Top-Geiger Tetzlaff Ein Quantum Swing für Schostakowitsch

Dmitri Schostakowitsch lag oft über Kreuz mit der Kulturpolitik der Sowjet-Herrscher. Doch die beiden Violinkonzerte triumphierten souverän über die Funktionäre - wie Top-Geiger Christian Tetzlaff jetzt noch mal nachvollziehbar macht.

Ondine/ Naxos

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Burlesk und übermütig endet Dmitri Schostakowitschs (1906-1975) erstes Violinkonzert. Als drehte der Komponist 1948 den Kultur-Oberen seiner Heimat UdSSR eine Nase. Die hatten kraft harter Vorgaben von der politischen Führung penibel darauf zu achten, dass die sowjetische Kunst mit Parteirichtlinien konform ging. Der politisch engagierte Schostakowitsch hatte durchaus Angst und Respekt vor diesen Funktionären (schließlich ging es unter Stalin oft genug um Leben und Tod), aber in seiner Musik war er den Kreml-Kritikastern stets mehr als eine Nasenlänge voraus.

Ein wunderbares Stück für Einsteiger: Mit diesem schnellen vierten Satz (Allegro con brio/Presto) darf man als Entdecker ruhig die Erstbesteigung des Mount Schostakowitsch beginnen, denn der Humor und die Sensibilität des Komponisten strömen förmlich aus jeder Note.

Der deutsche Violinvirtuose Christian Tetzlaff kennt sich mit Schostakowitsch bestens aus, und das Helsinki Philharmonic Orchestra unter John Storgårds sekundiert passend. Der Solist spielt eingebettet in einen dichten Orchestersound, was die oft harten Kontraste und die melodische Konzentration noch mehr betont. Den wilden Soli auf der Geige, mit dem Quantum Swing für Schostakowitsch, kann man sich später widmen.

Ich kann, weil ich will, was ich muss

Was im ersten Konzert op. 77 dunkel und drohend mit einem Nocturne beginnt, schwingt sich über das quirlige Scherzo und eine wuchtige Passacaglia (ein 13 Minuten langer dritter Satz) zu eben jener Burleske als krönenden Abschluss auf, die seinen Kritikern wohl sagen wollte: Seht, was immer ihr von mir wollt, ihr bekommt es. Aber auf meine Art. Mit Musik alles zu sagen, auch auf höchst diplomatische Art, das beherrschte Schostakowitsch perfekt. Ganz im Sinne von Kant: Ich kann, weil ich will, was ich muss.

Christian Tetzlaff spielt hier alle Mittel aus, dieses schwierige Konglomerat aus technischen Finessen und musikalischem Hochdruck zu realisieren. Wie man diese Burleske ganz anders spielen kann, zeigte etwa der nicht minder kompetente Vadim Repin gemeinsam mit dem dezent führenden Orchesterleiter Kent Nagano und dem Hallé Orchester. Der überließ dem Solisten in der Aufnahme von 1995 komplett die Bühne, gab nur Stichworte aus dem Ensemble, wodurch Repin natürlich noch mehr glänzen konnte: geht auch. Dämpft aber die Eleganz und Power des Superkonzertes leicht.

Christian Tetzlaff, 1966 in Hamburg geboren, pflegt ein breites Repertoire vom Barock bis zur Avantgarde, was ihn zu einem der gefragtesten Virtuosen in europäischen und amerikanischen Konzertsälen macht. Gemeinsam mit dem kongenialen Pianisten Leif Ove Andsnes und seiner Schwester, der Cellistin Tanja Tetzlaff, spielt er viel Kammermusik und unterrichtet regelmäßig hochbegabte Nachwuchsmusiker an der Kronberg Akademie im Taunus.

Die Verbindung von Finnland und Schostakowitsch lag auf der Hand, denn der Komponist begann seine Arbeit an dem ersten Violinkonzert in Repino am finnischen Meerbusen, nahe St. Petersburg. Ein bisschen von beiden Welten floss ein, sodass die Wahl des Helsinki Philharmonic Orchestra reizvoll erschien. Der Leiter John Storgårds gilt als großer Kenner und Förderer der Musik des 20. Jahrhunderts, begann seine musikalische Laufbahn als Geiger und gastierte bei zahlreichen internationalen Top-Orchestern. Sein geigerischer Background mag die gelungene Zusammenarbeit mit Christian Tetzlaff auch befördert haben.

Das zweite Violinkonzert op. 129 schrieb Schostakowitsch wiederum in seinem geliebten Repino, und auch 20 Jahre nach dem Erstling stand er wieder unter kritischer Beobachtung der Sowjet-Chefs, diesmal unter Leitung von Leonid Breschnew. Das Konzert klingt herber und spröder als op. 77, das verfeinerte Spätwerk Schostakowitschs wirft erste Schatten voraus. Wieder liefern Tetzlaff und Storgårds filigrane Dialoge zwischen Ensemble und Solist ab, die aus dem eher getragenen, diesmal dreisätzigen Werk eine melancholische, aber nicht resignative Botschaft herausarbeiten.

Aber auch diesmal gelang es Schostakowitsch, im letzten Satz wieder eine tänzerisch, rhythmisch witzige Pirouette zu drehen, ohne den Ernst des Konzertes zu diskreditieren: ein Meisterwerk in jeder Hinsicht.

In einer früheren Version dieses Artikels wurde Tanja Tetzlaff fälschlich als Bratscherin vorgestellt. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen - d. Red.


CD-Angaben:
Schostakowitsch: Violin Konzerte 1 & 2. Christian Tetzlaff, Violine; Helsinki Philharmonic Orchestra, Ltg. John Storgards. Ondine/Naxos; 17,99 Euro.



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Globaas 16.11.2014
1. Muss man sich nicht antun
Beide Violinkonzerte sind ziemlich atonales Gejaule. Selbst von David Oistrach nicht unbedingt hörenswert, obwohl der eine Geige mit wundervollem Ton spielte. Oistrach konnte nicht sehr anspruchsvoll sein, wen es um zeitgenössische sowjetische Komponisten ging. Der kämpfte sich auch wacker durch das Violin Concerto in D minor von Aram Khachaturian, das dem völlig misslungen war. Der Khachaturian ist der Komponist der Suite "Gayaneh", die ich für eine der besten Ballettmusiken der Neuzeit halte. Wer sich mal gedämpfte experimentelle Violinmusik anhören möchte, wo ein ganz Grosser der Branche die Möglichkeiten der Violine gemeinsam mit einem meisterhaften Violonisten ausprobierte und dabei das Melodiöse (also die Musik) nicht vergass: "VIVALDI, Concerti per Pisendel".
dingodog 16.11.2014
2. DER Komponist des 20. Jahrhunderts
Zitat von GlobaasBeide Violinkonzerte sind ziemlich atonales Gejaule. Selbst von David Oistrach nicht unbedingt hörenswert, obwohl der eine Geige mit wundervollem Ton spielte. Oistrach konnte nicht sehr anspruchsvoll sein, wen es um zeitgenössische sowjetische Komponisten ging. Der kämpfte sich auch wacker durch das Violin Concerto in D minor von Aram Khachaturian, das dem völlig misslungen war. Der Khachaturian ist der Komponist der Suite "Gayaneh", die ich für eine der besten Ballettmusiken der Neuzeit halte. Wer sich mal gedämpfte experimentelle Violinmusik anhören möchte, wo ein ganz Grosser der Branche die Möglichkeiten der Violine gemeinsam mit einem meisterhaften Violonisten ausprobierte und dabei das Melodiöse (also die Musik) nicht vergass: "VIVALDI, Concerti per Pisendel".
Wer Schostakowitschs Violinkonzerte als "atonales Gejaule" abtut, weiss nicht, wovon er spricht. Ich bin wahrlich kein Freund der "Neuen Musik", aber Schostakowitsch hat damit (und mit "atonal") absolut nullkommanichts zu tun. Er ist für mich die Brücke, die von der frühen Moderne mit Mahler und Strawinsky ins späte 20. Jahrhundert geführt hat. Und gerade die Violinkonzerte sind mit das spannendste, was er geschrieben hat (in Konkurrenz mit seinen Cellokonzerten). Hier noch ein Hinweis auf das Internetradio mit der höchsten Schostakowitsch-Quote: http://www.twentysound.net wird kommende Woche ziemlich viele Schostakowitsch-Werke spielen, die Violinkonzerte allerdings leider nicht mit Christian Tetzlaff.
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