Shoegaze-Nostalgie Briten, die auf den Boden starren

Lange galt "Shoegaze" als lahmste Episode des britischen Indie-Rock. In den letzten Jahren hat sich der Wind gedreht. Ein fein kuratiertes CD-Set erinnert nun an Bands wie Ride, Lush und Slowdive.

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Über das Genre mit dem seltsamen Namen "Shoegaze" soll Richey Edwards, der verschollene Gitarrist der Manic Street Preachers, mal gesagt haben, dass er es "mehr hasse als Hitler". Etwas milder waren damals, zum Ende der Achtzigerjahre, die Journalisten, die mehrheitlich "Shoegaze" als lahmen Scherz abtaten. Kein Wunder, denn eigentlich war bereits der Name "Shoegaze" ursprünglich als Schimpfwort für die entsprechenden Bands gedacht gewesen, erinnerte sich Miki Berenyi, Sängerin und Gitarristin der Band Lush.

Diese sogenannten "Schuhstarrer" waren junge britische Indie-Rocker, die auf Konzertbühnen auffällig oft zu Boden blickten; einerseits, weil sie konzentriert auf die zahlreichen Gitarren-Effektgeräte zu ihren Füßen guckten, mit denen sie einen flirrenden Donnersound entfachten. Andererseits senkten sie den Blick, weil ihnen jegliche Rockstarpose unangenehm war und sie das Rampenlicht scheuten: "Wir waren der Gegenentwurf zu Rockstars wie Bono." Gab Mark Gardener, Sänger der "Shoegaze"-Band Ride mal zu Protokoll.

"Shoegaze" war ein Phänomen, das zum Ende der Achtzigerjahre hin im Großraum London seine Anfänge nahm und bis zur Mitte der Neunziger währte. In dem Intervall zwischen Punkrock und Britpop zelebrierte eine Szene lichtscheuer Briten die Freuden des samtenen Gitarrendröhnens. Bands wie My Bloody Valentine, Ride, Lush, Pale Saints, Chapterhouse und Slowdive koppelten zerfaserte Gitarren-Sounds mit honigsüßen Melodien und vernuscheltem Gesang. Weil sie weder streitlustig noch provokant waren und auch die Charts nicht im Auge hatten, waren sie der Fachpresse von Beginn an suspekt. So wurden sie überwiegend, mit wenigen Ausnahmen wie My Bloody Valentine oder Ride, mit milder Häme bedacht, und als der sanfte Spuk vorüber war, weinte ihnen kaum jemand eine Träne nach.

Klitzekleines Manko

In diesem Jahrtausend hat sich der Blick auf "Shoegaze" grundlegend geändert. Die einst belächelten Protagonisten gelten längst als so cool wie einflussreich. Nachgewachsene Bands wie Mogwai, Sigur Rós oder M83 übertrugen den "Shoegaze"-Sound in die Gegenwart. Letzte Zweifler sollten sich den Dokumentarfilm "Beautiful Noise" anschauen, in dem neben den Hauptdarstellern von einst prominente Fans wie Trent Reznor, Robert Smith und Billy Corgan Loblieder auf die Bodengucker anstimmen.

Passend zur Rehabilitation erscheint nun das neue und aufwendig kuratierte "Shoegaze"-CD-Set "Still In a Dream". Über die Distanz von fünf Tonträgern werden Vorläufer, Klassiker, Geheimtipps und Raritäten aneinandergereiht. Neben vielen britischen Bands und vereinzelten Beiträgen aus Holland oder Japan sind erstaunlich viele US-Bands vertreten, wo das Genre unter dem sehr viel schöneren Namen "Dream-Pop" Fuß fasste. Beigepackt ist dem Set noch ein umfangreiches Booklet mit zwei Essays zum Thema, sowie Kommentare zu allen Songs.

Das einzige, klitzekleine Manko der geglückten Zusammenstellung ist, dass mit My Bloody Valentine ausgerechnet die wichtigste aller "Shoegaze"-Bands nicht dabei ist. Und das, obwohl sogar der Titel dieser CD-Sammlung einem My-Bloody-Valentine-Text entnommen wurde. Die Abwesenheit der Künstler ist aber kein Fehler der verantwortlichen Plattenfirmenmenschen, sondern Resultat der Weigerung von My Bloody Valentine, ihre Musik für Sampler zu lizenzieren.

Ansonsten wird hier ein breiter Bogen geschlagen: Von Vorläufern wie The Jesus And Mary Chain, Cocteau Twins, The House of Love und Spacemen 3 über Stars und Sternchen wie Ride, Lush, Cranes, Chapterhouse und Slowdive bis hin zu obskuren "Shoegaze"-Adepten wie The Sunflowers, Alison's Halo und Majesty Crush.

Natürlich werden sich allerlei Schlaumeier empören, dass diese oder jene Band hier deplatziert ist, und aufzählen, welche Leistungsträger ignoriert wurden. Manchmal mag das auch korrekt sein, aber letztlich ist es auch egal. Denn die große Überraschung dieser "Shoegaze"-Zeitreise ist doch, wie verblüffend frisch ein Großteil dieser Musik noch wirkt. Es hilft, diese Songs so laut wie nur möglich zu hören. Entweder über gute Kopfhörer oder, idealerweise, eine anständige Heimanlage.

Anlässlich des späten Ruhms legen nun auch einige der alten Bands wieder los. My Bloody Valentine und Ride sind seit einigen Jahren wieder aktiv, zuletzt gaben auch Lush ihre Auferstehung bekannt. Nur auf den Boden starren sie alle schon längst nicht mehr.

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bhomburg 04.03.2016
1.
Damit werde ich mir die Wartezeit bis zum Lush-reunion-Konzert am 15. April verkürzen....
miss_shapes 04.03.2016
2. Für deutsche Shoegaze-Fans...
... In Regensburg gibt es seit zehn Jahren eine Veranstaltungsreihe, die sich der Musikrichtung widmet: Sublime. Und am 1., 2. und 3. April feiern sie Zehnjähriges mit feinen Konzerten & Party. Hier mehr Infos: http://sublime-music.blogspot.de/2016/02/sublime-10-jahre.html
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