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Schumann-Hommage: Ein ganzer Kerl dank Andreas

Von Kai Luehrs-Kaiser

So sehr nach Mann klang Schumann selten zuvor. Andreas Staier, der ewige Student unter den Pianisten, spielt die Werke des Düsseldorfer Tonsetzers ebenso salonhaft halbseiden wie inbrünstig intim - und legt damit eines seiner schönsten Alben vor.

Dass man für Mozart, Beethoven oder Schubert einen "je eigenen Tonfall" braucht, um das Idiom dieser Komponisten zu treffen, diese Idee findet Andreas Staier "total vage". Und die Frage danach deshalb unangemessen. Staier, seit gut 25 Jahren als Guru des Hammerklaviers verehrt (und für sein Temperament zuweilen gefürchtet), hadert zwar mit Robert Schumanns Metronom- und Tempovorschriften. Er durchforstet Quellenlagen und glaubt offenbar fester als andere an einen historisch besonderen, unverwechselbaren Zugang zum Komponisten. Aber worin der nun bestehen könne?

Pianist Staier: Guru des Hammerklaviers
Éric Manas

Pianist Staier: Guru des Hammerklaviers

Keine Ahnung.

Gerade diejenigen, die es mit der Wahrheit in der Musik besonders genau nehmen, zeigen am Ende umso bereitwilliger die leeren Hände vor – und berufen sich, wie Staier, darauf was sie "fühlen".

Gerade in diesem Herzenspunkt aber liegt der geborene Göttinger immer wieder verblüffend richtig. Seine neue CD mit Schumanns Klavierstücken unter dem Titel "Hommage à Bach" liest den verzweifelten Wahl-Düsseldorfer ganz von seiner Begeisterung für Johann Sebastian Bach her – und löst so beinahe das Rätsel um Schumanns Klaviermusik.

Die nämlich hat in den 150 Jahren seit dem Tod des Erz-Romantikers keinen wirklichen Klavier-Klassiker und Geheimnislüfter gefunden. Anders als Arthur Schnabel für Beethoven, Clara Haskil für Mozart oder Arthur Rubinstein für Chopin gibt es bei Schumann kaum einen einzigen Pianisten, dem man sich völlig anvertrauen möchte. Braucht man vielleicht auch nicht. Gewiss wäre Staier der letzte, der für sein Schumann-Bild unbedingte Deutungshoheit beanspruchen würde.

Mit seiner Schumann-Hommage, die Bach gewidmet ist (oder umgekehrt), hat Andreas Staier dennoch einen unverzärtelt männlichen, phantastisch perspektivreichen Schumann entdeckt.

Für seinen Schumann verwendet der 53-Jährige (der sich für Mozart und Clementi auf dem Hammerklavier, für Haydn auf dem Fortepiano einsetzte) erstmals einen Pariser Érard-Flügel aus dem Jahr 1837. Dadurch klingt alles so hinreißend hausmusikalisch und privat, salonhaft halbseiden und inbrünstig intim, als würde der verschrobene Klavier-Fex mal eben seinen Freunden zum Tee vorspielen.

Staiers matt klangvoller Klimperton verliert nie einen fast kindhaft trällernden Unschuldston, was zu den abgründigen "Waldscenen" in einen herben Gegensatz tritt. Nie klangen die Auszüge aus dem "Album für die Jugend" so pittoresk vereinsamt, die "Kinderscenen" so nach E.T.A. Hoffmann, die Fughetten op. 126 so sehr, als würde man das Land Bachs mit der maroden Seele suchen.

Staier, der es in der Vergangenheit stets verstand, sich abseits vom Big Business seine Freiräume zu bewahren, legt so eines seiner schönsten Alben seit Jahren vor – und das nicht zufällig bei jenem Label, bei dem man die eigenen Steckenpferde offenbar genialer reiten kann als irgendwo sonst: bei "Harmonia Mundi France".

Seit einem halbem Jahrhundert ist HMF aus den Krisen der Klassik-Branche als wohl phantasievollster Sieger hervorgegangen. "Bevor sich die Branche zu Tode gesiegt hatte", so Staier, gelang ihm der Wechsel in diesen Wunderkeller der deutschen Chefin Eva Coutaz.

Und nicht zuletzt sehen deren CDs (unter Verwendung von möglichst wenig Plastik) ja auch schöner aus als diejenigen der Konkurrenz.


CD Robert Schumann: "Hommage à Bach". Andreas Staier, Piano Érard (Harmonia Mundi France HMC 901989).

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
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1. Schaurig
rio_riester 17.12.2008
Schumann auf einem Pariser Érard-Flügel von 1837 - es bleibt den Hörern offenbar nichts erspart.
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