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Pop-Duo Schnipo Schranke: "Pisse ist ja kein besonders schlimmes Wort"

Ein Interview von

Newcomerinnen Schnipo Schranke: "Wir werden Popstars und megaberühmt!" Fotos
Jenny Schäfer

"Brauche Liebe, brauche Halt und einen, der mich knallt": Die Band Schnipo Schranke besingt in ihren Texten, was viele nicht aussprechen mögen. Ein Gespräch über Tabus, Feminismus und Rentner bei Klassikkonzerten.

Pisse. Lesen Sie jetzt weiter?

Pisse hat Schnipo Schranke bekannt gemacht. In dem gleichnamigen Song der Band um Friederike Ernst und Daniela Reis, beide Mitte 20, singen sie Zeilen wie "Hab meine Fürze angezündet" oder "Dein Handy mit den Arschbacken gehalten, nur um dich zu unterhalten". Im Musikvideo sieht man einen Penis, auf YouTube ist es gesperrt.

Reis und Ernst sitzen in einem Café in St. Pauli, unweit ihres Proberaums. Sie haben in Frankfurt klassische Musik studiert, dort haben sie sich auch zum ersten Mal getroffen, nicht im Hörsaal, sondern beim Rauchen im Hof. Irgendwann gaben sie das Cello und die Blockflöte auf, schrieben Texte, aus denen Songs wurden. Reis und Ernst gründeten eine Band, die sie nach einem Zitat von Kurt Krömer benannten, und zogen nach Hamburg, obwohl sie keine Ahnung von der Hamburger Schule hatten. "Wir hatten einfach Lust, uns vor Publikum nackig zu machen", sagt Reis und versinkt in ihrem Kapuzenpulli, während Ernst müde an ihrem Kakao nippt.

Jetzt haben Schnipo Schranke ihr erstes Album veröffentlicht, es heißt "Satt" (Buback Tonträger) und klingt wie ein Mixtape voller kaputter Chansons, interpretiert von einer Krautrock-All-Star-Band, in der Christiane Rösinger und die Gummibärenbande mitspielen. Die klugen Texte kreisen vor allem um die Liebe, thematisieren auch mal Körbchengrößen, Spermageschmack, Schamhaare, Pariser, vollgekackte Hosen und eben auch: Pisse.

Sind das noch Tabus, sieben Jahre nach "Feuchtgebiete"? Leben wir etwa in prüden Zeiten?

Daniela Reis: Ich nicht (lacht).

Friederike Ernst: "Pisse" fällt ja vor allem wegen der Wortwahl auf. Und das, obwohl Pisse noch nicht mal ein besonders schlimmes Wort ist. Jeder sagt das wahrscheinlich mindestens einmal am Tag.

SPIEGEL ONLINE: Muss man heute so über die Liebe singen, wie Sie es in "Pisse" tun: ungeschönt?

Reis: Man kann heute einfach nicht dieselbe Sprache benutzen wie vor 50 Jahren. Das ist öde und unspezifisch. Das ist Scheißhauslyrik. Für mich macht das keinen Sinn. Ich erzähle ja nichts, wenn ich mich nicht klar ausdrücke.

SPIEGEL ONLINE: Treffen Sie aus Ihrer Sicht den Zeitgeist mit dieser Sprache?

Reis: Wir treffen ihn, weil wir selbstverständlich mit derber Sprache umgehen. Jeder benutzt diese Wörter im Alltag. Also, ganz viele zumindest. Irgendwelche Spießer wahrscheinlich nicht. Wir treffen dadurch einen Nerv, ohne dass wir das aus feministischen Gründen machen oder versuchen zu provozieren. Wir wollen keinen neuen Maßstab setzen, wir setzen ihn voraus. Und bleiben dabei irgendwie charmant. Prollig wäre das Schlimmste.

SPIEGEL ONLINE: War Schnipo Schranke als Gegenbild zu einer glatten, seifigen Ästhetik und Sprache gedacht, die man heute zum Beispiel aus der Werbung kennt?

Reis: Nein. Eigentlich wollen wir nur angenommen werden, wie wir sind. Wir haben dieses "Wie wir sind" zur Kunst erhoben, um eine Daseinsberechtigung zu haben. Und natürlich auch, um Anerkennung zu erfahren. Wir schreiben halt, wie wir reden. Aber es ist schon so, dass wir oft anecken.

SPIEGEL ONLINE: War Ihnen bewusst, dass Sie Tabus ansprechen?

Reis: Das wussten wir schon. Aber wir wussten auch, dass da Leute sind, die das gut und lustig und ganz normal finden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben es schon erwähnt: Sie sehen sich nicht als feministische Band. Wieso eigentlich nicht?

Ernst: Das war für uns noch nie ein Thema, mit dem wir konfrontiert wurden.

Reis: Das erste Mal, dass wir überhaupt darüber nachgedacht haben, ob Schnipo Schranke feministisch ist oder nicht, war, als wir drauf angesprochen wurden, dass das ja feministisch sei.

Ernst: Wir wären gar nicht auf die Idee gekommen.

Reis: Wir finden das cool, wenn das Anklang findet in der Szene. Aber wir selbst brauchen das halt nicht. Wir hatten nie Probleme, als Frauen in der Gesellschaft. Wir bewegen uns einfach nicht in Kreisen, in denen man als Frau komisch behandelt wird.

SPIEGEL ONLINE: Einige Medien verwenden Schnipo Schranke als Aushängeschild eines neuen Feminismus, weil in Ihren Texten von einer nonkonformen weiblichen Körperlichkeit die Rede sei.

Reis: Das kann ja sein. Ich bin eh der Meinung, dass die meiste Kunst, die in der Gesellschaft was bewegt hat, Kunst war, die nicht gewollt gemacht wurde. Es geht immer nach hinten los, wenn man so was plant. Zum Beispiel Charlotte Roche mit "Feuchtgebiete": Als ich das Buch gelesen habe, ist mir gar nicht aufgefallen, dass sie so eine krasse Sprache benutzt. Ich fand das voll normal. Total affig, dass Roche dann gesagt hat, sie habe das extra gemacht, um den Leuten zu zeigen, dass auch Frauen Haare am Arsch haben. Meines Erachtens war das vorher schon klar. Total altmodisch.

SPIEGEL ONLINE: Die junge Journalistin Ronja von Rönne hat vor einigen Wochen eine Debatte mit einem Artikel über Feminismus angestoßen. Darin heißt es: "Ich weiß nicht, ob 'man' im Jahr 2015 in Deutschland den Feminismus braucht, ich brauche ihn nicht. Er ekelt mich eher an. Feminismus klingt für mich ähnlich antiquiert wie das Wort Bandsalat." Was sagen Sie zu diesen Zeilen?

Reis: Das ist halt, was ich meine. Wenn man das auf so einen Sockel stellt, ständig darüber spricht und davon ausgeht, dass alles so unfair läuft für die Frauen, dann bringt man uns ja erst in eine Außenseiterposition. Ich bin der Meinung, dass die nicht mehr gegeben ist. Natürlich, ich höre das auch manchmal, dass es immer noch Jobs gibt, die schlechter bezahlt sind, wenn du eine Frau bist. Da wurde politisch was verbaselt. Das ist so ein Überbleibsel.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt: "Wir hatten von Anfang an den Plan, dass wir megaberühmt werden." Geht es Ihnen also vor allem um den Ruhm?

Reis: Nein. Der Gedanke der Selbstverwirklichung ist in unserer Generation ja total präsent. Man wird ganz früh mit Stars konfrontiert. Ich habe viel "Bravo" gelesen und habe irgendwelche Leute angehimmelt. Wir haben uns einfach gefragt: Was fangen wir mit unserem Leben an? Wir machen einfach das Geilste, was uns einfällt.

SPIEGEL ONLINE: Popmusik.

Reis: Wir werden Popstars und megaberühmt! Zum einen aus der Verzweiflung heraus, zum anderen aber auch, weil die Möglichkeiten da sind. Es ist einfach Fakt, dass man alles machen kann, was man möchte. Und wenn man einen Nerv trifft, kann's funktionieren. Ich kann allerdings jetzt mit dem Gedanken, berühmt zu sein, überhaupt nichts mehr anfangen. Das war halt so eine fixe Idee. Jetzt denke ich: Hauptsache, ich habe meine Ruhe und das läuft irgendwie so vor sich hin.

SPIEGEL ONLINE: Schnipo Schranke war ja auch eine Art fixe Idee. Vorher haben Sie beide klassische Musik studiert. Bringt Ihnen das heute was?

Reis: Nur dass Schnipo Schranke eine Gegenreaktion auf das ist, was wir da gelernt haben.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Reis: Wir haben im Studium festgestellt, dass es keinen Sinn macht, ein Instrument zu perfektionieren und Sachen zu spielen, die schon tausend Millionen Leute vor dir gespielt haben. Du spielst vor einem Publikum voller Rentner, die das dann ein bisschen toll finden und am nächsten Tag wieder vergessen haben. Wir wollten halt auf die Bühne. Daher der Gedanke, Musik zu studieren. Irgendwann war klar, dass wir damit allerhöchstens an der Musikschule unterrichten werden. Da mussten wir überlegen: Was können wir machen, was sonst keiner kann?

SPIEGEL ONLINE: Gibt es irgendwo im Hinterkopf den Gedanken: Wenn es mit dem Pop nicht klappt, bleibt ja noch die Klassik?

Ernst: Das haben wir ziemlich sicher komplett an den Nagel gehängt.

Reis: Vor mir selbst schäme ich mich fast, dass ich mich so lange mit Klassik beschäftigt habe. Das war wie ein Brett vorm Kopf. Mittlerweile provoziert mich das richtig, wenn ich irgendwo lese, dass irgendein Orchester Mahlers Fünfte aufführt. Dann denke ich immer: Alter, warum? Wen schockt das?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 65 Beiträge
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1. Schön, wenn man was zu sagen hat...
Orthoklas 10.09.2015
... hauptsache anders sein und provozieren. Gähn!
2.
tpro, 10.09.2015
Wieder so ein Beispiel: Man muß nur durchgeknallt genug sein. Und schon hat man mediale Aufmerksamkeit.
3.
Lelas 10.09.2015
Kann den beiden mal jemand erklären, was "prollig" und was "charmant" bedeutet. Die "Damen" sind anscheinend sehr von sich selbst besoffen und scheinen das zu verwechseln.
4.
demiurg666 10.09.2015
Musikalisch unterer Durchschnitt, textlich kenne ich sowas seit den achtzigern, auch von Frauen. Dennoch kommen die beiden sympathisch daher und es ist eher peinlich wie die Fragen suggestiv versuchen die beiden dem unangenehmen Feminismus nah zu stellen. Das sind emanzipierte Frauen, dafür muss man nicht Feministin sein.
5.
aufmerksamer Leser 10.09.2015
Endlich mal wieder frische, provozierende Musik, die (nicht nur) zum Nachdenken anregt: Cluburlaub, Schrank, Beste Freunde, Live im Pudel, Herzinfarkt, ... - man kann schon süchtig werden. Viel Erfolgt!!
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