Schostakowitsch-Konzerte: Tja, besser geht's nicht

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Drei der besten Konzerte von Schostakowitsch sind auf einer CD vereint - und sie wurden kaum je besser interpretiert. Mit welcher Lust zum Beispiel der große Leonard Bernstein den Humor des Komponisten freilegt, ist schlicht und einfach überwältigend.

Schostakowitsch-Konzerte: Ein Bernstein voller Übermut Fotos
AP

Das Wort Charisma könnte für Leonard Bernstein erdacht sein: Wer Filmaufnahmen seiner Proben sieht oder seine Reihe "Young People's Concerts" mit Erläuterungen fürs Publikum hört, erlebt einen Zauberer, der mit Worten ähnlich überzeugend umgehen konnte wie mit Tönen. So nah kommt einem die abstrakte Musik selten.

Wie gediegen Bernstein auch das Piano beherrschte, kann man jetzt wieder auf einer Aufnahme des zweiten Klavierkonzerts op. 102 von Dmitrij Schostakowitsch hören, die Bernstein gleichzeitig dirigierte. 1961 entstand die Interpretation gemeinsam mit dem New York Philharmonic Orchestra, 43 Jahre alt war Bernstein damals und hörbar bester Laune. Das Konzert voller Virtuosität und stilistischer Sprünge entsprach dem Temperament und der Abenteuerlust des Künstlers, der ein paar Jahre zuvor mit "West Side Story" in der Popmusik gewildert hatte. Bernstein überwältigte auch die Klassikwelt mit seiner Persönlichkeit und seiner Lust auf Neues. Das seinerzeit nicht sonderlich populäre Schostakowitsch-Konzert passte da bestens.

Nur gut 18 Minuten dauert das Feuerwerk, das von Barock-Anklängen bis zu einem wild überdrehten Allegro reicht, von dem behauptet wird, es wolle die artistische Musik von Schostakowitschs Kollegen Sergej Prokofjew sanft karikieren. Die Diskussion über Humor in der Musik findet hier fruchtbares Anschauungsmaterial. Leonard Bernstein war zwar ein überaus ernsthafter und intellektueller Musiker, aber nie ein Trauerkloß. Gewidmet hat ihm dies Konzert der Komponist zwar nicht, verdient hätte er es allemal.

Ein extrem anspruchsvolles Werk

Dieser Ehren teilhaftig wurden die beiden Kollegen Bernsteins, die seine Interpretation auf einer neuen CD flankieren. Beides Genies auf ihrem Instrument, beides Ausnahmeerscheinungen in der Musikkultur des 20. Jahrhunderts, die perfekt zu Bernstein passen: David Oistrach und Mstislaw Rostropowitsch.

Der sonore, noble Ton Rostropowitschs lässt das Cellokonzert No. 1 op. 107 erstrahlen. Schostakowitsch war nicht nur ein großer Komponist, er kannte seine Interpreten. Das viersätzige, extrem anspruchsvolle Werk lag bei dem Meister aus Baku in besten Händen. Eugene Ormandy, mit dem Philadelphia Orchestra, agierte als Dirigent maßvoll, aber präzise und rhythmisch pointiert.

Kaum weniger perfekt behandelte David Oistrach gemeinsam mit den Leningrader Philharmonikern das ihm zugeeignete Violinkonzert No. 1 op. 99, bei dem der von seinen Musikern ebenso geachtete wie gefürchtete Jewgeny Mrawinsky am Pult stand, wie schon bei der Uraufführung 1955. Von ihm wird erzählt, dass ihm Konzertauftritte zuwider waren. Am liebsten hätte er nur geprobt - bis zur Perfektion, versteht sich - und dann von einem anderen das Ergebnis seines Drills vorführen lassen.

Oistrachs bezaubernder Ton

Von solchen Spannungen spürt man im ruhigen, souveränen Spiel Oistrachs nichts. Die technischen Klippen nahm der Mann aus Odessa ohne hörbare Anstrengung, und auch nach einem halben Jahrhundert bezaubert der Ton seines Instruments. Der machte Oistrach zu einem Star auch für ein breites Publikum. Das Konzert hatte Schostakowitsch schon Jahre zuvor fertiggestellt, bis ein Konzert-Impresario aus den USA davon erfuhr und lange bohrte, um das Werk zunächst in St. Petersburg (damals Leningrad), später in den USA aufzuführen. Damit es neu aussah und nicht etwa politisch unterdrückt, bekam es die frische Opuszahl 99.

Der letzte Satz des Violinkonzerts erinnert in seinem Übermut an den dritten Satz des Klavierkonzerts - und ermöglicht einen Vergleich der Spielweisen von Oistrach und Bernstein; was angesichts des bärbeißigen Humors von Schostakowitsch besonders interessant ist, der ja stets mit der kommunistischen Kulturpolitik und deren Willkür zu kämpfen hatte. Auch dieser aufrechte Überschwang sagt etwas über Zeit, Geist und Kultur in der damaligen Sowjetunion aus, wie viele Werke Schostakowitschs.

Drei seiner besten sind auf dieser CD vereint. Besser hat man sie wohl nie gehört.


CD
Dmitri Schostakowitsch: Three Concertos. Mit Mstislaw Rostropowitsch/Cello, Leonard Bernstein/Klavier, Ltg., David Oistrach/Violine; The Philadelphia Orchestra, Eugene Ormandy; New York Philharmonic; Leningrad Philharmonic Orchestra, Evgeni Mrawinski/Ltg. (Praga Digitals/Harmonia Mundi).

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Wo gibt's die CD?
rwin 25.08.2012
Das hört sich sehr vielversprechend an! Aber wie kommt man dran? Habe bei Praga Digitals/Harmonia Mundi nachgeschaut, nichts zu finden...
2.
Tom_Taler 25.08.2012
VÖ ist offiziell erst am 12. September. Eine Vinyledition fehlt noch, dann wäre ein Kauf auch lohnenswert.
3. VÖ ist offiziell erst am 12. September.
momentum 25.08.2012
Das könnte man auch dazuschreiben ... ich hab auch schon versucht zu bestellen %)
4. Diese wirklich wunderbare CD ist schon lieferbar..
spon-facebook-1584710697 25.08.2012
Habe die CD schon Mitte Juli erworben, bei L&P Classics in Berlin - ein sehr gutes Klassikfachgeschäft. Tel. 030-88043043 da kann man auch per Post bestellen. Bei der CD lohnt es sich...Habe auch nur 14,95 Euro bezahlt..
5.
momentum 25.08.2012
Danke ... dann schau ich 'mal ;)
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