SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

01. Juni 2018, 15:29 Uhr

Zum Tod von Seeed-Sänger Demba Nabé

Er schuf Berliner Momente

Von Max Dax

Mit "Dickes B" lieferte das Soundsystem Seeed die Hymne zum neuen Selbstverständnis Berlins nach der Wende. Mittendrin: Demba Nabé, dessen Solowerk Richtungen zeigte, in die sich Seeed hätte entwickeln können.

Die Geschichte von Seeed - und somit auch die von Demba Nabé alias Boundzound aus dem Nordost-Berliner Stadtteil Buch -, gehört zu den fantastischsten Erzählungen einer Generation.

Es waren der Mauerfall, die Wiedervereinigung, die quasi leer stehende, dem Verfall anheimgegebene Stadt Ost-Berlin, die eine kreative explosionsartige Vergrößerung der Musikszene ganz Berlins zur Folge hatten. Die Implosion staatlicher Ordnung im politischen Vakuum der Wendezeit nach 1989 führte zur Kultur der besetzten Häuser, illegalen Technoclubs und geheimen Abrissbars - und mittendrin: Seeed.

Als sich Seeed als elfköpfiges Ragga- und Dancehall-Soundsystem um die drei MCs Peter Fox, Dellé und eben Demba Nabé im Jahr 1998 gründen, erleben die Musiker einen magischen Augenblick in einer Stadt, die sich in Freiheit wähnt und die eigene Aufbruchstimmung feiert. Erste Lebenszeichen erscheinen auf dem Label DownBeat in Berlin.

Gleich mit ihrem ersten Album auf dem Majorlabel Warner, dem epochalen "New Dubby Conquerors" aus dem Jahr 2001, eroberten Seeed Fans und Charts im Marihuanasturm. Bis heute gilt ihr erster Hit "Dickes B" als Hymne des neuen Selbstverständnisses der vereinigten Metropole. Der Hunger nach einem (auch) deutschsprachigen, sich musikalisch aber klar international an Dancehall-Soundsystems aus Kingston, Bristol und London-Brixton orientierenden Ragga-Entwurf war von ihrem Durchbruch an schier unstillbar. Ein Höhepunkt war der Auftritt zur Eröffnung der Fußball-WM 2006 in München, als Seeed vor geschätzt 1,5 Milliarden Zuschauern ihren Song "Schwinger" mit großer Choreografie präsentierten.

Treibend, wild und überbordend

Mit diesem Erfolg waren Seeed allerdings auch vereinnahmt worden von der Wohlfühlgesellschaft der 2006 noch taufrischen Merkel-Republik, dem sogenannten Sommermärchen "der Mannschaft" und einer Gesellschaft, die sich vor allem über symbolische Zeichen als weltoffen, frei und antirassistisch neu formulierte.

Vielleicht auch unter dem Eindruck dieser Vereinnahmung begann Demba Nabé ab 2007, unter seinem Alias Boundzound eigene Songs jenseits des Seeed-Kollektivs zu veröffentlichen. Seinen künstlerischen Durchbruch als Solist schaffte er im selben Jahr mit seinem Hit "Louder".

Unterscheidungs- und Alleinstellungsmerkmale zu Seeed gab es durchaus: Boundzounds Tracks vermittelten, wie Robert Defcon 2007 in der "Spex" schrieb, "eine Ahnung von Bond-Pathos und Schifrin-Bläsern, von Timbaland-geschulten Ragga- und Hip-Hop-Styles". Demba Nabé gestattete sich damit einen im Kern ähnlichen und doch ganz eigenen Sound, der es ihm erlaubte, unabhängig von Seeed einer eigenen Karriere nachzugehen.

Insbesondere seine bereits 2003 erschienenen frühen Aufnahmen unter dem Alias Appear auf dem kurzlebigen, aber wunderbaren Berliner Label Freispiel gelten heute unter kritischen Seeed-Fans als denkbare Blaupausen, wie ein zukünftiger Bandsound sich hätte angehört haben können - so treibend, wild und überbordend waren die Beats und die Cuts, mit denen er sich als Appear in totalem musikalischen Freispiel regelrecht austobte.

Im Sommer 2012 veröffentlichten Seeed ihre bislang letzte, selbst betitelte Platte, und im Sommer 2015 gaben sie ihre letzten Festivalkonzerte in Deutschland. Als vor knapp einem Monat, am Mittwoch, den 9. Mai, eine neue Tournee von Seeed für 2019 angekündigt wurde, brachen die Server des Tourneeveranstalters zeitweise zusammen, so unerwartet groß war der Run auf die Tickets.

Wenn man als Band einen solchen Status erreicht hat, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man bewahrt den eigenen Sound, oder man öffnet sich experimentell neuen Richtungen und Flavours. Gut möglich, dass es Demba Nabé gewesen wäre, der hier im Besitz seines Erfahrungsschatzes als Boundzound eine große Rolle zu einer möglichen Neupositionierung beigetragen hätte.

Leider bleibt die Zukunft unvollendet. Der unberechenbare Demba Nabé starb völlig überraschend am 31. Mai mit nur 46 Jahren in Berlin. Die Todesursache ist unbekannt.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH