Orchester verwandelt Hassbrief in Musik "Wir brauchen mehr Liebe, nicht mehr Wut"

Das schwedische Helsingborg Symphonie Orchester hat aus dem homophoben Brief eines Konzertbesuchers das Musikstück "Schwuchtelzug" gemacht. Wie es dazu kam, erzählt der Tenor Rickard Söderberg im Interview.

Rickard Söderberg
Sören Vilks

Rickard Söderberg

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Der schwedische Tenor Rickard Söderberg, 43, setzt sich seit Jahren für die Rechte der LGBT-Community ein. Und auch bei einer seiner Shows spielt seine eigene Homosexualität eine Rolle. Gemeinsam mit dem Helsingborg Symphonie Orchester führt er das Stück "Frauenliebe und Leben" von Robert Schumann auf - ein Lied, in dem normalerweise eine Frau die Liebe zu ihrem Mann besingt. Das brachte ihm Anfang des Jahres allerdings den Ärger eines Konzertbesuchers ein.

In einem homophoben Brief wetterte der anonyme Schreiber gegen das Orchester, das "auf den Schwuchtelzug aufgesprungen" sei. Der Auftritt hätte ihn fast zum Kotzen gebracht, schreibt der unbekannte Verfasser weiter. Statt sich über die Hassbotschaft zu ärgern, hatte Söderberg eine Idee. Im Interview erzählt er, wie aus dem Brief das Musikstück "Bögtåget" (zu Deutsch "Schwuchtelzug") entstanden ist.

SPIEGEL ONLINE: Herr Söderberg, der Schreiber des Briefes hat sie ziemlich beleidigt. Was haben Sie gedacht, als Sie die Worte das erste Mal gelesen haben.

Söderberg: Ich dachte: "Schwuchtelzug? - Das klingt toll. Ich möchte mit diesem Schwuchtelzug fahren." Aber im Ernst, wenn man Worte, wie sie in dem Brief standen, liest, möchte man eigentlich schreien und ausrasten. Aber ich denke, dass man Hass nicht mit Hass bekämpfen kann. Es gibt schon genug Wut in der Welt. Wir brauchen nicht noch mehr davon, sondern mehr Liebe.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie so auf die Idee gekommen, aus dem Brief ein Musikstück zu machen?

Söderberg: Genau. Ich wollte diese Hassbotschaft nehmen und sie in etwas Schönes verwandeln. So können wir den beleidigenden Worten auch etwas Humorvolles entgegensetzen. Außerdem hat der Brief bei genauerer Betrachtung auch etwas Poetisches.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Idee dann in die Tat umgesetzt?

Söderberg: Ich bin zu unserem Regisseur Frederik Österling gegangen und habe ihm von meinem Plan erzählt. Österling ist auch Komponist und er war sofort dabei. Das Lied ist nun ein klassisches Musikstück geworden, wie ich sie auch normalerweise singe. Daher fiel mir der Gesang nicht schwer. Das Textlernen war schon etwas komplizierter. Wir haben den gesamten Brief vertont - von "sehr geehrte Damen und Herren" über die Beleidigungen bis zum Abschiedsgruß.

Rickard Söderberg hat einen Auszug des Liedes auf Facebook gepostet:

SPIEGEL ONLINE: Vor Kurzem haben Sie das Lied gemeinsam mit dem Orchester zum ersten Mal aufgeführt. Wie hat das Publikum reagiert?

Söderberg: Das Publikum schien begeistert. Es gab viel Applaus für das Stück. Und auch nach dem Auftritt gab es viele positive Reaktionen. Nun wollen wir das Lied an weiteren Terminen aufführen und auch eine Aufnahme davon machen. Das hatten wir eigentlich nicht geplant. Aber ich freue mich, wenn unsere Aktion für Interesse sorgt und andere vielleicht auch inspiriert.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, der anonyme Briefschreiber hat von ihrem Projekt erfahren?

Söderberg: Das hoffe ich sehr. Vor der Aufführung des Stückes habe ich in den Lokalzeitungen eine Anzeige geschaltet, um den Schreiber einzuladen. Ich hatte extra zwei Stühle für ihn und eine Begleitung reservieren lassen. Leider blieben die Plätze leer. Ich hätte mich gern nach dem Auftritt mit der Person zusammengesetzt, einen Kaffee getrunken und einfach geredet. Vielleicht ein anderes Mal.



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