Vorzeige-Oper Lyon: Geiler Puccini, Dicker!

Aus Lyon berichtet

Breakdancer und gestylte Checker, die freiwillig in die Oper gehen? In Lyon ist das normal. Opernchef Serge Dorny schafft dort, wovon andere Häuser träumen: Er öffnet die als elitär geltende Kunstform für Leute aus Subkulturen und sozialen Brennpunkten - ohne sich musikalisch anzubiedern.

Kulturcrossover in Lyon: Holt die Breaker in die Oper! Fotos
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Manchmal fällt es schwer, Schritt zu halten. Wenn Serge Dorny durch enge Gänge und über verwinkelte Treppen eilt zum Beispiel, bis ins Obergeschoss der Glaskuppel seines Opernhauses. Von dort oben blickt man herab auf die Stadt Lyon, deren Entscheidungsträger 2003 die hervorragende Idee hatten, ihn zum Chef ihrer Oper zu machen. Der kreative Wirbelwind hat dem Haus zu einer Blüte verholfen. Heute lieben Lyoner ihr Musikhaus - und zwar so gut wie alle Lyoner, egal, ob sie arm sind oder reich, ob sie alt sind oder jung.

Dorny, ein gebürtiger Flame, lenkte zuvor die Geschicke des London Philharmonic Orchestra. Jetzt sitzt er seit über acht Jahren in Lyon, in einem modernistischen Umbau mit spektakulärer Kuppel, den Jean Nouvel 1989 durchführte. Der Star-Architekt war auch für die neue Berliner Lindenoper im Gespräch. So etwas wie sein Stilbruch mitten in der Stadt Lyon, der den alten Säulenbau mit Glas und Bögen deckelt wie eine Käseglocke, war den Berlinern aber wohl zu extrem - was schade ist. Denn der Neubau hat etwas Ironisches, Leichtes - und er macht den Betrieb buchstäblich transparent. Wer dort verwaltet und plant, hat stets die Stadt im Blick. Das prägte auch die Arbeit des Chefs.

Dornys Grundidee war so einfach wie schlüssig: Damit die Oper im 21. Jahrhundert weiterlebt, müssen möglichst viele Menschen etwas von ihr haben; das bildungsbeflissene Bürgertum sowieso, vor allem aber junge Menschen, auch und gerade aus unteren sozialen Schichten, denen klassische Musik und Oper oft nicht nur fremd, sondern sogar feindlich erscheint.

Einige seiner neuen Fans fand Dorny praktischerweise direkt vor der Tür. Den Lyoner HipHoppern gefiel der Eingangsbereich der Oper: feiner Marmorgrund, der sich perfekt für Breakdance eignet. Das Publikum war ihnen dort sicher, denn direkt gegenüber liegt das Rathaus der Stadt - Bürger, Touristen und Politiker flanieren hier längs, mehr Laufkundschaft kann sich kein Künstler wünschen.

Die Oper ruft und alle kommen

Serge Dorny suchte also kurz nach Amtsantritt den Kontakt zu den HipHoppern, gewann ihr Vertrauen, verschaffte ihnen Übungsräume, sorgte für technische Mittel - und sponsorte die Breakdance-Truppe Lyons schließlich sogar zum WM-Titel. Das war nur der Auftakt: Seither blüht das Miteinander der Kulturen. Kindern und Jugendlichen wird in Zusammenarbeit mit den Schulen eine musikalische Ausbildung ermöglicht, gemeinsam erarbeitete Projekte auf die Bühne gebracht. Und mittendrin ist immer die Oper.

Ein Patentrezept für alle Opernhäuser? Sicher nicht. "Jede Stadt besitzt einen besonderen sozialen und kulturellen Kontext, eine eigene Geschichte", sagt Dorny. Aber klar sei: "Oper muss für alle da sein. Lyon hat eine große Tradition in der Industrie und Textilmanufaktur, die Stadt besitzt seit jeher einen wichtigen Bevölkerungsanteil an Migranten aus aller Herren Länder - Italiener, dann Armenier aus der Türkei, später Nordafrikaner. Sie leben heute vor allem in den Vororten, manchmal in sozialen Brennpunkten."

Als zum Jahresbeginn 2012 das neue Projekt "Puccini plus" aus der Taufe gehoben wurde, konnte man am Premierenabend ein buntes Publikum bewundern, das durch die Drehtüren und über die Rolltreppen in die Oper drängte: klassische Opernfreunde in Schlips und Anzug, lässig-luschige Alternative im Lehrer-Look, gestylte Gutverdiener. Und dazu rund ein Drittel junge bis sehr junge Menschen, die sich für den Anlass aufgebretzelt hatten, erkennbar ohne Eltern-Order. Oper ist ein Ereignis in Lyon. Aber eines, das sich viele leisten können und wollen.

Die günstigste Karte für Dornys Haus kostet fünf Euro. Dafür wurde die oberste Kategorie von 60 auf 90 Euro verteuert. Ergebnis: ausgelastetes Haus, gesunde Bilanz. Eine Produktion wie jüngst "Die Nase" von Dmitri Schostakowitsch, keine leichte Kost, wurde zu 97 Prozent ausverkauft. Die Lyoner kommen nicht nur, wenn Verdi auf dem Spielplan steht, sie kommen immer.

Gemeinsam günstiger

Giacomo Puccinis Opern-Dreier "Il Trittico", bestehend aus "Der Mantel", "Schwester Angelica" und dem burlesken "Gianni Schicchi" wurde Werken von avantgardistischen Zeitgenossen Puccinis gegenübergestellt: Arnold Schönberg, Alexander von Zemlinsky und Paul Hindemith. "Das Thema heißt: Was ist Modernität?" erklärt Serge Dorny die Kombination. "Eine sehr aktuelle Frage, wie unsere Besessenheit von Mode, neuen Häusern, von neuem Stil. Schönbergs dodekaphonisches System war die Moderne seiner Zeit, er wollte die Tonalität komplett abschaffen. Doch am Ende kehrte er zum Ausgangspunkt zurück."

Was didaktisch klingt, machte auf der Bühne Spaß - das Premierenpublikum war begeistert. Die Reibungen, etwa zwischen dem süffigen Wohllaut Puccinis und der bohrenden Atonalität Schönbergs, elektrisierten. Man verstand, worum es ging. Was Dorny auch wichtig ist: "Die Oper darf nicht nur Kennern vorbehalten sein, denjenigen, die kulturelle als auch materielle Mittel zu Genüge besitzen."

Für Bezahlbarkeit sorgt in Lyon neben Planung und schlankem Personal-Apparat auch das "Stagione"-Prinzip: Produktionen werden meist nur eine Saison gespielt, in Zusammenarbeit mit anderen Häusern entwickelt und inszeniert, Musiker und Mitarbeiter speziell dafür engagiert. Das spart Kosten für festangestelltes Personal (wie bei deutschen Theater und Opernhäusern) und bringt optimale Teams zusammen.

Natürlich steht Lyon in Konkurrenz zur übermächtigen Metropole Paris. Den künstlerischen Fehdehandschuh nahm Serge Dorny 2003 gern und - wie sich schnell zeigte - mit Erfolg auf. So erfolgreich, dass manche von seinem Wechsel in die Hauptstadt munkeln. Aber auch das ist ein Kennzeichen seiner guten Arbeit: Auf dem Lyoner Fundament könnte ein engagierter Nachfolger aufbauen. Er oder sie wären auch gut beraten, das zu tun: So viel Akzeptanz für eine scheinbar antiquierte Kunstform findet man selten. Und am Geld liegt es hier nicht.

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
mko 30.03.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEBreakdancer und gestylte Checker, die freiwillig in die Oper gehen? In Lyon ist das normal. Opernchef Serge Dorny schafft dort, wovon andere Häuser träumen: Er öffnet die als elitär geltende Kunstform für Leute aus Subkulturen und sozialen Brennpunkten - ohne sich musikalisch anzubiedern. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,822974,00.html
Ich war schon einige Male in der Oper in Lyon. Besucher aus sozialen Brennpunkten habe ich noch keine gesehen, die halten sich eher am Platz vor der Oper auf und ueben Breakdance. Das Publikum besteht aus gutsituierten Franzosen. Allerdings kommen tatsaechlich viele junge Leute. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man als Student in Lyon mit dem "Pass Culture" sehr billig pro Jahr zwei Operntickets (bei freier Platzwahl) kaufen kann. So kriegt man schon mal einen Platz der sonst 90€ kostet fuer 4€. Das fuellt die Oper und auch alle anderen Institutionen fuer die man mit dem Pass Culture Tickets kaufen kann. In Paris gibt's fuer Studenten aehnliche Subventionen.
2.
schwarzsauer 31.03.2012
Digga!!!
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Zur Person
  • Jean Louis Fernandez
    Serge Dorny, 1962 im flämischen Teil Belgiens geboren, studierte zunächst Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und Kommunikation in Gent und leitet seit 2003 das Lyoner Opernhaus. Zuvor arbeitete er ab 1983 unter Gérard Mortier als Musikdramaturg am Théatre de la Monnaie in Brüssel, dann ab 1987 als Leiter des Festival des Flandres. 1996 holte ihn das London Philharmonic Orchestra als künstlerischen Leiter, dazu übernahm er den Bereich Oper des britischen Glyndebourne Festivals. Seine Arbeit in Lyon gilt als beispielhaft und zukunftsweisend für den modernen Operbetrieb.