Science-fiction-Sammelband: Die Wildnis der Vorstadt
Wie das Leben in den Megacities mal aussehen könnte, beschreiben fünf neue Stars der Science-fiction-Literatur in dem Buch "Metatropolis". Ihre düsteren Zukunftsphantasien wirken allerdings bedrohlich alltagsnah.
Kurzgeschichten-Band "Metatropolis": Die technischen Entwicklungen lassen typische Science-fiction-Themen plötzlich sehr gegenwärtig erscheinen
In New St. Louis gibt es keine Arbeitslosen. Nach der Schule oder spätestens bis zum 21. Geburtstag muss man dort seinen Eignungstest für die berufliche Qualifikation absolviert haben. Wer das verschlampt oder ignoriert, fliegt raus und muss die Stadt verlassen. Dann stehen Beamte mit den Ausweisungsunterlagen vor der Tür: "Sie eskortierten ihn zur Stadtgrenze, drückten ihm eine Kreditkarte im Wert von sechzehn Unzen Gold in die Hand und winkten ihm zum Abschied zu. Jetzt wohnte Marcus draußen, im heruntergekommenen Kreis der Vorstädte rund um das neue und alte St. Louis, den wir als 'Wildnis' bezeichneten, und tat dort das, was auch immer die Leute in der Wildnis mit ihrer Zeit anstellen." So malt sich der amerikanische Science-fiction-Autor John Scalzi eine mögliche Zukunft des Miteinanders in amerikanischen Großstädten aus. Wobei mit "groß" hier gewaltig gemeint ist, also die Ballungszentren die man dieser Tage als "Megacities" bezeichnet.
"Metatropolis" heißt ein neuer, von John Scalzi herausgegebener und konzipierter Sammelband mit Kurzgeschichten. Thematisch verbindet die fünf Erzählungen nur, dass sie Entwürfe bieten, wie die Städte der Zukunft aussehen könnten. Ihrer Phantasie freien Lauf lassen fünf neue Stars des Science-fiction-Genres: Die Autoren Karl Schroeder, Tobias Buckell, Elizabeth Bear, Jay Lake und selbstverständlich Gastgeber John Scalzi, deren Werke bereits mit vielen Preisen ("Hugo" etc.) ausgezeichnet wurden und deren Bücher auch regelmäßig auf der Bestseller-Liste der "New York Times" zu finden sind.
Einzige Gemeinsamkeit ist der Pessimismus
"Metatropolis" ist für John Scalzi eine "Stadt die über die Stadt hinausgeht", wie er im Vorwort schreibt. Herausgekommen sind dabei, wie wohl bei allen Sammelarbeiten verschiedener Künstler, sehr unterschiedliche Perspektiven auf eine Zukunft der "Megacities". Die einzige Gemeinsamkeit hier ist der Pessimismus, die Ahnung, dass alles nur schlimmer wird.
Gemeinsam hatten die Autoren auch das Problem, dass Science-fiction-Autoren neuen Herausforderungen ausgesetzt sind, seit sich die Realität für viele Menschen längst wie ein surrealer Zukunftstraum anfühlt. Die rasanten technischen Entwicklungen der vergangenen Jahre von Smartphones zu sozialen Netzwerken, von virtueller Realität bis zum Ebook lassen viele typische Science-fiction-Themen plötzlich sehr gegenwärtig erscheinen. Die Vorstellung, dass die Weltmacht USA bankrott gehen könnte, wäre früher großer Science-fiction-Märchenstoff gewesen und ist heute ein ernsthaft diskutiertes, beängstigendes und vorstellbares Szenario.
Städte beschäftigten und inspirierten Science-fiction-Denker schon immer: von Fritz Langs Filmklassiker "Metropolis" bis zum monströs überzeichneten Los Angeles in "Blade Runner", der Ridley-Scott-Verfilmung des berühmten Phillip-K.-Dick-Romans "Träumen Roboter von elektrischen Schafen?"; von den menschenfeindlichen Wohnblöcken, die der Brite J. G. Ballard in seinem Roman "High Rise" Mitte der Siebziger prognostizierte, bis hin zum Stadt-Moloch im Videospiel "Final Fantasy". Das alles scheint in diesem Jahrtausend vorstellbar.
Die Möglichkeiten, die John Scalzi und seine Gang in "Metatropolis" ausführen, scheinen nur einen kleinen Schritt von der Zukunft entfernt. Trotzdem bieten die fünf Science-fiction-Meister viele spannende Ideen, wilde Einfälle, verspielte Möglichkeiten und letztlich faszinierende Unterhaltung. Der Herausgeber sieht diese Sammlung als Denkanstoß. Und wenn alles ganz anders kommt, ist es ihm auch herzlich egal: "Wir sind doch nur Schriftsteller", schreibt er.
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- Montag, 24.01.2011 – 08:41 Uhr
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John Scalzi (Hg.):
Metatropolis.
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kempen.
Heyne Verlag, München; 412 Seiten; 8,99 Euro.
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