Klarinetten-Virtuose Sebastian Manz Beinahe heroische Größe

Carl Maria von Weber schrieb hinreißende Werke für die Klarinette. Sebastian Manz wollte keine halben Sachen machen und nahm gleich alle auf. Richtige Entscheidung!

Marco Borggreve

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Klar, individuell, beweglich: Völlig zu Recht war im Jazz lange Zeit die Klarinette zusammen mit der hell glänzenden Trompete das beliebteste Blasinstrument, bevor das Saxofon die Spitzenposition streitig machte. Der biegsame, federnde Ton, den innovative Interpreten persönlich und sofort identifizierbar formen konnten, begeisterte unmittelbar.

Das funktioniert bis heute: Der erfolgreiche zeitgenössische Komponist Jörg Widmann, auch ein begeisternder Klarinettenvirtuose, schmetterte zur Eröffnung des Pierre-Boulez-Konzertsaales in Berlin seine Solo-Fantasie, bei der er fröhliche Anleihen bei George Gershwins "Rhapsody in Blue" tätigte. Die Klarinette als Brückeninstrument von der Klassik zur Moderne begründete allerdings schon Carl Maria von Weber (1786-1826). Sowohl Kammermusik als auch Konzertstücke mit Orchester prägen sein Oeuvre, für das dem produktiven Komponisten nur 40 Lebensjahre zur Verfügung standen.

Benny Goodman inspirierte

Die Klarinettenwerke passen auf zwei Compact Discs, und der 1986 in Hannover geborene Instrumentalist Sebastian Manz hat sie jetzt alle eingespielt. Offenbar war ihm dies eine Herzensangelegenheit, denn die Begeisterung und stetige Suche nach der rechten Stimmungslage und dem optimalen Ausdruck spürt man förmlich in jeder Note. Benny Goodman hat ihn einst durch seine Interpretation zu Weber inspiriert, und das hört man heute noch. Perfekt, animierend, jubilierend sollte es sein: Die Apotheose eines Instrumentes, der Lobgesang für einen grandiosen Komponisten, der mit dem "Freischütz" zwar das Meisterwerk der Romantik gelieferte hatte, aber keineswegs sein einziges.

Auf jeden Fall bieten Webers kammermusikalische Werke größere Freiheit, sich mit seinen Ideen individuell auseinanderzusetzen - wozu auch Tongebung, Tempo, Akzente gehören. Womit man fast wieder beim Jazz landet.

Spieltechnik und romantischer Ausdruck

Gleich zu Anfang darf der Solist sich beim großen konzertanten Duo op. 48 in drei fulminanten Sätzen markant einbringen, was die Sache nicht einfacher macht. Schließlich hatte Weber die Stücke für den seinerzeit berühmten Klarinettisten Heinrich Bärmann komponiert, dessen Genie Weber faszinierte. Zur geforderten Spieltechnik kommt eine ganze Palette romantischen Musikausdrucks, was oft schon an den "Freischütz" denken lässt.

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Sebastian Manz: Ganz klar die swingendste Klarinette

Die Variationen auf ein Thema aus seiner Oper "Silvana" sind ebenfalls dem Virtuosen Bärmann gewidmet und entsprechend attraktiv: Mit schlichter Grazie bezirzt das Thema, umso charmanter wirken die sieben Varianten mit ihren turbulenten, verflochtenen Wendungen voller Übermut.

Pure Glücksmomente

Ein perfekter Gegensatz zum beinahe schubertisch ernsthaft dräuenden Klarinettenquintett Op. 34, dessen vier Sätze von düsterer Größe bis hin zu himmelstürmender Grandezza reichen. Ein schnelleres Quasi-Menuetto (Capriccio presto) gab es wohl nie, der Solist kann mit Atemtechnik und fast witziger Tongebung glänzen. Und beim finalen Rondo-Galopp geht Post noch einmal richtig ab. Ein echter Hit, so unmittelbar packen Instrument und Ensemble den Hörer.

Sebastians Manz' kraftvoller Ton schwingt sich beim Klarinettenkonzert Nr. 1 in f-Moll mühelos zu beinahe heroischer Größe auf. So bietet er dem romantisch aufbrausendem Orchester bestens Paroli und macht das dreisätzige Werk gemeinsam mit dem SWR Stuttgart Radio Symphony Orchestra unter Antonio Méndez zu einem Prunkstück voller Dramatik, in dem nicht allein die Spieltechnik triumphiert, sondern besonders im zweiten Satz (Adagio ma non troppo) der romantische, fast dichterische Duktus.

Fleißig auf Konzertreisen

Sebastian Manz kostet die grazilen und emotional aufgeladenen Melodielinien des Soloparts aus, ohne sie zu überreizen. Speziell die Partien mit den Hörnern bescheren pure Glücksmomente. Dass dieses Orchester und der Virtuose so nahtlos kooperieren, ist der Tatsache geschuldet, dass man sich längere Zeit schon sehr gut kennt. Sebastian Manz bläst seit 2010 als erster Solist die Klarinette in ebendiesem SWR-Orchester, und das mit Begeisterung und Erfolg. Eine Harmonie, die jeder hören kann.

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Auch mit seinem Klavierpartner Martin Klett verbindet Sebastian Manz eine langjährige Zusammenarbeit: Als "Duo Riul" hatten beide bereits 2008 den Deutschen Musikwettbewerb gewonnen. Zwei Echo Klassik-Preise für seine Klarinettenkünste wurden Sebastian Manz überdies zuteil.

Immer wieder entdeckt Manz auch fast vergessene Werke der Konzertliteratur für sein Instrument wieder. So das Klarinettenquintett des österreichischen Komponisten Robert Fuchs (1847-1927), das er ohne Zögern in die Nähe von Johannes Brahms rückte. Wer Sebastian Manz live erleben will, hat 2017 reichlich Gelegenheit dazu: Der fleißige Solist ist ständig auf Festivals und in Konzertsälen zu hören.



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insgesamt 3 Beiträge
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Stephanie M. 12.03.2017
1. Geheimtipp
Sebastian Manz habe ich vor wenigen Jahren im KonzerthausDO in der Reihe für internationale Shootingstars Junge Wilde entdeckt. Das war ein wunderbares Erlebnis. Er bespielte dort drei Jahre lang tolle unterschiedlichste Konzerte. Mittlerweile zählt er zu einer der besten Klarinettisten des Landes und ich verfolge seine Live-Konzerte im Internet bei den SWR Web Concerts mit dem SWR Symphonieorchester, ein echter Geheimtipp.
bezim 12.03.2017
2. Benny Goodman als Vorbild
wenn B. G.' s Weber-Interpretation als Vorbild deklariert werden und sie es tatsächlich sind werde ich mir die Doppelcd nicht kaufen. Ich liebe die Aufnahme mit dem Mozart Konzert und dem Quartett. Goodman hatte Mozart sehr gut interpretiert, mit der deutschen Romantik konnte nach meiner Meinung nichts anfangen.
Menschundrecht 12.03.2017
3. Heroen und Heroinen
Bitte um Entschuldigung, habe bei dem Komponisten dieses Klavierkonzerts (http://www.spiegel.de/forum/blog/exklusiver-text-von-ulrike-meinhof-diesem-deutschland-moechte-ich-alt-werden-thread-500235-1.html#postbit_47012036) Mozart mit Beethoven verwechselt. Ob mit Beethoven, Mozart oder Strauss, glaube ich, dass einen Knall haben und schon irgendwie verfassungsfeindlich sein muss, wer Leute nach ihrem Tod zu Menschen von beinahe heroischer Größe verklärt, die doch nur Terroristen und MörderInnen waren. Von alledem ist Herr Manz bestimmt weit entfernt, ihm auch weiter viel Glück und Erfolg.
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