"Siegfried" in Bayreuth 2013: Gefangen in der Ironiefalle

Aus Bayreuth berichtet

Castorfs "Siegfried": Bayreuth Alexanderplatz Fotos
AFP/ Bayreuther Festspiele/ Enrico Nawrath

Im dritten Teil des neuen Bayreuther "Rings" lässt es Regisseur Frank Castorf ordentlich krachen. Der "Siegfried" bietet Gewalt, Revolutionsgelüste und Riesenkrokodile auf: Bilder-Amok pur, leider mit faden Pointen.

Sehr laut bringt der junge Siegfried den Drachen Fafner zur Strecke, um das Gold und den "Ring des Nibelungen" zu gewinnen. Nicht mit dem üblichen Schwert "Notung", bekannt aus Opern-Libretto und Sagenüberlieferung, sondern mit einer satten Maschinenpistolensalve. Diesmal wollte Regisseur Frank Castorf in seiner Bayreuther Jubiläumsinszenierung beherzt zupacken, nachdem "Die Walküre" eher dezentes Rampentheater bot. Dass es im zweiten Aufzug richtig knallen sollte, war schon im Vorfeld ruchbar geworden, weil sich Dirigent Kirill Petrenko leisere Schüsse aus der Schnellfeuerwaffe ausbedungen hatte. Danke, Herr Petrenko, es war auch so plakativ genug.

Dabei fing alles so nett an: Siegfried lümmelt angeödet bei seinem Ziehvater, dem Schmied Mime, herum, der natürlich weiß, dass Siegfried als Sohn von Siegmund und Sieglinde der neue Held und die Hoffnung des Götterchefs Wotan für seine Machtpläne werden soll. Mime will aber selbst den Nibelungenschatz und versucht mit bescheidenen Mitteln, Siegfried für seine Zwecke zu manipulieren. Ihm ist sein amerikanischer Trailer-Wohnwagen aus dem "Rheingold" vom Beginn des "Rings" erhalten geblieben, hier schmiedet er verzweifelt an Schwertern für seinen Pflegesohn, der sie aber mit roher Kraft stets zerlegt und lieber zur MP greift.

Die Szenen spielen sich unter einem symbolhaft verfremdeten Mount Rushmore ab: Nur dass statt der amerikanischen Präsidenten Washington, Jefferson, Theodore Roosevelt und Lincoln die kaum weniger markanten Großgesichter von Marx, Lenin, Stalin und Mao (sieht ein wenig wie Michail Gorbatschow aus) prangen. Siegfried, der rabiate Jungspund, besticht nicht gerade durch intellektuelle Schärfe, aber der Instinkt des Anarchisten lässt ihn schon mal prophylaktisch die neuen Götter, vor allem Stalin, mit dem Hammer bearbeiten. Merke: Idole, Götter gar, sind austauschbar und müssen stets in Frage gestellt werden. Das alles ist eingebettet in die von Wagner durchaus intendierte Komik der Beziehungskiste zwischen Mime und Siegfried: Spuren von Humor sind beabsichtigt, auch wenn's um das Ganze geht.

Mit dem Hammer gegen Stalin

Das alles reicht dem Regisseur aber nicht, um die Mythen auf menschliches Maß herunterzubrechen. Ziel dieses "Siegfried"-Werks im "Ring"-Kontext ist es ja, aus dem kindlichen Teenager durch die große Tat einen frei denkenden Helden und den Erlöser der in der "Walküre" verbannten Brünnhilde zu machen. Dieses Erwachsenwerden gelingt - aber nicht zum Wohle des göttlichen Strippenziehers Wotan.

Fotostrecke

14  Bilder
Back in Bayreuth: So funktionieren die Wagner-Festspiele
Dazu geht Castorf wieder einen Schritt weiter in die Gegenwart. Berlin, Alexanderplatz, U- und S-Bahnstation, ein Imbiss, eine Tankstelle der alten DDR-Spritmarke Minol, dazu die bekannte Weltzeituhr: Hier tobt das banale, nicht so schöne Leben. Es ist eine Spiegelung der "Rheingold"-Welt, nur, dass der Gott Wotan vom schmierigen Gangster zum saufenden, kettenrauchenden und zechprellenden Verlierer geworden ist.

Und alles kippt mit der lautstarken MP-Salve: Der Knalleffekt, der den Ring-Besitzer Fafner zur Strecke bringt, ist in der Inszenierung die Bruchstelle, die mehr brach als sie wohl sollte. Einleitend hatten Siegfried und Fafner eine eher tumbe Rangelei in der U-Bahn, gefilmt wie von einer Überwachungskamera. Nach der Sündensalve rollt dann ein castorfsches Ironieprogramm ab, das nur eine Botschaft transportiert: Der Regisseur nimmt seinen Stoff nicht wirklich ernst.

Der Drache stirbt im Kugelhagel

Dass die Erdgöttin Erda für Wotan so eine Art alte Liebe ist, auf die er auch vor dem U-Bahn-Imbiss mal wieder zurückkommen kann, mag noch angehen. Dass die Aufklärung spätpubertären Siegfrieds über seine Bestimmung durch den weiblichen Waldvogel augenzwinkernd auch auf den Sexualbereich ausgedehnt wird, darf auch noch belächelt werden. Dass dann nach der Befreiung Brünnhildes durch Siegfried zwei symbolträchtige Riesenkrokodile über die Bühne kriechen (zwei vom gleichen Schlag haben sich gefunden!), von denen eines den Waldvogel frisst - da fühlt man sich denn doch ins historisch surreale Dada-Land versetzt. Dass das Zeitalter der allumfassenden Ironielösung vorbei ist, hat sich offenbar nicht bis zu Frank Castorf herumgesprochen. Das normale Leben der beiden Liebenden Brünnhilde und Siegfried - schließlich musste sie ihre Arbeit als Walküre aufgeben - illustriert ein Hochzeitsdinner vor dem Bahnhofsimbiss: Kann man machen. Originell ist es nicht.

Wieder Jubel fürs Ensemble

Für diese Ideen gab es, vor allem nach dem zweiten Aufzug, ein reichlich geteiltes Publikumsecho mit lauten Buhs. Einhelliger Jubel prasselte aber einmal mehr auf das Ensemble nieder. Lance Ryan sang, etwas lärmig und exaltiert, den selbstbewussten Siegfried, der temperamentvoll und agil über die Bühne fegte. Sein langes Duo mit der zwischen Müllsäcken wiedererwachten Catherine Foster (Brünnhilde) schillerte bis in alle Details und erleuchtete in seiner unforcierten Eleganz auch den tristen Alexanderplatz. Der sexy Waldvogel von Mirella Hagen, die auch schon als Rheintochter Woglinde gefiel, bezauberte als pfauengefiedertes Phantasiewesen aus dem Varieté, das den jungen Helden mühelos verführt. Burkhard Ulrich (Mime) und Martin Winkler (Alberich) räumten ebenso kraftvoll ab wie abermals Wolfgang Koch als wandernder Wotan.

Ganz großer Applaus erneut für die brillante Orchesterführung von Bayreuth-Neuling Kirill Petrenko: Von grüblerisch-raunenden Vorspielen über feinste Gefühlsverästelungen und knallige Ausbrüche gelang ihm nahezu die gesamte Wagner-Palette mit großer Treffsicherheit bis ins Detail. Selbst wenn Siegfried und Wotan in den höchsten Höhen ihres Bühnen-Mount-Rushmores turnten, war noch dichter Zusammenhalt zwischen Orchester und Solisten da. Musikalisch muss man vor der noch ausstehenden "Götterdämmerung" also keine Angst haben. Vielleicht entkommt Frank Castorfs Regie dann in der Gegenwart der fatalen Ironiefalle.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Was haben wir ...
naseweiser 30.07.2013
Normalos doch für ein Glück , dass wir uns diese Art Hochkultur nicht antun müssen ! Den Spaß gönnen wir gerne unseren Promis , die zur Strafe bei Wagners unendlichen Melodien und tiefgründigem Geraune stundenlang ihr Sitzfleisch strapazieren dürfen . Manch eine TV-Serie ist da witziger , klamaukiger , aber auch aktueller und ja doch - sogar lehrreicher . Nicht zu verachten dabei : man kann mal aufstehen , zum Kühlschrank gehen , sich unterhalten , laut lachen , kommentieren und so alles ...
2.
bettyboop2013 30.07.2013
Den Ring der Nibelungen nicht Bayreuth zu überlassen, zu entstauben, und in die moderne Zeit zu verlegen, finde ich spannend. So erreicht man auch mal ein anderes als das immer gleiche gerontologische Publikum. Nur einmal habe ich ein Stück an der Volksbühne gesehen: eine Biografie über Frida Kahlo. Ich habe nicht alles verstanden, aber da es eine Biografie war, gab es Frank Castorf Spielraum zu kraftvollen, romantischen Bildern, an die ich mich teilweise noch heute (10 Jahre später) erinnere. Dadurch, dass Castorf die "Ring"-Saga ins heute verlegt hat, hat er wahrscheinlich viel Energie in den Kulissenaufbau gesteckt (zumindest sieht es auf den Fotos so aus), um klar zu machen, wo man sich gerade befindet. Ich kann mir vorstellen, dass darunter die Poesie und die traurigschönen Bilder gelitten haben. Wirkt etwas öde und depressiv. Aber vielleicht täusche ich mich ja auch, immerhin habe ich es nicht selbst gesehen und quatsche nur von Ferne mit. Das Projekt selbst finde ich mutig und interessant.
3.
schnuffschnuff 30.07.2013
Zitat von naseweiserNormalos doch für ein Glück , dass wir uns diese Art Hochkultur nicht antun müssen ! Den Spaß gönnen wir gerne unseren Promis , die zur Strafe bei Wagners unendlichen Melodien und tiefgründigem Geraune stundenlang ihr Sitzfleisch strapazieren dürfen . Manch eine TV-Serie ist da witziger , klamaukiger , aber auch aktueller und ja doch - sogar lehrreicher . Nicht zu verachten dabei : man kann mal aufstehen , zum Kühlschrank gehen , sich unterhalten , laut lachen , kommentieren und so alles ...
Dumm nur, dass der gemeine Steuerzahler, der praktisch nie eine Chance auf eine Karte hat, dafür jedes Jahr mit 7Mio Euro zur Kasse gebeten wird. Was schon deshalb inakzeptabel ist, weil dieser ganze kitschige Mummenschanz locker über die Eintrittspreise zu finanzieren wäre.
4.
bettyboop2013 30.07.2013
Zitat von schnuffschnuffDumm nur, dass der gemeine Steuerzahler, der praktisch nie eine Chance auf eine Karte hat, dafür jedes Jahr mit 7Mio Euro zur Kasse gebeten wird. Was schon deshalb inakzeptabel ist, weil dieser ganze kitschige Mummenschanz locker über die Eintrittspreise zu finanzieren wäre.
Hallo gemeiner Steuerzahler! Wieso keine Chance auf Karten? Bayreuther Festspiele » Deutsch » Tickets & Service » Tickets » Bestellung (http://www.bayreuther-festspiele.de/deutsch/bestellung_12.html) Und hiermit kommen Sie hin. DB Bahn: bahn.de - Ihr Mobilittsportal fr Reisen, Bahn, Urlaub, Hotels, Stdtereisen und Mietwagen (http://www.bahn.de/p/view/index.shtml)
5. Katharina Wagner Garant für Regieblödsinn
opernschreck 30.07.2013
Katharina Wagner hat es ja mit ihrem Regieverbrechen derMeistersinger in Bayreuth vorgemacht und solange diese Dame am grünen Hügel regiert werden wohl die Herren und Damen Regisseure versuchen sich gegenseitig mit Regieblödsinn zu übertreffen.Tabus auf der Bühne werden hier ständig verletzt und diese Verletzungen werden sich eines Tages bitter,bitter rächen!!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS
alles zum Thema Bayreuther Festspiele
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 9 Kommentare
Fotostrecke
Wagners "Walküre": Drama an der Bohrstelle

Fotostrecke
Bayreuther Festspiele: Die Kanzlerin in Blau