Schlingensief-Projekt in Afrika "Er kam wie ein Messias"

Ein Opernhaus im Armenhaus? Christoph Schlingensiefs Idee, ausgerechnet im afrikanischen Burkina Faso ein zweites Bayreuth zu schaffen, wirkt nach seinem Tod noch tollkühner. Seine Weggefährten machen trotzdem weiter - schockiert, aber voller Energie.

Aus Burkina Faso berichtet Horand Knaup

Horand Knaup

Als ob der Zeremonienmeister selbst Regie geführt hätte. Der Himmel ist eine triefende Wolke, davor spannt sich ein mächtiger Regenbogen. Dann rollen Donnerschläge übers Land, das Grau öffnet sich, und es regnet wie aus Feuerwehrschläuchen über Laongo.

Gruß von oben. Ein Hügel bei Laongo, ein paar Hektar groß, ist der Ort, wo der im August verstorbene Regisseur Christoph Schlingensief sein Operndorf errichten wollte.

Laongo liegt in Burkina Faso, rund 40 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Ouagadougou. Das westafrikanische Land ist eine der ärmsten Regionen der Welt, und die Frage, die sich immer stellte, steht immer noch im Raum: Braucht Burkina Faso ein Operndorf?

Unbedingt, hätte Schlingensief gesagt. Aber nun ist er tot, seine Freunde und Unterstützer stehen noch immer unter Schock. Die Idee des Operndorfes, die schon immer verrückt war, erscheint noch ein bisschen verrückter. Und die Frage, ob Burkina Faso ein solches Operndorf braucht, ist noch ein bisschen schwieriger zu beantworten.

Lass die Vision nicht sterben

Francis Kéré sucht Zuflucht unter dem einzigen Wellblechdach, das der Ort zu bieten hat. Das Gemäuer der geplanten Schule, ein Toilettenhäuschen, ein Dutzend bunte Container mit Bühnengerät - viel mehr steht noch nicht in Laongo. Kéré, 45, ist der Mann, der es nun richten soll. Er ist Architekt, er stammt aus Burkina Faso, er hat das Projekt mit Schlingensief begonnen und soll das Vermächtnis bewahren.

Kéré steht unter Strom. Zum Gespräch kommt er mit einem dicken Paket Zeichnungen unterm Arm. Tag und Nacht hat er zuletzt gearbeitet, seit Monaten, immer wieder Änderungen, immer wieder neue Ideen - und dann der überraschende Tod seines Partners. In wenigen Tagen muss er nach Bamako in Mali, um einen Park einzuweihen, für dessen Planung er einen Preis bekommen hat. Im Oktober hat er eine Ausstellung im MoMA in New York. In Genf plant er das Museum fürs Internationale Rote Kreuz.

Und nebenher soll er das Operndorf betreuen. Geht das überhaupt?

Kéré stöhnt. "Sie glauben nicht, was das für ein Druck ist." Alle schauen sie auf ihn. Der "Verein Operndorf", die Freunde Schlingensiefs, der ehemalige Bundespräsident Köhler, die Regierung von Burkina Faso, die Medien. Und alle mit der stillen Hoffnung: Lass die Vision, so verrückt sie auch sein mag, nicht sterben.

Endlich mal positive Schlagzeilen aus Burkina Faso

Für Francis Kéré war das Projekt von Beginn an eine Achterbahnfahrt. Er ließ sich einfangen von der ungeheuren Energie, die Schlingensief ausstrahlte, von der Besessenheit eines Mannes, der den finalen Kampf seines Lebens führte. Der dieses Projekt unbedingt wollte, Bedenken beiseite schob, sich nicht beirren ließ, wie er sich nie hatte beirren lassen, wenn sich erst einmal eine Idee bei ihm eingenistet hatte. Selbst den damaligen Bundespräsidenten und den damaligen Außenminister hatte er mit seiner Begeisterung angesteckt.

Auch Kéré war entfacht und obendrein wohl ein bisschen stolz. Endlich machte seine Heimat mal nicht Schlagzeilen mit seinen 80 Prozent Analphabeten, mit seiner hohen Müttersterblichkeit und seiner Armut. Endlich gab es mal Positives zu berichten aus Burkina Faso. "Es war eine verrückte Idee", sagt er heute. "Und wer leistet sich heute noch verrückte Ideen?" Er schob seine Zweifel beiseite.

Für Schlingensief war es das Projekt seines Lebens. Sein Vermächtnis. Er kannte ein bisschen etwas von Afrika, nicht viel, aber er wusste von der Intensität des Kontinents. Im Guten wie im Schlechten. Von der Lebensfreude, den Grausamkeiten, von den irren Farben und den irren Nöten.

Vor allem aber wusste er um seine Krankheit. Es war Anfang 2009. Einen Lungenflügel hatte er schon verloren. Er reiste nach Kamerun, schon am Ende seiner Kraft, er reiste nach Burkina Faso. Er reiste, inspiriert von Henning Mankell, nach Mosambik. Das Goethe-Institut brachte ihn mit Francis Kéré zusammen. Er entschied sich für Burkina Faso. In Ouagadougou, der Hauptstadt, suchte er nach einem Ort für seine Idee. Die Regierung versuchte zu helfen, bot hier ein Stück Brache an, fuhr dort mit ihm hin. "Er suchte immer nach einem Hügel", sagt Kéré.

Schlingensief riss sie alle mit

Ein Hügel. Es war die Anleihe an Bayreuth, den Ort seines größten Triumphs. Gesagt hat er es so nie, aber als ihm an der Kultstätte der deutschen Hochkultur vier Sommer lang das Publikum für seinen "Parsifal" zu Füßen lag, wusste der zeitlebens sensible, unsichere Kultur-Anarcho und Bürgersohn, der sich zuvor nie an eine Oper herangetraut hatte: Er war angekommen. Er war akzeptiert. Denn so provozierend er auftrat, geliebt werden wollte er immer.

In Ouagadougou gab es keine Hügel. Schlingensief sah viele mögliche Orte, sie gefielen ihm nicht. In seiner Verzweiflung dachte er daran, einen Hügel aufschütten zu lassen. "Schließlich sind wir aufs Land rausgefahren", erinnert sich Kéré. Es war gerade Regenzeit in Burkina Faso. Als der Schwerkranke die Anhöhe bei Laongo erklommen hatte, fiel sein Blick auf weites Land, rote Erde und grüne Bäume. "Das ist es", rief er und fiel allen, die um ihn herumstanden, um den Hals. Er hatte nicht nur einen Hügel gefunden, sondern auch einen Ort der Kunst, der Ruhe, der Spiritualität. In der nahen Ebene stehen Steinskulpturen, und auf der Anhöhe suchen die Bauern der Umgebung den Kontakt zu ihren Geistern.

Schlingensief, der Enthusiast, riss sie alle mit. Auch die Regierung von Burkina Faso. Der Präsident besprach das Projekt im Kabinett, der Kultusminister half bei der Suche nach einem Grundstück. Filippe Savadogo, 56, empfängt im Konferenzzimmer seines Ministeriums, ein heruntergekommener Zweckbau im Herzen von Ouagadougou. Weil er in Paris Theater und Film studiert hat, fanden der Minister und Schlingensief schnell zusammen.

"Er kam wie ein Messias", sagt Savadogo, dabei habe er "Monate lang überhaupt nicht verstanden", was Schlingensief eigentlich wollte. Er habe das Konzept gelesen "und immer noch nichts verstanden". Ob er ihn heute verstanden hat, bleibt unklar, aber Savadogo sagt sehr deutlich: "Es ist eine Chance für uns."

Ein bekannter deutscher Regisseur, ein deutsches Staatsoberhaupt, deutsche Medien - nie war das arme Burkina Faso so interessant für das reiche Deutschland.

Und doch, was nach außen so machtvoll daherkam, war in Wirklichkeit ein zähes Ringen. Kéré, der Afrikaner, hatte eine Ahnung davon, welche Hürden und Klippen sich beim Bau des Dorfes auftun würden. Schlingensief, der Europäer, hatte keine Ahnung, dass allein das Erscheinen eines weißen Mannes mit einer spektakulären Idee in Afrika uneinlösbare Erwartungen schürt, Hoffnungen kreiert, Strukturen verändert.

Schlingensief träumte von einem kleinen Ökodorf, betrieben mit Solarstrom und Biomasse. Er kam mit einem großen Rucksack voller Begeisterung und Idealismus. Und der Erfahrung, dass allein der Enthusiasmus schier Unglaubliches bewegen kann.

Aber Afrika funktioniert anders. Das wusste er, theoretisch. Praktisch wollte er sich davon nicht aufhalten lassen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Haio Forler 19.10.2010
1. .
Zitat von sysopEin Opernhaus im Armenhaus? Christoph Schlingensiefs Idee, ausgerechnet im afrikanischen*Burkina Faso ein zweites*Bayreuth zu schaffen,*wirkt nach seinem Tod noch verrückter.*Seine*Weggefährten machen*trotzdem*weiter - schockiert, aber voller Energie. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,722081,00.html
Die Idee hat er bestimmt von Fitzcarraldo.
sic tacuisses 19.10.2010
2. Ein sehr schmaler Grat ist
Zitat von sysopEin Opernhaus im Armenhaus? Christoph Schlingensiefs Idee, ausgerechnet im afrikanischen*Burkina Faso ein zweites*Bayreuth zu schaffen,*wirkt nach seinem Tod noch verrückter.*Seine*Weggefährten machen*trotzdem*weiter - schockiert, aber voller Energie. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,722081,00.html
zwischen Genie und Wahnsinn.............
frank_lloyd_right 19.10.2010
3. Schlingensief war ein Lebenskünstler,
er hat sich wichtig genug gemacht (ab und an ein kleiner, gefahrloser Eklat), um damit/durch zu überleben. Ein einfallsreicher Hanswurst - war schon ironisch, daß er an Krebs gestorben ist - sowas von banal ! Na dann viel Spaß für die Mitläufer in Burkina Faso. Die haben ja nicht mnal Kindersoldaten - die brauchen da unten ganz großes Theater...
günterjoachim 19.10.2010
4. De mortuis...
De mortuis nil nisi bene - alles aber einfach lächerlich.
überzwerg 19.10.2010
5. Nun
Nun, ich vermute Mal die Leute dort bedürften wichtigerem, als mit europäischer Hochkultur beschallt zu werden. De mortuis nihil nise bene: aber dass ihm in Bayreuth das Publikum zu Füßen gelegen habe, davon kann keine Rede sein. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, einer Aufführung des Schlingensief'schen Parsifal im Festspielhaus beizuwohnen: Der Saal hat getobt, aber gewiss nicht vor Begeisterung; es handelte sich ja auch um wenig mehr als eine wirr-unverbindliche Bebilderung, mit der man problemlos hätte auch ein Dutzend anderer Opern hätte verhunzen können.
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