis-Interpretation die schwindlig machende technische Brillanz. Ein Ballett auf dem musikalischen Hochseil, geerdet durch die Bariton-Parts von Jure Knez, der seine "Kanne" gern mal wie ein sonores Violoncello klingen lässt. Das "Summertime"-Thema gibt es dann jubilierend in der Sopran-Tonlage von Claus Hierluksch. Trotz aller wasserklaren Reinheit der Töne bestechen die Arcis-Protagonisten vor allem durch die subtilen Arrangements, in diesem Gershwin-Falle eingerichtet von Sylvain Dedenon.

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"Balance zwischen mentaler und physischer Kraft"

Nach welchen Kriterien wählte das Arcis-Ensemble sein Repertoire für dieses Album aus? "Wir wollten Stücke auf die CD bringen, die wir in unserer Besetzung überzeugend finden", erklärt Claus Hierluksch. "Dem ging ein sehr langer Reife- und Lernprozess voran, bei dem wir die Stücke immer wieder von verschiedenen Seiten beleuchtet und Ideen und Konzepte probiert haben, bis sich schließlich bei genau diesen drei Stücken die Zeit reif für eine Aufnahme angefühlt hat."

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Arcis Saxophon Quartett:
Rasch

Genuin (Note 1 Musikvertrieb); 19,99 Euro

Eine Auswahl, die viel Sorgfalt erforderte: "Eine Schwierigkeit war, eine Balance zu finden, die mentale und auch physische Kraft (Ansatzschonung, da es mehr als drei Tage Aufnahmen mit jeweils zehn bis zwölf Stunden waren) geschickt zu verteilen, aber trotzdem immer mit der nötigen hohen Präsenz und Spannung zu spielen - auch beim letzten Take", fasst es Hierluksch zusammen. "Aber auch klanglich durch Aufnahmetechnik und Mikrofonierung eine Balance zu finden, sodass das Hörergebnis dem Ideal in unserem Kopf nahekommt, war eine Herausforderung."

Freiheitsdrang und Kreativität

Viel Gefühl und Lust auf Neues bringen auch die vier Musikerinnen und Musiker vom Berlage Saxophone Quartet mit. Kurt Weills "Kanonensong" aus Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" strahlt als wohlbekannter Theater-Hit am Anfang ihrer CD noch beinahe konventionell. Mit Weiterem von Weill, aber auch nah verwandten Werken von Hanns Eisler ("Orchestral Suite op. 6") und klug Adaptiertem von Erwin Schulhoff ("Fünf Stücke für Streichquartett") spannt das Berlage-Ensemble den Bogen dann enorm.

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Das ehrgeizige Quartett - 2008 in Amsterdam gegründet - machte durch Auszeichnungen, eigenwilliges Repertoire und brillante Technik seither auf sich aufmerksam. Das neue Album "In Search of Freedom" (DGScene) vereint verfolgte und von autoritären Regimen verfemte Komponisten des 20. Jahrhunderts, deren musikalischer und persönlicher Freiheitsdrang politische und gesellschaftliche Fesseln mit Kreativität überwinden wollte. Neben den bekannteren Werken von Weill und Eisler ragt ihr Arrangement von Dmitri Schostakowitschs Streichquartett op. 110/8 heraus. Hohe Expressivität der Tongebung erzeugt ein beinahe höheres Hitze-Level als die Streicher-Urform. Es klingt wie neu: Das ist stets der beste Grund für Bearbeitungen.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
kajoter 23.04.2017
1. Ich mag keine Bearbeitungen
... und eigentlich gibt es auch keinen Grund für sie. Warum? Bach schrieb sein "Italienisches Konzert" für Tasteninstrumente und denen ist im Gegensatz zu Holzblasinstrumenten nun einmal eigen, dass sie einen gänzlich anderen, perkussiven Ton erzeugen - egal ob Cembalo, Clavichord oder modernes Piano. Und selbst wenn Bach Saxophone gekannt hätte, ist es mehr als zweifelhaft, ob er das Stück für sie geschrieben hätte. Gleiches gilt übrigens auch für das bekannteste Beispiel einer Bearbeitung, nämlich die der "Bilder einer Ausstellung" für Orchester. Gerade bei den Sätzen, die durch die perkussive Klangqualität des Pianos geprägt sind wie die "Unausgeschlüpften Küken" oder das "Große Tor" mit seinen Glockengeläut kann die populäre Orchesterfassung von Ravel der Originalkomposition fast nichts entgegensetzen. Deutlich schlechtere Beispiele liefern natürlich die hochromantischen Bearbeitungen der Bach-Orgelwerke und Beethoven-Sinfonien für Klavier. An ihnen sieht man deutlich, was an Bearbeitungen alles schief gehen kann, weil sie ganz ihrem Zeitgeist und der Selbstgefälligkeit der Bearbeiter verschrieben waren. Ja, Saxophonquartette sind momentan "in". Das merkt man auch daran, dass Musikjournalisten von ihnen Notiz nehmen. Aber Saxophone sind eben keine Chordophone mit Tasten und daher empfinde ich diese Bearbeitungen als völlig uninteressant. Natürlich leiden Saxophonquartette unter einem gewissen Repertoiremangel. Aber dann sollen sie Kompositionsaufträge oder -anregungen vergeben. Die Musikszene braucht sowieso neue Kompositionen.
thaecker 23.04.2017
2. Innovativ?
Ein Saxophonquartett, das Bach spielt, ist etwa so innovativ wie ein Auto mit 4 Rädern. Das Saxophonquartett war von Beginn (also ab der ersten Komposition, die, wenn ich mich nicht täusche über 100 Jahre alt ist) ein klassischer Klangkörper. noch bevor das Sax im Jazz seinen Siegeszug antratüberhaupt, wurden alle möglichen Streichquartette für Saxophon arrangiert. Es ist auch naheliegend, da das klassische Saxophon sich in der sinfonischen Musik sehr an den Streichern orientiert. Das World Saxophon Quartett war damals in den 80zigern? mit seinem Jazzkonzept innovativ... Das Quartett ist gut, aber auch die Drei Groschen Oper habe ich schon mehrfach gehört und selbst in dieser Besetzung gespielt. Die Puristen, die über solche Bearbeitungen mosern, habe leider keine Ahnung von Bach und von Musik im allgemeinen.
Tatjana.Horst 23.04.2017
3.
Zitat von kajoter... und eigentlich gibt es auch keinen Grund für sie. Warum? Bach schrieb sein "Italienisches Konzert" für Tasteninstrumente und denen ist im Gegensatz zu Holzblasinstrumenten nun einmal eigen, dass sie einen gänzlich anderen, perkussiven Ton erzeugen - egal ob Cembalo, Clavichord oder modernes Piano. Und selbst wenn Bach Saxophone gekannt hätte, ist es mehr als zweifelhaft, ob er das Stück für sie geschrieben hätte. Gleiches gilt übrigens auch für das bekannteste Beispiel einer Bearbeitung, nämlich die der "Bilder einer Ausstellung" für Orchester. Gerade bei den Sätzen, die durch die perkussive Klangqualität des Pianos geprägt sind wie die "Unausgeschlüpften Küken" oder das "Große Tor" mit seinen Glockengeläut kann die populäre Orchesterfassung von Ravel der Originalkomposition fast nichts entgegensetzen. Deutlich schlechtere Beispiele liefern natürlich die hochromantischen Bearbeitungen der Bach-Orgelwerke und Beethoven-Sinfonien für Klavier. An ihnen sieht man deutlich, was an Bearbeitungen alles schief gehen kann, weil sie ganz ihrem Zeitgeist und der Selbstgefälligkeit der Bearbeiter verschrieben waren. Ja, Saxophonquartette sind momentan "in". Das merkt man auch daran, dass Musikjournalisten von ihnen Notiz nehmen. Aber Saxophone sind eben keine Chordophone mit Tasten und daher empfinde ich diese Bearbeitungen als völlig uninteressant. Natürlich leiden Saxophonquartette unter einem gewissen Repertoiremangel. Aber dann sollen sie Kompositionsaufträge oder -anregungen vergeben. Die Musikszene braucht sowieso neue Kompositionen.
Im Video wird ja erzählt, dass Kompositionsaufträge ein Schwerpunkt der Arbeit des Quartetts ist. Insofern fehlt Ihrer Kritik ein wenig an Substanz.
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