Schwule Rapper: Muskelspiel mit Homogangster

Von Tim Stüttgen

Der Berliner Rapper G-Hot verunglimpfte Schwule und flog bei seinem Label raus. Hätte er doch einfach mal bei Deadlee und anderen homosexuellen HipHoppern reingehört. Dann wüsste er: Schwul reimt sich auf cool.

Bist du schwul oder was? Kaum eine Frage wird in der HipHop-Szene öfter gestellt - und ist abwertender gemeint. Während sich auch noch nach Jahrzehnten die Stile im Rap jede Saison ändern, bleibt das S-Wort eine der Konstanten im HipHop-Milieu. Dabei ist nur selten homosexuelle Orientierung gemeint. Vielmehr funktioniert das Schwule als ein Schimpfwort unter vielen, eine Schmäh-Vokabel, die die angebliche Männlichkeit des Gegners in Frage stellt wie auch alles andere, was nicht in die heile Welt eines harten MCs zu passen scheint. Sind Rapper also gar nicht homophob, denken sie nur zu wenig nach? Jein.



Wie so oft wird in der HipHop-Kultur ein Konflikt erst ernst genommen, wenn jemand das Fass zum Überlaufen bringt. Der zugegebenermaßen eindeutig über das Ziel hinaus schießende G-Hot, seines Zeichens langsam aber sicher aufgebautes MC-Talent der notorischen Tabubrecher Aggro Berlin, steht seit einigen Tagen unter öffentlichem Beschuss und wurde sogar vom großen Proll-Label gefeuert.

Der Grund ist ein alter Song namens "Keine Toleranz", den ein Dritter ohne das Wissen von Künstler und Label ins Netz gestellt haben soll. Im Track lebt der begrenzt talentierte MC seine Massakerphantasien aus und erzählt davon, wie er mit zehn Maschinengewehren zum Christopher Street Day geht, um für Heterosexuelle zu kämpfen.

Hohn mit Tradition

Dabei verdeckt der Rauswurf des pubertären Homohassers nur scheinbar die seit Jahren gekonnt gesetzten Skandale des Labels, die schon immer auf Sexismus und Rassismus setzten. Glaubhaft sind die Distanzierungsversuche vom Label genauso wenig wie die nun folgenden vom Künstler. Verlieren werden beide - und sei es ein paar aufgescheuchte Bravo-Leser oder aufrecht schwulenfeindliche Rap-Fans.

Auch in Amerika hat Homophobie im HipHop eine lange Tradition. Begriffe wie "Homo" oder "Fag" (Schwuchtel) finden sich in den Gangster-Reimen von Ice Cube und 50 Cent genauso wie in den politisch reflektierten Texten von Public Enemy oder Common. Dass Worte verletzen können und die konsumbereite Jugend sie nur zu gerne ernst nimmt, müssten die US-Rapper eigentlich mitbekommen haben, da ihnen das Gleiche seit Jahrzehnten in Sachen Rassismus wiederfährt.

Kritik an diesem Zustand blieb lange aus. Bis vor zwei Jahren Rap-Superstar Kanye West bei einem MTV-Auftritt überraschend klare Worte fand: "Das Wort 'gay' ist für viele Rapper zu einem Schimpfwort verkommen. Und das muss man stoppen." Die Tatsache, dass Kanye früher aufgrund seiner Ästhetik als "Mama's Boy" verunglimpft wurde, habe ihn selber homophob gemacht.

Erst das öffentliche Coming Out seines Cousins wäre der Wendepunkt seiner vollkommen irrationalen Wahrnehmung gewesen: "Ich dachte: Mensch, er ist mein Cousin, und ich liebe ihn. Er wird diskriminiert, weil er schwul ist – und das ist falsch. Im Hip-Hop ging es immer darum, seine Meinung zu sagen und Barrieren einzureißen. Doch jeder in der Hip-Hop-Szene diskriminiert Homosexuelle. Es ist aber nicht nur im Hip-Hop so – ganz Amerika diskriminiert. So möchte ich über das Fernsehen meinen Kollegen und Freunden mitteilen: Yo, hört auf damit!"

Vorsicht, "Latino-Schwuchtel"!

Dass es auch anders geht, beweist mittlerweile eine ständig anwachsende Szene, von der man vor wenigen Jahren kaum zu träumen gewagt hätte: Homohop. Internetnetzwerke und das jahrelange Engagement der schwulen und lesbischen Gemeinden haben mittlerweile eigene Rap-Ikonen hervorgebracht, die sich langsam aber sicher anwachsender Popularität erfreuen, wie man auf jährlich stattfindenden Homohop-Festivals in San Francisco, Oakland oder London erleben kann. In den USA und England, aber auch in Berlin, finden seit wenigen Jahren regelmäßig die ersten queeren Rap-Parties statt. Sie beweisen, dass nichts mit der Form Hip Hop falsch läuft, sondern höchstens mit ein paar ihrer Protagonisten.

Einer der charismatischsten queeren Rapper zurzeit ist Deadlee, ein tätowierter, muskelbepackter Mittdreißiger, der sich selbst gerne "Homogangster" nennt und vom Look auch in die Crew von Cypress Hill passen könnte. Stundenlang kann er von Diskriminierung und Demütigung in der Szene berichten, seine Lust am Rappen verliert er hingegen nicht: "Die meisten Leute trauen sich nicht, mich anzufassen, weil sie wissen, dass die Latino-Schwuchtel Deadlee ihren Arsch versohlen wird. Ich kann glücklich sein, dass sich die ganze queere Community immer mehr verbunden hat. Wir haben unsere eigenen Labels, unsere eigenen "Plattformen", unsere eigenen Strukturen."

Auf besagten "Webpages" finden sich auch lesbische Rapperinnen wie die maskuline God-Dess, die mit ihrer femininen Partnerin She ein Duo bildet, in dem sich Rap und Gesang abwechseln. God-Dess stimmt zwar zu, dass homosexuelle Männer mehr mit mit Übergriffen in der Szene zu kämpfen haben als lesbische Frauen.

Andererseits seien Lesben noch unterrepräsentierter als ihre männlichen Kollegen. "Und das besonders, wenn die Frauen eine selbst verwaltete Sexualität ausdrücken und nicht die typischen Sexobjekte geben", erklärt die Rapperin, die Insider aus einem Auftritt aus der amerikanischen TV-Serie "The L-World" kennen. "Manchmal weiß ich auch gar nicht, was das größte Problem an meiner Identität für andere Leute darstellt: meine Queerness, mein Weißsein in der HipHop-Kultur, die Tatsache dass ich Jüdin oder die Tatsache, dass ich eine Frau bin."

Sieht man sich ein bisschen in der queeren Rap-Szene um, wird schnell deutlich, wie viele verschiedene Identitäten sich dort versammeln. Die verrückten Girls von Screamclub, welche an eine Kreuzung der Beastie Boys und Chicks on Speed erinnern, der Londonder Q-Boy, welcher als schwuler Pinup durchgehen könnte, der Transgender-Mann Katastrophe oder die afroamerikanischen Conscious-Rapper des Deep Dick Collective sprengen jedes Klischee, dass der Mainstream ihnen anhängt.

So ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die ersten Rapstars outen oder geoutete Newcomer die gute alte Hetero-Hop-Welt aufmischen werden. Bist du schwul oder was? Was sonst!

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